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La Roche

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  • »La Roche« ist männlich

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211

Freitag, 24. August 2012, 15:05

Lieber Gerhard,

Du sprichst mir aus dem Herzen. Du hast meine Gefühle beim Hören der Musik ausgedrückt, mit Deinen Worten.

La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

212

Freitag, 24. August 2012, 15:13

Ich habe das Glück das ich an die Partituren durch einen Bekannten kommen kann, der Musik studiert. Vorgestern habe ich von ihm die Salome und Elektra Partitur bekommen, da ich im September die Elektra Premiere an der Rheinoper besuchen werde. Dazu habe ich dann noch die Reclamtexthefte und sehe oder höre mir dann die unterschiedlichsten Aufnahmen an. Und mir geht es auch so wie Gerhard, das ich mehr der Gefühlsmensch als der Theoretiker bin. Ich finde es auch nicht schlimm wenn mir jemand wenn ich in die Oper gehen einen "schönen oder unterhaltsamen Abend " wünscht. Gut bei Stücken wie Elektra ist das vielleicht nicht ganz so passend :) . Aber auch Wagner oder Strauß können unterhaltsam sein.

farinelli

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  • »farinelli« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. Mai 2009

213

Freitag, 24. August 2012, 17:04

Lieber Rodolfo,

da du die Partitur ja nun in Händen hältst, will ich mal versuchen, nur die ersten Takte kurz zu referrieren.

Es beginnt, cis Moll, mit einem auftaktigen Klarinettenlauf, der in das bekannte Salomémotiv mündet, gefolgt von einem zweiten, höher ausgreifenden Lauf.

Die unterlegte Harmonie, liegende Holzbläserakkorde und Trompeten, bewegen sich von cis-Moll (Takte 1-2) nach Cis-Dur (Takt 3). So weit, so simpel. Man könnte hier, ganz in der Tradition Schuberts, von einer rein farblichen Aufhellung reden, da Flöten, Oboen und gedämpfte Trompeten das matte cis-Moll tragen, während beim Cis-Dur nicht allein die geteilten oberen Streicher, sondern auch Celesta, Harfe und ein Harmonium hinzutreten (es müßte mal eine Aufnahme geben, auf der man das wirklich hört).

Ein drittes Element, das diesen Übergang von Moll nach Dur überlagert, ist eine dünne chromatisch aufsteigende Linie in den tremolierenden zweiten Geigen und der ersten Flöte. Sie beginnt beim gis´´ und mischt dem cis-Moll-Dreiklang in Takt 2 das diffus dissonierende a´´ hinzu, um sich erst in Takt drei vorübergehend als ais´´, also als sixte ajoutée, in Cis-Dur aufzulösen. Doch im weiteren Verlauf steigt diese Linie unbeirrt nach h´´, his´´, cis´´´ bis zum d´´´, wo sie einen Augenblick zu verharren scheint.

Diese chromatische Linie, ob man darin nun den aufsteigenden Mond sehen möchte oder nur eine atmosphärische Regung, bringt eine gewisse Irritation in den harmonischen Verlauf. Gegen diese Musik ist Wagners guter alter Tristan ein altmodischer Orgelblasebalg mit wunderbar faßlichen Kadenzen.

In Takt 5 erklingt erstmals Salomés Namen, auf dem Dominantseptnonenakkord über D(-Fis-A-C-E). Der Tenor stimmte Takt 3 an mit einer großen Sexte abwärts ("wie schön"), um am Ende der Phrase das gleiche Intervall aufwärts zu spannen ("heut nacht!"). Darunter bewegt sich eine erregt raunende Mittelstimme (geteilte Celli) in großen Sext-Sprüngen, die nicht von ungefähr an den Beginn von "Tristan und Isolde" denken lassen.

Die chromatischen Eintrübungen (abwärtsgeführte kleine Sekunden, a-as in den Celli, der Singstimme) setzen sich schließlich auch in der chromatisch emporgleitenden Oberstimme fort, die von d´´´ über des´´´ nach c´´´ rutscht (auch in der dezent schrillen Oboe, bei "wie sie seltsam aussieht"), während über "Sie ist sehr seltsam" in den ersten Violionen wiederum eine chromatisch aufsteigende Linie (e´´-f´´-fis´´-g´´) hinzutritt.

Das ganze hat den subtilen Charakter der Ziellosigkeit, des irgendwo Hingezogenwerdens ohne eindeutige Tendenz, des Entgrenzten und Diffusen.

Aber das sind erst die verhältnismäßig einfachen Eröffnungstakte dieser Oper. Mit ganz wenigen, hauchzarten Strichen wird hier eine Atmosphäre aufgetan und im weiteren Verlauf verdichtet, bis die Stimmung dann, zum Lärm im Bankettsaal, erstmal kippt. Eine großartige Partitur.

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

Caruso41

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  • »Caruso41« ist männlich

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214

Freitag, 24. August 2012, 17:34

Ich bin also nur ein einfacher Musikfreund geblieben, der begierig auf alles war und sich im Laufe der Jahre vielerlei Musikwerke zugelegt hat. Ich kann mich daher auch selten an musikanalytischen Themen und Beurteilungen mit eigenen Beiträgen beteiligen, weil ich die Aussagen der Musik eher empfinde als dass ich sie in ihre Einzelteile zerlegen und beschreiben könnte.

Lieber Gerhard,

kein Komponist schreibt für andere Kpomponisten! Sie wollen etwas mitteilen und/oder unterhalten. Wenn es um die Oper geht, wollen sie zunächst und vor allem dem Besuchern der Aufführung ihre Figuren und ihre Geschichte nahe bringen. Er soll berührt und gerührt werden, Mitleid empfinden oder Wut, sich angezogen fühlen oder abgestoßen, kurz: er wird emotional angesprochen!
Du brauchst Dich also überhaupt nicht zu entschuldigen, wenn Du nicht musikwissenschaftlich analysierst sondern hörst und dich für das öffnest, was Du hörst! Ich habe ja oben schon gesagt, dass dieses ästhetische Verstehen der Musik eigentlich die primäre Annäherungsform ist! Und sie ist keineswegs schlechter als eine Annäherung, die ein Werk auf der Grundlage von Informationen, in eingehendem Studium und durch analytischen Bemühungen zu verstehen sucht.

Du hast Dich schon so viel mit Musik beschäftigt und hast darüber eigene Möglichkeiten und Standards des Verstehens und Urteilens entwickelt! Da solltest Du weiter ohne Scheu sagen, was Du hörst, was Du dabei empfindest und fühlst und was es Dir bedeutet! Wer sagt denn, dass Du damit nicht tiefer zum Kern des Werkes vordringst als Andere, die jedes Wort genau bedacht haben und jede Note in ihren harmonischen Bezügen und musikdramatischen Funktionen erklären können?

Alfred hat gelegentlich ins Gespräch gebracht es könnte vielleicht sinnvoll sein, eigene Threads für Experten zu haben, in denen gleichsam wissenschaftlich valide diskutiert wird, und zum gleichen Thema auch Threads für die Musikfreunde, die sich zwar gern austauschen wollen aber nicht über die wissenschaftliche Vorbildung und wissenschaftliche Interessen verfügen. Das halte ich nicht für erstrebenswert. Ein Austausch zwischen denen, die Musik zunächst und vor allem als ästhetisches Ereignis genießen, und denen, die interessiert sind, Musik als Kunstwerk zu analysieren, kann sehr fruchtbar sein und beiden Gewinn bringen.


Ich habe das Glück das ich an die Partituren durch einen Bekannten kommen kann, der Musik studiert. Vorgestern habe ich von ihm die Salome und Elektra Partitur bekommen, da ich im September die Elektra Premiere an der Rheinoper besuchen werde. Dazu habe ich dann noch die Reclamtexthefte und sehe oder höre mir dann die unterschiedlichsten Aufnahmen an. Und mir geht es auch so wie Gerhard, das ich mehr der Gefühlsmensch als der Theoretiker bin.

Lieber Rodolfo,

ich finde es großartig, wie Du Dich auf die Aufführungen vorbereitest. Gerade vergleichendes Hören verschiedener Aufnahmen schärft das eigene Wahrnehmungsvermögen und entwicklt die eigene Urteilsfähigkeit ganz enorm! Zugleich führt sie zu einem tieferen Verständnis des Werkes und der ihm eingeschriebenen Sinnpotentiale!

Du hast Dir nun sogar Partituren besorgt! Respekt! Sicherheitshalber aber doch gleich eine Warnung: wenn Du nicht einige Übung im Lesen von Partituren hast, kann das Mitlesen der Salome- und der Elektra-Partitur leicht zum Albtraum werden. Lass Dich nicht entmutigen! Du wirst rein kommen! Bei Eulenburg gibt es eine Anleitung zum Lesen von Partituren - für lau! Man bekommt sie auch in jeder Musikalienhandlung!



Hier kannst Du sie auch bestellen: http://www.schott-musik.de/shop/8/show,139574.html

Partituren selbst zu kaufen, ist ziemlich teuer, aber sicher hast Du in der Nähe eine Musikbibliothek, in der man Partituren ausleihen kann!


Beste Grüße

Caruso41
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Caruso41

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Registrierungsdatum: 19. November 2010

215

Freitag, 24. August 2012, 18:06

Lieber Farinelli,

wenn einer eine Partitur so erzählen kann, wie Du die ersten Takte der Salome erzählt hast, dann braucht man eigentlich schon gar keine Aufnahmen mehr!
Ich habe den Beitrag richtig gern gelesen!
Danke!

Nun mach einfach weiter...

Beste Grüße

Caruso41
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

216

Freitag, 24. August 2012, 18:06

Hallo Farinelli und Caruso,

vielen lieben Dank für deine Einführung Farinelli. Für mich sind das natürlich noch alles böhmische Dörfer. Deshalb jetzt meine Frage: Muss ich mir auch zum besseren Verständnis des Stoffes mir philosophische Werke wie z.B. von Adorno durchlesen ( was ich liebend gern vermeiden würde ), da der Name ja auch schon häufiger in anderen Threads gefallen ist . Danke Caruso für den Tipp. Ist schon bestellt , ich hab nur die Befürchtung das ich nicht allzuviel davon verstehen werde.

Rheingold1876

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  • »Rheingold1876« ist männlich

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217

Freitag, 24. August 2012, 18:22

Verweigerung als menschliche Geste

So, nun hatte ich eigentlich noch etwas zu Jochanaan und seiner Musik sagen wollen, aber leider finde ich gerade nicht das Zitat, das mich dazu veranlasst hat. Die Behauptung war, er würde eigentlich in dem Stück keine Entwicklung durchmachen. Ja irgendwie ist das eine Gestalt wie von einem nazarenischen Bildhauer. Er steht gleichsam in einer Aureole von C-Dur in seiner ganzen marmornen Schönheit! In Berlin konnte man in den 60er Jahren in der Wieland-Wagner-Inszenierung einen Sänger erleben, der das geradezu ideal verkörperte: William Dooley! Ein Bariton mit einer charismatischen Ausstrahlung und einer erzenen Stimme, in der immer Obertöne des Lichtes aufklangen! Aber wenn er endlich Salomes Begehren mit dem "niemals...niemals" abwies, dann war er für einen wahnsinnig intensiven Augenblick der bis in Mark erschütterte und zutiefst versuchte Mann! Unvergesslich!!! Ich habe andereSänger gehört, die entschieden besser gesungen haben, aber keiner ist dem, wie ich den Jochanaan sehe, auch nur annähernd so nah gekommen wie William Dooley!


Mit diesem Erlebnisbericht hat Caruso etwas sehr wichtiges geschrieben. Mich interessiert der Jochanaan vor allem deshalb, weil ich ihn nicht richtig fassen kann. Er ist die fremdeste, die unnahbarste Figur, die ich auf der Opernbühne kenne. Niemals! Niemals! Ich sehe die Szene mit Dooley in Carusos Schilderung vor mir. Ansatzweise habe ich das auch in anderen Inszenierungen gefunden, nie aber mit dieser nur angedeuteten Eindeutigkeit. Sie entspricht haargenau diesem irrlichternden Stück. Nun gibt kaum ein Wort, einen Ausruf, der so oft vor der Geschichte verweht ist wie das Wort niemals. Jochanaan, dieser Eiferer, dieser verbohrte Ideologe, diese Karrikatur des aufbrechenden Christentums, ist für mich hier plötzlich menschlich. Seine Verweigerung gegenüber Salome ist die für ihn einzig mögliche menschliche Geste.

Und noch etwas anderes geht mir durch den Kopf. Hören wir die Botschaften dieses Mannes nicht ausschließlich mit den Ohren von Herodes (der immerhin noch die stärkste Wahrnehmung zeigt indem er sich vor ihm fürchtet) und seiner ganzen Gesellschaft bis hin zu den schlichten Soldaten, für die es auch unmöglich ist, Jochanaan zu verstehen? Wie wollten sie - und fdamit wir - auch? Das junge Christentum, das in die ewige Antike Welt einbricht, wird auch ihr und damit unser Leben verändern. Ist diese Art dramaturgische Montagetechnik gewollt, beabsichtigt? Vielleicht von Wilde mehr denn von Strauss? Mit fällt dazu die Stelle in zweiten Aufzug von Wagners "Siegfried" ein, wo wir plötzlich wortwörtlich verstehen können, was Mime heimlich im Schilde führt. Ist es bei Jochanaan auch so ähnlich, nur andeutungsweise in der umgekehrten Weise? Oder irre ich mich total?

Die Diskussion ist hoffentlich noch lange nicht zu Ende - das Werk gäbe es her. Ich habe sie sehr genossen, und ich habe sehr viel Erkenntnisgewinn. So macht TAMINO wirklich Spaß. Respekt und Dank meinerseits an alle Diskutanten. Schrille Töne lösten sich zu meiner Überraschung schnell in Harmonie auf. Das ist nicht immer so in diesem Forum. Aber der Geist ist nun mal immer wieder dem Mißverständnis ausgesetzt. Das war schon immer so auf dieser Welt. Ich glaube nicht, dass mit derlei Analysen, die auf der Bühne gar nicht alle darstellbar und unsetzbar sind, dem so gegannten Regietheater Vorschub geleistet wird, wie das befürchtet wurde. Für mich besteht das Problem des Regietheaters darin, dass es Ideen und werkanalytische Erkenntnisse nicht überzeugend oder gar nicht umsetzen kann. Es bleibt in der Theorie stecken und findet keine richtigen Bilder. Es ist nicht sinnlich und atemberaubend. Es ist meistens erotikfeindlich und verklemmt selbst noch in öbszönen Darstellungen. Deshalb sehen wir so viel Unsinn, der hinten und vor nicht stimmt.

Es grüßt sehr herzlich in die Rund Rheingold
Es grüßt Rheingold

Erda: "Alles, was ist, endet."

Helmut Hofmann

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218

Freitag, 24. August 2012, 19:16

Eben lese ich – denn ich bin aufmerksamer und zuweilen staunender Leser dieses in seinen letzten Beiträgen bemerkenswerten Threads – die Frage von rodolfo39:
„Muss ich mir auch zum besseren Verständnis des Stoffes mir philosophische Werke wie z.B. von Adorno durchlesen ( was ich liebend gern vermeiden würde ), da der Name ja auch schon häufiger in anderen Threads gefallen ist…“

…und zucke, von schlechtem Gewissen getroffen, zusammen. Denn der Adorno-Protagonist der letzten Zeit hier bin ja wohl ich.

Nun denn:
Obwohl ich weder Strauss-Kenner noch in der Lage bin, zur hier gerade anstehenden Thematik ein Wörtchen mitreden zu können, würde ich sagen:
Nein, lieber rodolfo39, Adorno musst Du nicht lesen, um die Musik von Richard Strauss verstehen zu können. Obwohl Adorno sich – natürlich – auch zu ihr geäußert hat. Zum Beispiel in einem Aufsatz zu Straussens sechzigstem Geburtstag.

Darin findet sich eine Menge Gescheites. Zum Beispiel Sätze wie diese:

„Der Gegenstand seiner Musik ist das Leben: Leben in der spezifischen Bedeutung, die in der Philosophie Nietzsches, Simmels und Bergsons begrifflich geformt wurde, der in der Kunst etwa die Bilder von Slevogt und Corinth, die Skulpturen von Rodin, die Romane von Anatole France und Thomas Manns ansprechen.

Überall hier soll Leben, für sich des Sinnes noch bar, selbst der letzte Sinn sein; überall hier erschöpft sich Leben in der sinnleer ablaufenden Zeit; überall hier versteht sich der Mensch nicht als Kreatur, die sich von Gott abhängig weiß, sondern setzt sich selbst als oberes Maß der Dinge.

Wie dies immanente Leben der Gegenstand von Straussens Musik ist, so ist der Träger seiner Musik jener Mensch, dessen Seele, aus der Beziehung zu Gott entsunken, sich rein in sich selbst genügt: das psychologische Ich.

Strauss … reduziert die Musik entschlossen auf die psychologische Darstellung, gibt das Mittlertum des Wortes preis und macht das Wort, das selbst Abgelöst-Seelisches meint, überflüssig.“

Pardon, wenn ich den hochinteressanten Diskurs mit diesem Beitrag gestört habe. Ich fühlte mich be- und getroffen. Und bin auch schon wieder weg. Zurück in der vergnüglichen Position und Attitüde des reinen Lesers.

Gerhard Wischniewski

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219

Freitag, 24. August 2012, 19:38

Liebe Freunde,

dieses Thema ist wahrhaftig eine Goldgrube und sollte so weitergehen. Für mich haben auch die heutigen Beiträge viele Anregungen gebracht, manches in der Salomé (aber auch in anderen Opern) mit noch offeneren Augen anzusehen. Es ist sicherlich wohl wohl kaum möglich alle Aspekte, die man in einem solchen Werk und vor allem seiner Musik, wie sie Farinelli in seiner eingehenden Schilderung der Einleitung geschildert hat, in einer Inszenierung zu verdeutlichen. Und darin sehe ich die Kunst des Regisseurs, dass er einiges davon deutlich macht, ohne dadurch das Werk verändern, durch störendes oder unverständliches Beiwerk zu "bereichern" oder umdeuten zu müssen. Leider schaffen das viele Regisseure - wie Rheingold schon feststellte - anscheinend nicht mehr. Bei manchen habe ich auch den Eindruck, dass die Musik nur als lästiges Beiwerk gesehen wird, die ja so vieles ausdrücken kann, wie Farinelli das in der schon genannten Schilderung gezeigt hat, was aber während der Aufführung bei vielen Zuschauern - wie auch bei mir - wohl in erster LInie in der Empfindung als durch Worte ausgedrückt ankommen muss. Auch ich bedanke mich heute wieder bei allen für die vielen aufschlussreichen Betrachtungen.

Liebe Grüße
Gerhard
Gar nichts liegt mir daran, ob man meine Sachen gibt: mir liegt einzig daran, dass man sie so gibt, wie ich's mir gedacht habe; wer das nicht will und kann, der soll's bleiben lassen.
(Richard Wagner an Ferdinand Heine, Dezember 1852)

hami1799

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  • »hami1799« ist männlich

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220

Freitag, 24. August 2012, 20:27

Und noch etwas anderes geht mir durch den Kopf. Hören wir die Botschaften dieses Mannes nicht ausschließlich mit den Ohren von Herodes (der immerhin noch die stärkste Wahrnehmung zeigt indem er sich vor ihm fürchtet) und seiner ganzen Gesellschaft bis hin zu den schlichten Soldaten, für die es auch unmöglich ist, Jochanaan zu verstehen?
Lieber Rheingold,

es sind gegensätzliche Bilder, die sich mir zeigen.
Im Vordergrund erscheint die Willensstärke eines geradlinigen Menschen, die Kraft der Überzeugung, die durch nichts zu erschüttern ist und selbst den Tod nicht scheut. Eine faszinierende Haltung, selbst wenn man unterstellt, dass sie nicht aus sich selbst geboren, sondern mit Blick auf ein besseres Leben im Jenseits entstanden ist.

So angenehm und trostreich es für den wahren Gläubigen sein mag, so bedrohlich und lebensfeindlich kann es jenen erscheinen, die sich nicht in dieser Gemeinschaft befinden.
In die Bewunderung für den Opfertod eines Märtyrers mischen sich Bedenken und die Sorge, dass diese Geisteshaltung gerade die Situationen heraufbeschwört, die sie vermeiden wollte.
Die Hussitenkriege, die Inquisition und Hexenverbrennungen, der Streit zwischen Sunniten und Shiiten, die Kreuzzüge, alle sind sie Früchte einer unerschütterlichen Überzeugung.

Wer für das Diesseits ausgerichtet ist, hat damit seine Schwierigkeiten und kann sich schwer in der Gedankenwelt eines Jochanaan zurecht finden, vor allem deshalb, weil in dieser Sicht das Bestrafungsmoment eine zentrale Rolle einnimmt.
Barmherzigikeit lässt sich eben nicht mit Ewiger Verdammnis zu einer harmonischen Ethik vereinen.

Es würde mich nicht wundern, wenn Vielen die Persönlichkeit Salomes menschlicher oder wenigstens verständlicher erscheint, als die des Jochanaan.

hami1799

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  • »hami1799« ist männlich

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221

Freitag, 24. August 2012, 20:36

Pardon, wenn ich den hochinteressanten Diskurs mit diesem Beitrag gestört habe.
Der Herr belieben wohl zu scherzen?

Lieber Helmut,

Du hast da einen hochinteressanten Beitrag geliefert. Gerade die Psychologie der Salome und der Elektra gibt dem Thema so viel Zündstoff, dass die Lohe unserer Diskussionen sicher noch eine ganze Woche weiterbrennen wird.

Zu den Verfassern, die Adorno nennt, könnte ich mir noch zwei weitere denken.

In E.T.A. Hoffmanns "Das Majorat" und E.A. Poes "Der Untergang des Hauses Usher" ist das Verhängnis ebenfalls schon vorprogrammiert. Die morbide Stimmung, die schon vom ersten Takt an die Salome beherrscht, drängt sich dem Leser auch von Beginn der Poe-Erzählung auf und Opfer wie Täter sind schließlich dem Untergang geweiht.

Übrigens, zur vergnüglichen Position und Attitüde des reinen Lesers: Ein stilles Davonschleichen gibt einen Eintrag ins Klassenbuch.

Caruso41

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222

Samstag, 25. August 2012, 12:38

Pardon, wenn ich den hochinteressanten Diskurs mit diesem Beitrag gestört habe. Ich fühlte mich be- und getroffen. Und bin auch schon wieder weg. Zurück in der vergnüglichen Position und Attitüde des reinen Lesers.

Nein, lieber Helmut, gestört hast Du nun wirklich nicht. Im Gegenteil empfand ich Deinen Beitrag mit den Zitaten aus einem Text, der mir noch nicht untergekommen war, hochinteresssant. Dem werde ich mal nachgehen!
Es wäre schön, wenn Du immer mal wieder was beisteuern würdest. Als Liedexperte hast Du sicher einen Blick und ein Ohr für Bezüge zwischen den Liedervertonungen und den Vertonungen der Operntexte. Davon etwas zu hören, fände ich spannend!

Lieber Farinelli, lieber Hami und lieber Rheingold!
Ihr habt noch mal den Jochanaan in den Blick genommen! Sehr interessant! Mir war der Mann bisher nie als Problem erschienen. Gerade als junger Musikfreund war ich von ihm eher fasziniert.

...es sind gegensätzliche Bilder, die sich mir zeigen.
Im Vordergrund erscheint die Willensstärke eines geradlinigen Menschen, die Kraft der Überzeugung, die durch nichts zu erschüttern ist und selbst den Tod nicht scheut. Eine faszinierende Haltung, selbst wenn man unterstellt, dass sie nicht aus sich selbst geboren, sondern mit Blick auf ein besseres Leben im Jenseits entstanden ist.
Ja, diese Geradlinigkeit und Eindeutigkeit habe ich imponierend gefunden. Ein Mann, der gegen die Verworfenheit rund um ihn herum kämpft und von einer besseren Welt kündet. Das hell strahlende Klanggewand in C-dur, das Hinweisen auf den Erlöser und die Zusage der Erlösung mit so wundervollen Kantilenen... das hat mich damals ganz eingenommen! Die Inszenierungen - ich spreche von den 50er Jahren in Berlin - haben ihn auch als einen schönen Mann gezeigt. Er war nicht abgezehrt und starrt nicht von Schutz und Unrat. Er war der Bote einer Utopie!
Und so ganz bin ich von diesem Jochanaan-Bild bis heute nicht losgekommen. Zumal wenn ich an Interpreten wie William Dooley oder auch Tom Krause, sogar noch Eberhard Wächter denke, dann sah ich mich in meinem Bild von der Figur immer bestätigt. Und wenn ein Bariton eher nicht so eine schöne charismatische Erscheinung war (Und die Liste ist lang), dann habe ich auch auf ihn mein Bild projeziert!

Ich kann gut nachvollziehen, wenn Ihr (farinelli hat das ja früher schon sehr pointiert getan und Ihr führt das nun weiter) die Ambivalenz und das Problematische solch einer Figur betont! Aber ich sehe und höre es nicht, wenn ich eine Aufführung der Salome besuche. Als Historiker und Friedensforscher ist mir sofort klar, dass Eure Hinweise nur zu berechtigt sind. Als Opernbesucher bin ich gegen sie aber offenbar immun!
Und noch etwas anderes geht mir durch den Kopf. Hören wir die Botschaften dieses Mannes nicht ausschließlich mit den Ohren von Herodes (der immerhin noch die stärkste Wahrnehmung zeigt indem er sich vor ihm fürchtet) und seiner ganzen Gesellschaft bis hin zu den schlichten Soldaten, für die es auch unmöglich ist, Jochanaan zu verstehen?

Auch diese Feststellung kann ich nachvollziehen aber zugleich muss ich sagen, dass ich eigentlich die Botschaften immer anders gehört und verstanden habe. Aber das wird wohl mit meiner Sozialisation im protestantischen Mileu zu tun haben und nicht so sehr mit Oscar Wilde oder Richard Strauss und ihrem Stück! Zumindest Wilde scheint den Propheten auch zwiespältig zu zeichnen. Aber gerade die Passagen, in denen das mit Händen zu greifen ist, hat Strauss nicht vertont! Und Die Musik, mit der er uns Jochanaan vorstellt, mag man unterkomplex finden - zumal im Vergleich zu der Musik, mit der die anderen Figuren gezeichnet sind - aber sie hat eine Aura, die durch nichts getrübt oder in Frage gestellt wird.
Wirklich spannend finde ich dann vor allem die Orchesterzwischenspiele vor und nach der 3. Szene, in denen Strauss die so klar und fast erratisch gefassten Jochanaan-Motive auf atemberaubende Art und Weise mit den Salome-Motiven verschleift und verschränkt und darüber eine unerhörte musikdramatische Wirkung erzielt. Da wächst den Jochanaan-Motiven etwas zu, was sie zuvor eigentlich eher nicht hatten: eine emotionale Kraft und menschliche Leidenschaft. Ist darin nicht die unentrinnbare und fatale Verflechtung der Schicksale Jochanaans und Salomes höchst eindrücklich imaginiert? Und: klingt da nicht auch nach, was ich eigentlich nur in der Interpretation William Dooleys gehört habe (wie oben erzählt!): dass auch Jochanaan in seiner Moralfestigkeit gefährdet ist und von der Hitzigkeit des Begehrens dieser jungen Frau bis ins tiefste Mark versucht wurde?

Wir sind noch lange nicht fertig mit Jochanaan, Herodes, Herodias, Narraboth und natürlich Salome!

Beste Grüße erst mal für heute allen Salome-Freunden

Caruso41
;) - ;) - ;)

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Caruso41« (25. August 2012, 14:25)


Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

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223

Samstag, 25. August 2012, 19:34

Deinem Wunsch, lieber Caruso41:
„Es wäre schön, wenn Du immer mal wieder was beisteuern würdest.“…

… kann ich leider(!) nicht nachkommen. Der Grund ist simpel: Ich kenne dieses Werk von Richard Strauss nicht gut genug, um mich in einer für mich verantwortbaren Weise dazu äußern zu können.

Ich muss also tatsächlich in der Position des reinen Lesers verbleiben. Diese ist allerdings insofern vergnüglich, als ich aus den überaus kenntnisreichen und hochgescheiten Beiträgen eine Menge über eine Musik erfahre, die mir bislang nicht nur wenig bekannt, sondern – ich gestehe – ein wenig wesensfremd war.

Wie sehr verschieden wir in unserem Verhältnis zur klassischen Musik und den Interessen an derselben hier im Forum sind, das wurde mir in diesem Thread wieder einmal sehr deutlich. Den partiturgestützten Interpretationen der „Salome“ kann ich nicht folgen. Schon allein deshalb, weil ich eine Partitur nicht zu lesen vermag. Es reicht bei mir diesbezüglich gerade mal bis zum Streichquartett.

Als ich das Bekenntnis von farinelli las:
„Ich kenne die Salomé nur deswegen näher, weil ich diese Oper noch zu Schulzeiten vermutlich einige hundert Mal en suite gehört habe, mit Partitur (dafür habe ich halt damals mein Taschengeld ausgegeben).“
… staunte ich und verspürte so etwas wie Hochachtung. Immer wieder einmal wird einem hier im Forum bewusst, wie gering die Kenntnisse und die Erfahrungsbasis sind, über die man selbst in Sachen klassischer Musik verfügt. Und insofern ist es gut, dass es das Tamino-Forum gibt.

Sehr gut sogar!

Caruso41

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  • »Caruso41« ist männlich

Beiträge: 3 128

Registrierungsdatum: 19. November 2010

224

Sonntag, 26. August 2012, 10:17

Deinem Wunsch, lieber Caruso41:
„Es wäre schön, wenn Du immer mal wieder was beisteuern würdest.“…

… kann ich leider(!) nicht nachkommen. Der Grund ist simpel: Ich kenne dieses Werk von Richard Strauss nicht gut genug, um mich in einer für mich verantwortbaren Weise dazu äußern zu können.

Lieber Helmut, das kann ich natürlich voll akzeptieren.
Also werde ich mich damit begnügen, Beiträge von Dir im Lieder-Forum zu lesen. Das tue ich gerne und schon oft hatte ich auch Lust, was beizutragen. Aber dann musste ich doch immer darauf verzichten, weil ich ja nicht unbegrenzt Zeit habe, im Forum zu lesen und zu schreiben. Ich habe noch die altmodische Angewohnheit, erst etwas von mir zu geben, wenn ich mich auch noch mal mit dem Thema echt beschäftigt habe. Ich mag nichts über ein Werk schreiben, das ich länger nicht gehört habe. Und auch Interpreten höre ich mir meist erst noch mal an, ehe ich etwas über sie schreibe. Erinnerungen sind schön und ich hab ein recht gutes Gedächtnis, aber oft staunt man doch, wenn man sie noch mal überprüft, dass man inzwischen vielleicht doch anders hört und urteilt!

Also: Nichts für ungut!
Immerhin könnte ich mir gut vorstellen, dass ich doch bald mal im Liederforum aktiv werde. Die neue CD von Christian Gerhaher mit Beethoven, Schönberg und Berg hat mich neu für den Liedgesang entflammt!

Liebe Grüße

Caruso41
;) - ;) - ;)

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rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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225

Sonntag, 26. August 2012, 10:29

Ich lese auch immer mit großem Interesse Helmut´s Berichte, obwohl ich davon fast nur die Hälfte verstehe. Und auch eins habe ich inzwischen gelernt: Erst hören, dann schreiben.

SchallundWahn

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  • »SchallundWahn« ist weiblich

Beiträge: 872

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226

Sonntag, 26. August 2012, 16:18

Am Salome-Stoff finde ich ja auch stets erstaunlich, wie er sich über die Jahrhunderte entwickelt hat, von einer nebensächlichen, namenlosen Person wie in der Bibel (in der ja Herodias die absolut treibende Kraft ist), das Mittelalter, wo hauptsächlich das Gastmahl und der Tanz als Szene interessant zu sein schien (Salome nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen war), darüber das sie in der Renaissance immer mehr als Person in den Vordergrund trat, bis sie eben zum Ende des 19.Jh. zur Femme Fatale "mutierte".
Um mal einen Zeitgenossen (den Autor Jorsi-Karl Huysmans...auch einer aus dem Kreis der Künstler, die für diese Zeit typisch war) dieser letzten Epoche zu Wort kommen zu lassen :

Zitat

Sie war nicht nur die Possenreißerin, die durch die verderbte Verrenkung ihre Lenden einem Greis einen brünstigen Schrei der Begierde entreißt, die durch Bewegungen ihrer Brüste und ihres Leibes, durch das Zittern ihrer Schenkel die Energie des Königs bricht und seinen Willen schmilzt - sie wurde gleichsam die symbolische Gottheit der unzerstörbaren Wollust, die Göttin der unsterblichen Hysterie, die verruchte Schönheit, außerwählt unter allen anderen...
Bemerkenswert nicht nur, dass Herodes hier als Greis bezeichnet wird, sondern auch, dass das Zitat von 1884, Wildes Stück von 1891, stammt. Wilde und nach ihm Strauss griffen also wie gesagt ein unsagbar beliebetes Motiv auf, wenn Wilde es aber meiner Meinung nach aus modifizierte, indem er Salome kindlicher machte (so wirkt sie jedenfalls auf mich).

Beim Salome-Bild ist aber auch interessant, dass es in der Sichtweise der Figur gewisse Parallelen zur Judith-Figur gibt, beide Frauen-Figuren stammen aus der Bibel und ihr Bild wandelte sich durch die Zeiten sehr ähnlich (denn auch hier verliert ein Mann seinen Kopf...wenn er auch nichts mit dem Täufer gemein hat). Judith fing zwar als "Heldin" an, in der Renaissance begann sie schon einen sphinxhaften Zug zu bekommen aber schon in Friedrich Hebbels tollem Stück wird sie zur Frau, zum Menschen, der nicht gottgelenkt, sondern eigenwillig handelt, wurde dann aber Ende des 19.Jh. schließlich ebenfalls zur Femme Fatale (man denke nur an Klimts Gemälde) stilisiert (und noch viel später gar Feministin).
Es spricht viel dafür das das grenzüberschreitende Weibliche der vordergründigste Aspekt des Stückes und damit der Oper ist.
Bleibt die Frage, die hier schon aufgeworfen wurde, was sagen uns diese Figuren denn heute noch? Wobei zu betonen ist, uns als Europäer bzw. westlich Zivilisierte, denn in Asien, Afrika usw. sieht das, denke ich, noch ganz anders aus.

Ganz nebenbei zur Aufnahme auf die ich nun seit Längerem warte und die Mitte der Woche endlich bei mir ankam.

Es ist ein Live-Mitschnitt vom Festival d'Orange von 1974.
Kurze Besetzungsliste :
Orchestre National de France, Rudolf Kempe
Salome : Leonie Rysanek
Herodes : Jon Vickers
Herodias : Ruth Hesse
Narraboth : Horst Laubenthal
Jochanaan : Thomas Stewart

Ich habe die CD bisher erst einmal gehört, deswegen ist das hier nur mal ein erster Eindruck :!: von mir, noch kein festes Urteil.
Zuallererst leidet sie etwas an der Aufnahme-Qualität, etwas dumpf und man merkt sehr schnell, wann und wo ein Sänger dicht beim Mikrophon stand oder nicht. Mein Problem bei der Rysanek, ich verstehe sie ganz schlecht (was bei mir schon mal ein Minuspunkt ist) und das hat nicht nur mit dem Ton zu tun. Bei ihr fehlt mir auch das Kindliche...wenn jemand von den mir bekannten Salomes voll dem Femme-Fatale-Bild entspricht, dann hier die Rysanek, bei der man das Gefühl hat, dass sie von Anfang an auf etwas zusteuert (eigentlich eine äußerst perfide Darstellung). Horst Laubenthals Narraboth gefällt mir sehr, wunderbare, lyrische Stimme. Thomas Stewart singt zweitweise mit etwas zu ausuferndem Vibrato, in der zweiten Hälfte ist das besser. Ruth Hesse erstmal unauffällig. Ja und dann Vickers Herodes (gehört ja nicht zu den Rollen mit dem man ihn zuerst verbindet)...wahrscheinlich der herrischste Herodes, den ich bisher gehört habe, ein Knallcharge und Wurm ist er ganz sicher nicht.
Bei Kempe "leidet" es, denke ich, auch am Ton und auch etwas am Orchester, er ist in meinen Ohren eine seltsame Mischung aus Auftrumpfen und Ausschmücken, der Schleiertanz ist für mich gut gelungen.
"Die Glücklichen sind neugierig."
(Friedrich Nietzsche)

farinelli

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Mittwoch, 5. September 2012, 11:26

Ich gestatte mir, dieses Thema noch einmal aufzunehmen.

Ich beziehe mich zunächst auf Milletres Einschätzung von Salomés "Lieblosigkiet", ihrer sexuell moitivierten Machtgier, und zudem auf Caruso41´s Schilderung einer Aufführung, wo der Jochanaan in sein letztes "Niemals" zumindest das Schwanken seines festen Weltbildes zu legen wußte.

Die Starrheit und Polarität der Entegensetzung Salomé-Jochanaan ist zunächst ein Effekt der Partitur.

Liest man das Drama, so kann man sich leicht zwei Schauspieler denken, die die Verführungsszene ganz anders gestalten. Mit jedem "Zurück, Tochter Babylons!" könnte Jochanaan weiter einknicken und an sicherem Terrain verlieren, während Salomés unbeirrtes Fortschreiten in aller ungenierten Zudringlichkeit auf eben jenes telos zielte, dem auch der Prophet sich nicht zu entziehen vermag. Alles Ereifern und Aufbieten höchster ethischer Entschlossenheit könnte vielmehr den Keim ihrer Wirkungslosigkeit in sich tragen, während Salomés Zauber immer mehr an Macht enfaltete.

Da ich vor allem Milletres Urteil einen gewissen Mangel an Sympathie für die orientalische Königstochter entnehme, scheint es mir geboten, ein wenig für sie einzutreten. Ich beginne mit ihrer klangvollen Präsentation vor dem soeben der Zisterne entstiegenen Wundermann:

Ich bin Salomé, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa!

Auf mich wirkt diese formvollendete, den Bogen einer höfischen Verneigung nachzeichnende Selbst-Vorstellung immer besonders entwaffnend. Natürlich läßt Salomé den gefangenen Gast nicht im Unklaren über ihre Position. Aber die Stelle wirkt überhaupt nicht aufgeblasen oder überheblich, Salomé will Jochanaan nicht durch ihren Rang blenden oder gar demütigen; vielmehr scheint sie ihren Gesprächspartner, der ja die Atempause an freier Luft ihrer Neugier zu verdanken hat, dadurch zu ehren, daß sie ihn zu sich erhöht.

Die Unhöflichkeit fällt vielmehr Jochanaan zu (der auch keinen Grund hat, zu einer jungen Frau ihrer Herkunft höflich zu sein).

Ich empfinde immer sehr stark das Strahlende der Salomé-Figur, das man nicht ganz in der Abgründigkeit versenken lassen sollte. Salomé verkörpert den Liebreiz der Jugend und damit das Liebenswerte an sich.

Es ist eine gute Frage, ob nun überhaupt etwas, und wenn ja: was denn Salomé für Jochanaan empfindet. Der clin d'œil dieser Verliebtheit fällt bei der Lektüre des Librettos noch mehr ins Gewicht. Alban Bergs Lulu zeigt meisterhaft, wie man derartig zugespitzte Flirts und Romanzen in aller Doppelbödigkeit gestalten kann, und hier zeigt sich m.E. eine psychologische Grenze in Strauss´ Partitur. - Man muß auch das Stoffliche in Rechnung stellen - wer denn den literarischen Orient, das Hohelied Salomos und die Erzählungen aus 1001 Nacht liebt, der kennt solche aberwitzigen Liebes-Amplituden in aller körperlichen Symptomatik, bewirkt von einem Nichts, einem Blick, einem über weite Distanzen wirksamen Bildnis.

Die in jener Literatur gänzlich unschuldige Auffassung der Liebe als selbstverständlich sexueller wird nun von Wilde in sein victorianisches Drama hineinmontiert und umgewertet. - Ich finde auf die Schnelle die Quelle nicht für eine Reflexion (Adorno?) aus evt. den 20er Jahren des 20. Jh., des Sinns, daß nur der Mann ein spezifisch sexuelles Begehren kenne, während "das Weib" es (den sexuellen Akt) gar nicht von der Liebe zu ihm (dem Manne) zu trennen vermöchte. - Derlei Quark steht auch im Hintergrund der Salomé-Figur. Ihre Freizügigkeit verdankt sie gewiß einer rollenspezifischen Lizenz - war doch, seit dem zweiten Kaiserreich in Frankreich etwa, "La Juive" die Sensation eines jeden Bordells.

Musikalisch sind die leuchtenden Bögen, in denen Salomé die irdische Liebe besingt, nah an der Operette. Ihre diatonischen oder, nach Art von Schuberts "Hirt auf dem Felsen", in stilisierter Jodlermanier über abwärts gebrochene Dreiklänge geführten Phrasen scheinen in ihrer Übersüße gleichwohl der chromatischen Schwüle dieser Wüstennacht entzogen. Salomé steht in einem eigenen Licht, nicht in dem von Hofmannsthal ihr bescheinigten düsteren "Purpur".

Die fürsorgliche Hinwendung Jochanaans aus Furcht um Salomés Seelenheil ist bei Strauss das Maximum einer Annäherung zwischen beiden Figuren. Das Glück, das er ihr zu zeigen vermag und das Salomé gänzlich unverständlich bleibt, bildet einen Teil ihrer (religiös motivierten) Tragik.

Ich bleibe dabei - "Salomé" ist eine der Bibel verpflichtete Oper. Die freche Rhetorik des gefangenen Propheten wird erst in den Visionen des Herodes objektiv und bedrohlich. Jochanaans erste Worte - "Nach mir wird einer kommen, der ist stärker als ich!" umgreift mit dem "Nach mir" schon das eigene Martyrium als notwendig. Strauss bedient sich dieser Dramaturgie schlüssig bis zur Konsequenz des tödlichen Endes, das im Zusammenhang mit den viel beschworenen Strafgerichten gesehen werden muß, diese moralisch bekräftigend.

Wildes Gegendiskurs ist schon vergleichsweise versteckt. In der fugierten Durchführung des Judenquintetts überkeruzen sich folgende Statements:

Gott ist im Guten ebenso wie im Bösen

Niemand kann sagen, wie Gott wirkt

Es kann sein, daß die Dinge, die wir gut nennen, sehr schlimm sind, und die Dinge, die wir schlimm nennen, sehr gut!

Es sind dies Schlüsselstellen für das Verständnis der Oper. - Wilde ist, fast schon in Th. Mannscher Manier, ein Meister der Polarisierung. Wenn zu Beginn alle auftretenden Figuren einen hochpoetischen Kommentar zur Beschaffenheit des Mondes, als Psychogramm gleichsam, abgeben, so sagt Herodias:

Der Mond ist wie der Mond. Das ist alles. Wir wollen hineingehn!

Damit ist der Bogen des Prosaischen und übersteigert Poetischen aufgespannt, an dem entlang sich auch die Erotik des Stücks bewegt. Herodes letztes Urteil über Salomé:

Sie ist ein Ungeheuer

entspricht keinesfalls Wildes oder Straussens Meinung. Aber auch Herodias versteht die Tochter, die sie in Schutz nimmt, nicht wirklich. Es ist der Zuschauer, der sie begreift, noch im Entsetzlichen des Schlußtableaus menschlich gerührt Mitleid und eine Ahnung von Unschuld in sein Grauen mischt, wie es die Töne tun.

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

Milletre

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Mittwoch, 5. September 2012, 15:03

Ich gestatte mir, dieses Thema noch einmal aufzunehmen.

Da ich vor allem Milletres Urteil einen gewissen Mangel an Sympathie für die orientalische Königstochter entnehme, scheint es mir geboten, ein wenig für sie einzutreten.
:hello:

Mon cher farinelli,

Wiewohl Strauss für die Königstochter Kantilenen von einzigartigem Wohlklang schuf, fällt es mir dennoch schwer, einen verzogenen Trotzkopf, der die Enthauptung eines menschlichen "Objekts", das sich seinem Willen widersetzt, so etwas wie Sympathie entgegenzubringen.
Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)

SchallundWahn

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Mittwoch, 5. September 2012, 16:25

Ich gestatte mir, dieses Thema noch einmal aufzunehmen.

Unbedingt!

Und ich stimme dir in dem Meisten zu (in der Bibel-Sache werden wir uns wohl nie einig werden), was du schilderst, für mich persönlich ist Salome auch keine Unsympathin, trotz der durchaus schrecklichen Dinge, die sie auslöst, und du hast richtig herausgestellt, dass Strauss das mit seiner Musik auch unterstreicht, weil sie eben nicht düster-bedrohlich ist, wie ich schon erwähnte, ist sie für mich auch nicht originär erotisch, sie hat etwas Flatterhaftes, Süßliches (was nicht negativ gemeint ist), sie ist eben ein junges Mädchen, trotz allem, das ist es auch, was ich meine, wenn ich von ihrer Kindlichkeit spreche. Strauss hat das, meiner Meinung nach, entgegen von Wildes Stück gemacht, bei Wilde scheint es schon durch, aber Strauss bringt diese Süße erst richtig hervor.
Dabei fällt mir gerade wieder so eine Assoziation zu, die dem von Milletre beschriebenen 'Trotzkopf' geschuldet ist...Salome das besitzergreifende Kind und Jochanaan nicht als ihr Spielzeug, sondern als eine Art ablehnend-strafende "Vaterfigur" (da hätten wir wieder Freuds anale Phase, das Kind will sich den Elternteil des anderes Geschlechts 'einverleiben'). Nicht nur, dass Salome so gesehen nie einen Vater hatte (außer einen biologischen), sie hat die Einschränkung nie erfahren, elterliche Einschränkung. Sie könnte diesee frühkindliche Phase durchleben, weil sie sie am richtigen Zeitpunkt nie durchlaufen ist. Dazu würde auch folgendes passen :
Die fürsorgliche Hinwendung Jochanaans aus Furcht um Salomés Seelenheil ist bei Strauss das Maximum einer Annäherung zwischen beiden Figuren.

Übrigens interessant daran ist, dass genau diese Annäherung, in Verbund mit dem von Caruso geschilderten "Niemals!"-Moment und dessen innerer Bedeutung in der Inszenierung von Luc Bondy im Covent Garden dargestellt wird (das ist die DVD mit der Malfitano und Terfel, unter Dohanyi)
"Die Glücklichen sind neugierig."
(Friedrich Nietzsche)

Hosenrolle1

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230

Freitag, 4. August 2017, 21:28

Die Frage, die man sich mal stellen könnte, wäre: Ist Salome eigentlich abgrundtief böse? Zumindest in der Friedrich-Inszenierung erscheint anfangs doch eher der Jochanaan abweisend und von Vorurteilen geradezu besessen.
Ich habe den ganzen Thread noch nicht durchgelesen, deswegen bitte um Entschuldigung, falls ich das gleiche sage wie jemand anderer hier vor mir!

Ich denke vor allem, dass in diesem Stück (Theaterstück und Oper) zwei extreme Welten aufeinandertreffen: da ist zum einen die dekadente, ekelhafte Gesellschaft von Herodes, die verschwendungssüchtig, maßlos und übersexualisiert ist. (Im Theaterstück sagt Herodias, dass Herodes schon mehrere Sklavinnen hatte).

In diesem Umfeld wächst Salome auf, und nun trifft sie auf eine Welt, die völlig anders ist. Leider ist es aber eine ANDERE extreme Welt, eine die geprägt ist vom religiösen Fanatismus, Frauenfeindlichkeit und panischer Angst vor jeder Form von Sexualität. Strauss nannte den Jochanaan auch "Hanswurst".


Andererseits ist das Stück voller Symbole und sehr (Alp)traumhaft. So spielt z.B. die Zahl 3 eine große Rolle: dreimal möchte Salome Jochanaan berühren, dreimal fordert Herodes Salome auf, etwas zu tun, dreimal versucht er sie von ihrem Wunsch nach dem Kopf des Täufers abzubringen, usw.
Auch dass die Figuren im Mond jeweils unterschiedliche Dinge sehen sagt einiges über sie aus, und wie ich in einer sehr interessanten Arbeit zum Theaterstück gelesen habe, auch sprachlich gibt es da einiges zu entdecken. Salome meint etwa

"Warum sieht mich der Tetrarch fortwährend so an mit seinen Maulwurfsaugen unter den zuckenden Lidern?"

Später sagt Jochanaan fast das Gleiche, wenn Salome ihrerseits auf ihn blickt:

"Warum sieht sie mich so an mit ihren Goldaugen unter den gleissenden Lidern?"


(An manchen Stellen hat Strauss für mein Empfinden nicht sehr gut gekürzt. Gegen Ende bietet er Salome verzweifelt den "Vorhang des Allerheiligsten" an, worauf die Juden alle zornig aufschreien. Nur im Theaterstück wird gesagt, was es damit auf sich hat: der Vorhang wurde nämlich gestohlen, und mit diesem Angebot verrät Herodes, WER ihn gestohlen hat. Leider fehlt dieser Hinweis in der Strauss´schen Fassung.)



LG,
Hosenrolle1
Auch zum Beurteilen von Musikstücken und Interpretationen durch den Hörer gehört eine gewisse Kompetenz und Erfahrung. Hörer, die da nicht über genügend Ressourcen verfügen, können sich im Urteil auch schon einmal krass irren und eine schlechte Interpretation für eine gute halten. (Dr. Holger Kaletha)