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dr.pingel

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1

Mittwoch, 9. August 2017, 21:20

Jerusalem 586 ante

Einleitung.
1. Es geht hier zunächst ein wenig um Geschichte, die man aber kennen muss, um die Musik, die dann folgt, zu verstehen.
Ein kurzer Abriss der Geschichte Israels sieht so aus (alle Zahlen vor Christus):
1000 - 926: Die Könige Saul, David, Salomo
926: Die Reichsteilung in Israel (Nordreich) und Juda (Südreich)
721: Die Assyrer erobern das Nordreich und versklaven die Einwohner; Israel hört (nur das Nordreich) auf zu existieren
586 (oder 587 oder 589): Die Babylonier unter Nebukadnezar erobern Juda (das Südreich), zerstören Jerusalem und vor allem den Tempel und führen die Einwohner als Sklaven nach Babylon. Diese Zeit wird vor allem im Propheten Jeremia beschrieben
(Jeremia 52 und 2.Könige 25).

2. Die jüdische "Bibel" besteht aus drei Teilen, der Torah (5 Bücher Mose), den Propheten (nebiim) und den sog. Ketuvim ("Schriften").
Hier hat auch das Buch der Klagelieder des Jeremia seinen Platz. Als die jüdische Bibel im Christentum zum Alten Testament wurde, wurden die Klagelieder hinter Jeremia verschoben.
Der Verfasser ist definitiv nicht Jeremia, aber jemand, der den Untergang der Stadt und des Tempels gesehen hat.
In der Vulgata hieß dieses Buch lamentationes Jeremiae oder auch threni (latinisiertes Griechisch für Tränen).
In der Lutherbibel heißen sie Klagelieder.
"Ich hasse Zugaben. Zugaben zeichnen sich dadurch aus, dass sie in Form und Inhalt nicht gut genug sind für das eigentliche Programm!" (Henning Venske)

dr.pingel

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2

Mittwoch, 9. August 2017, 21:33

Tallis - Lamentationes Jeremiae

Dieses Stück ist für mich eines der eindrücklichstes und prägenden meiner "Chorkarriere" gewesen, ich habe es in drei verschiedenen Chören gesungen, darunter einmal sogar im tiefen Alt (was immer hoher Tenor bedeutet). Das könnte ich heute nicht mehr. Das Werk entstand zwischen 1560 (Teil1) und 1569 (Teil 2).
Beide Teile werden mit einer Überschrift eingeleitet: "incipit Lamentatio Jeremiae Prophetae".
Die einzelnen Verse werden mit hebräischen Buchstaben überschrieben, die auch Zahlen sind: alef, beth, gimel, dalet, he.
Diese Buchstaben hat Tallis mitkomponiert, und die Kompositionen sind von atemberaubender Intensität und Schönheit.
Es gibt einen Refrain, der besonders eindringlich komponiert ist: "Ierusalem, Ierusalem, convertere ad Dominum Deum tuum".
Den Text kann man im AT oder im Internet nachlesen.
Es gibt unendlich viele Aufnahmen von diesem Stück. Meine Lieblingsaufnahme ist verschollen, es war die mit den Clerkes of Oxenford unter David Wulstan, der nicht mehr existiert (der Chor, von Wulstan weiß ich es nicht).
Ansonsten hat dieses Stück jedes englische Vokalensemble eingespielt, mit der für englische Ensembles garantierten Qualität. Eine besondere Seite gibt es bei YouTube, bei der die Noten abgebildet sind und immer die Noten angezeigt werden, die gerade dran sind. Ideal zum Mitsingen!
Nachtragen möchte ich, dass der Text durchaus zur katholischen Liturgie gehörte. Die Kehrverse (Ierusalem convertere ad Deum tuum) sind besonders eindringlich gestaltet, weil bei Tallis offensichtlich noch ein persönlicher Schmerz dahinter steckt. Als Katholik war er ein Fremder im eigenen Land, denn Heinrich VIII hatte England die anglikanische Kirche verordnet. Mit Jerusalem und der lamentatio darüber war für Tallis ziemlich sicher seine katholische Kirche und das Papsttum mitgedacht.
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  • »Johannes Roehl« ist männlich

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3

Donnerstag, 10. August 2017, 00:10

Wenn man das so persönlich deuten will, müsste nicht eher England und die anglikanische Kirche gemeint sein? Nicht der Papst ist abgefallen, sondern die englische Kirche und ihr könnte Tallis mit besagtem Vers zurufen, dass sie sich wieder "bekehren", zurückkehren soll.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist in dem hebräischen Text der Lamentationes die Dichtung so gestaltet, dass jeder Abschnitt mit dem jeweils folgenden Buchstaben des Alphabets beginnt, diese Gliederung ist gleichsam eingebaut. Warum die Anfangsbuchstaben dann auch im lateinischen Text, in dem sie als Fremdkörper wirken, sozusagen externe Gliederungspunkte sind, erhalten geblieben sind, weiß ich nicht. Ebensowenig, warum sie in den Vertonungen oft besonders herausgehoben werden.

quodlibet

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4

Donnerstag, 10. August 2017, 01:19

Hab mich schon lange nicht mehr mit den Lamentationen beschäftigt.
Ich weiß nur, dass die hebräischen Anfangsbuchstaben in gewissen mittelalterlichen Handschriften in lateinischen Buchstaben am Rand ausgeschrieben worden sind (manchmal stehen diese Vermerke auch am falschen Ort und sind korrigiert worden).
Zudem ist die alphabetische Reihenfolge nicht in allen Lamentationen die gleiche (ain - pe bzw pe - ain).

Vielleicht hat Dottore Pingel Hinweise und/oder Erklärungen zu diesen Fragen ?

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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5

Donnerstag, 10. August 2017, 10:36

Aus wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Klagelieder_Jeremias

"Die Klagelieder sind Beispiele von hochstehender hebräischer Dichtkunst. Sie sind im Versmaß der jüdischen Totenklage (Qina) abgefasst, die ersten vier als Abecedarius (alphabetisches Lied). Dieses Akrostichon hat nicht nur den praktischen Zweck der Gedächtnisstütze, sondern ist auch Ausdruck der Grenzenlosigkeit der alles einschließenden Trauer – vergleiche im Deutschen den Ausdruck „von A bis Z“ für „alles“. Das Akrostichon beweist, dass die Lieder von Anfang an schriftliche Literatur waren und nicht eine erst später niedergeschriebene mündliche Überlieferung darstellen.

Die ersten beiden Lieder enthalten je 22 Verse mit drei Zeilen. Die ersten Worte jedes Verses beginnen der Reihe nach mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Das vierte Lied ist ebenso gestaltet, jedoch kommen auf jeden Vers zwei Zeilen. Das dritte Lied hat 66 Verse, unterteilt in 22 Einheiten zu je drei Versen. Jeder dieser Verse beginnt mit dem entsprechenden gleichen Buchstaben. Eine Besonderheit besteht darin, dass im zweiten bis vierten Lied der Pe-Vers entgegen der heute üblichen alphabetischen Reihenfolge vor dem Ajin-Vers steht. Diese Folge ist jedoch ebenfalls in alten Alphabettafeln belegt. Das fünfte Lied hat 22 Verse zu je einer Zeile, aber ohne spezifische Buchstabenfolge. Die Klagelieder verwenden eine reiche Zahl von Bildern, um das Leid und die Trauer plastisch darzustellen."

Ich finde kein klare Information dazu, warum die jeweils vorgestellten Buchstaben in die Vulgata übernommen wurden und mitvertont werden. Es ist wohl einfach eine praktische musikalische Zäsur, wenn auch inhaltlich ohne Bedeutung und gerade deshalb kann man frei und virtuos komponieren, ohne etwa eine Textverständlichkeit einzuschränken. Auch die "Überschrift" (incipt lamentatio (H)ieremiae prophetae) wird ja mitkomponiert.

dr.pingel

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Donnerstag, 10. August 2017, 10:53

Wenn man das so persönlich deuten will, müsste nicht eher England und die anglikanische Kirche gemeint sein? Nicht der Papst ist abgefallen, sondern die englische Kirche und ihr könnte Tallis mit besagtem Vers zurufen, dass sie sich wieder "bekehren", zurückkehren soll.




Danke für die Korrektur; du hast vollkommen Recht.
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7

Donnerstag, 10. August 2017, 10:58

Aus wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Klagelieder_Jeremias

"Ich finde kein klare Information dazu, warum die jeweils vorgestellten Buchstaben in die Vulgata übernommen wurden und mitvertont werden. Es ist wohl einfach eine praktische musikalische Zäsur, wenn auch inhaltlich ohne Bedeutung und gerade deshalb kann man frei und virtuos komponieren, ohne etwa eine Textverständlichkeit einzuschränken. Auch die "Überschrift" (incipt lamentatio (H)ieremiae prophetae) wird ja mitkomponiert.


Die Sache mit der Vulgata habe ich nicht gekannt. Ich glaube, dass du Recht hast, wenn es lediglich eine Strukturierung der Musik vorgibt. Ich weiß noch von meinem Singen, dass wir alle Buchstaben intensiv geübt hatten und wir alle sehr ergriffen davon waren.
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8

Donnerstag, 10. August 2017, 21:17

Carl Luython: Lamentationes Jeremiae

Ich hatte noch nie von Carl Luython gehört, ein Komponist aus Antwerpen, der zur Musikergarde des tschechischen Kaiser Rudolf II. Vor Jahren gab es ein Symposion über Josquin de Préz in Köln, bei dem das Ensemble Dialogo musicale unter Leo Meilink sang.


Alles wurde beim WDR gesendet. Als ich diese Gruppe im Internet wieder ausgrub, gab es dieses Ensemble nicht mehr, allerdings gab es noch eine großartige Doppel-CD: Musik am Prager Hof Kaiser Rudolfs II.. Kaiser Rudolf regierte von 1576 bis 1612; er versammelte viel Kunst, Musik und Absonderlichkeiten an seinem Hof. (Kaiser Rudolf ist auch der Kaiser, der das Lebenselixier in Janaceks Sache Makropulos anfertigen lässt). Carl Luython aus Antwerpen war einer seiner Hofmusiker, und auf der CD ist seine großartige Komposition der Lamentationes Jeremiae.
Die Strukturmerkmale sind ähnlich wie bei Tallis. Es gibt Überschriften (incipit lamentatione), Verse und die Buchstaben (Zahlen), die fast das ganze hebräische Alphabet beinhalten. Besonders eindrucksvoll der Refrain, der nach jeder Strophe erfolgt: Jerusalem, Jerusalem, convertere ad Dominus Deum tuum!
Dieses Stück ist 6stimmig und gehört in die Karfreitagsliturgie.

https://www.youtube.com/watch?v=OXuObLKERwc
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Maurice

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9

Donnerstag, 10. August 2017, 22:14

Der Verfasser ist definitiv nicht Jeremia, aber jemand, der den Untergang der Stadt und des Tempels gesehen hat.

Kannst Du obige Aussage auch exakt beweisen?

Hat Jeremia den Untergang der Stadt und des Tempels etwa nicht gesehen bzw. miterlebt?
Einer der erhabensten Zwecke der Tonkunst ist die Ausbreitung der Religion und die Beförderung und Erbauung unsterblicher Seelen. (Carl Philipp Emanuel Bach)

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10

Freitag, 11. August 2017, 16:30

1. Exakt kann man in der Geschichtswissenschaft selten was beweisen. So gibt es etwa kein Autograph von Jeremia. Die Frage, die du stellst, gehört in den Zweig der historischen Wissenschaften, die man Einleitung oder Literarkritik nennt. Hier wird etwa im AT geforscht nach den Quellen, den Verfassern, dem Datum. Und da meint die Wissenschaft der Moderne, dass man den Verfasser nicht kennt. Da mein Studium schon so lange her ist, weiß ich die Argumente nicht mehr. Bei Wikipedia (Stichw. Klagelieder) findest du mehr.

2. Die Frage ist für unser Thema nicht relevant. Erst die historische-kritische Forschung (Ende 19.Jh) hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Bis dahin haben alle die Klagelieder dem Jeremia zugerechnet, auch die Komponisten, um die es hier geht.
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Maurice

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11

Freitag, 11. August 2017, 18:13

Die Frage ist für unser Thema nicht relevant

Da stimme ich Dir natürlich zu. Trotzdem dankeschön für Deine Mühe und Antwort :hello: !
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12

Freitag, 11. August 2017, 19:55

Super flumina Babylonis

Das ist der Beginn von Psalm 137 (Septuaginta und Vulgata zählen 136) auf lateinisch. "An den Wasserflüssen Babylons saßen wir und weinten.....". So sangen die Exilanten des Jahres 586 v.Chr. Dieser Psalm beschreibt die Sehnsucht der exilierten Juden nach Jerusalem und dem Tempel. Die hier angesprochenen Flüsse sind der Euphrat mit seinen Nebenflüssen und der Chabur.
Der Text:
Super flumina Babylonis ibi sedimus et flevimus cum recordaremur Sion.
Super salices (Weiden) in medio eius supendimus citharas (Harfen) nostras.
Quoniam ibi interrogaverunt nos qui captivos duxerunt nos verba carminis et qui adfligebant nos laeti canite nobis de canticis Sion.
Quomodo cantabimus canticum Domini in terra aliena?
Si oblitus fui Hierusalem in oblivione sit dextera mea.
Adhereat lingua mea gutturi meo si non recordatus fuero tui si non praeposuero Hierusalem in principio laetitiae meae.

Dann folgt ein Racheteil, bei dem Babylon das gewünscht wird, was es den Juden angetan hat. Der letzte Vers ist von besonderer Grausamkeit: "Gesegnet seien die, die eure Babys nehmen und sie an einem Felsen zerschmettern". (Dieser Teil wurde von Victoria z.B. nicht vertont).
Vielen der Juden ging es aber in Babylon nicht so schlecht. Man muss bedenken, dass die Babylonier vor allem die Elite verschleppt hatten; die Bauern wurden ja zur Landbestellung gebraucht.
Nach 539 erlaubte der Perserkönig Kyros II., der die Babylonier besiegt hatte, die Rückkehr nach Jerusalem.
Dieser Psalm wurde verständlicherweise dem Propheten Jeremia zugeschrieben.

In der Musik gibt es eine reiche Rezeptionsgeschichte. Ich beschränke mich auf die Vokalpolyphonie. Die schönste Vertonung scheint mir die von Tomás Luis de Victoria zu sein; dazu mit meinem Lieblingsensemble, pro cantione antiqua aus London, unter Bruno Turner, das ich bei YouTube leider nicht finden kann. Aber The Sixteen sind auch sehr gut.

https://www.youtube.com/watch?v=0ueBuANB4tU
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