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Montag, 28. Oktober 2013, 18:37

Wolfgang Rihm - Die Streichquartette

Wolfgang Rihm ist ein Faszinosum für mich. Wie kann ein zeitgenössischer Komponist mit gerade mal 60 Jahren schon 500 (!) opus komponiert haben? Gibt es ausser dem Komponisten irgend jemanden, der auch nur 10% davon kennt? Und wird es in 50 Jahren eine 170 CDs umfassende Edition geben, in der alle diese Kompostionen versammelt sind? Oder verschwindet der größte Teil ungehört auf nimmer Wiedersehen in der Schublade?

Nun, was offensichtlich nicht in der Schublade verschwinden wird, sind Rihms 13 Streichquartette und die anderen Kompositionen, die irgendwie auch ein Streichquartett beschäftigen. Denn diese Kompositionen sind alle bereits auf CD eingespielt, einige sogar mehrfach. Das spricht dafür, dass diese Musik bereits teilweise Eingang in das Dauerrepertoire neuer Musik gefunden hat.

Besonders rührig ist dabei das Minguet Quartett, das für Wergo bisher 5 CDs mit den Streichquartetten 1-12 aufgenommen hat. Nun, so ein Unterfangen sichert natürlich auch einen bleibenden Nachruhm wie man am LaSalle Quartett sehen kann, dessen Einspielungen der Zweiten Wiener Schule und von Zemlinsky für Jahrzehnte maßstabsetzend waren und bis heute sind.

Ich habe 3 dieser CDs und werde die fehlenden sicher zeitnah ergänzen und langsam beginnen, einzelne davon hier vorzustellen. Das ist nicht ganz einfach, da die Quartette sehr unterschiedlich sind und ich als Laie von kompositorischen Techniken wenig verstehe. Aber ein Grund warum mich die Musik von Wolfgang Rihm anspricht ist, dass sie klanglich unmittelbar wirkt und man deshalb vielleicht keine langen Analysen braucht. Dis gilt vor allem für das erste, das ich vorstellen werde, Nr. 11.

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2

Montag, 28. Oktober 2013, 18:56

Rihm - Streichquartett Nr. 11


Das 11. Streichquartett von Rihm ist mit 35 Minuten vermutlich eines seiner längsten. Es hat jedenfalls die längste Genese, fast 12 Jahren liegen zwischen ersten Skizzen und der Vollendung. Die Uraufführung fand 2009 durch das renommierte Takacs Quartett in Essen statt. Die einzige Einspielung bisher ist aber diese hier.
Das 11. Streichquartett ist viersätzig und könnte als summa summarum der Streichquartett-Tradition gehört werden. Man findet jedenfalls so ziemlich alles, was man so an Streichquartettmomenten kennt, zarteste Musik, wildeste Ausbrüche, tonale Passagen, avantgardistische Geräuschmusik usw. Worin sich m.E. die kompositorische Meisterschaft von Wolfgang Rihm zeigt ist, das er das alles in überzeugender Weise bündelt, so dass zumindest ich das mit Gewinn gehört habe. Die vier Sätze gehen unmittelbar ineinander über und es ist live sicher eine große Herausforderung, dieses Quartett zu spielen. Es gibt zwar immer wieder Inseln der Ruhe, z.B. der zweite Satz erinnert an entsprechende Sätze des späten Beethoven, dafür wird aber im dritten die Musik und auch die Instrumente an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt. Man bekommt richtig Angst um die guten teuren Stücke. Insgesamt eine faszinierende Reise durch die Welt der Möglichkeiten, mit vier Streichinstrumenten Musik zu machen.

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3

Montag, 24. März 2014, 19:01

Rihm - Streichquartette Nr. 1 und 2



Die erste Folge der GA der Rihm-Quartette mit dem Minguet Quartett enthält die Quartette 1-4. Die ersten beiden sind im gleichen Jahr 1970 geschrieben worden und mit je 8 1/2 Minuten recht kurz. Sie sind aber ziemlich verschieden. Das erste knüpft in meinen Ohren an die aphoristischen Quartettkompositionen von Anton Webern an. Das zweite dagegen erforscht eher die Möglichkeiten des geräuschhaften Streichquartettklangs wie es auch andere Quartette dieser Epoche taten. Somit stellen diese beiden frühen Werke auch zwei Pole dar zwischen denen dann Rihms weitere Entwicklung in diesem Genre verläuft (s. Beitrag 2). Tonale Anklänge sucht man bei diesen beiden Stücken allerdings vergebens. Ich finde beide Quartette interessant und hörenswert. Das Minguet-Quartett spielt mitreissend.

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4

Montag, 24. März 2014, 21:05

Nr. 3 "Im Innersten"

Sechs Jahre nach den ersten Gehversuchen dann das erste "große" Quartett, ein Riesensprung von den noch etwas unpersönlichen knappen Anfängen zu diesem fast halbstündigen bekenntnishaften Werk eines Dreiundzwanzigjährigen. Hier gehorcht die Musik in sechs Sätzen nur noch einem Gesetz, dem der freien Phantasie des selbstbewussten Komponisten. Und die scheut sich nicht Bezüge zu ziehen bis zurück zu Beethovens späten Streichquartetten. Von zartesten erlesensten Klängen als sehnsuchtsvoller Nachhall längst vergangener Zeiten bis hin zu schroffen Klangkaskaden findet sich hier alles. Ein überaus wirkungsvolles, starkes Stück. Neben der exzellenten Minguet-Aufnahme gibt es eine nicht minder faszinierende durch die Ardittis.

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5

Mittwoch, 2. April 2014, 19:58

Streichquartett Nr. 4

Und die Reise durch die Klangwelten des Wolfgang Rihm geht weiter. Heute das 4. Streichquartett. Ein fabelhaftes Werk, kein Wunder, dass es schon drei Einspielungen gibt, die vom Minguet Q (s. Beitrag 3), eine vom holländischen Doelenkwartet und eine vom Alban Berg Q, die m.W. auch die UA gespielt haben. Knapp 20 min, 3 Sätze, gleich der rhythmische vertrackte Beginn äußerst eingängig und dann bis zu den ätherischen Klängen des abschließenden Adagios eine Klangreise durch spannende, aufregende Klangwelten. Diese Art von zeitgenössischer Musik macht mir Freude. Dies Quartett stellt keine Ansprüche ans Hören, die über die der mittleren Bartokquartette hinausgehen.
Und das Minguet Q spielt ebenfalls fabelhaft, oberste Liga. Die Reise bleibt spannend.


Dr. Holger Kaletha

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6

Freitag, 6. Juni 2014, 16:58


Das 11. Streichquartett ist viersätzig und könnte als summa summarum der Streichquartett-Tradition gehört werden. Man findet jedenfalls so ziemlich alles, was man so an Streichquartettmomenten kennt, zarteste Musik, wildeste Ausbrüche, tonale Passagen, avantgardistische Geräuschmusik usw. Worin sich m.E. die kompositorische Meisterschaft von Wolfgang Rihm zeigt ist, das er das alles in überzeugender Weise bündelt, so dass zumindest ich das mit Gewinn gehört habe. Die vier Sätze gehen unmittelbar ineinander über und es ist live sicher eine große Herausforderung, dieses Quartett zu spielen. Es gibt zwar immer wieder Inseln der Ruhe, z.B. der zweite Satz erinnert an entsprechende Sätze des späten Beethoven, dafür wird aber im dritten die Musik und auch die Instrumente an ihre Grenzen und darüber hinaus geführt. Man bekommt richtig Angst um die guten teuren Stücke. Insgesamt eine faszinierende Reise durch die Welt der Möglichkeiten, mit vier Streichinstrumenten Musik zu machen.

Das finde ich sehr treffend beschrieben, lieber Lutgra! Das ist wahrlich eine Werbung für das Streichquartett und lebendige Quartett-Musik. Rihm schafft es, eine Quintessenz aus den musikalischen Errungenschaften der näheren und weiteren Vergangenheit zu ziehen, ohne aber in einen postmodernen Eklektizismus abzugleiten. Obwohl alles dabei ist - Expressivität, Erinnerung an Bach, Impressionismus, das Arbeiten an der Grenze von Musik und Geräusch, ist da doch immer eine hohe Konstruktivität zu spüren, wie es zur Gattung Streichquartett gehört. Und die klanglichen Möglichkeiten des Ensembles werden genutzt. Das klingt trotz der Modernität "sonor", die Musik ist nicht irgendwie dem Streichquartettklang "aufgezwungen", sondern paßt zu ihm wie ein perfekt sitzender Anzug. Wirklich beeindruckend und hervorragend gespielt! :)

Herzlich grüßend
Holger

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7

Dienstag, 7. April 2015, 20:14

Et lux für Vokalensemble und Streichquartett (2009)

Et Lux ist eine Art Meditation für Vokalensemble und Streichquartett über das lateinische Requiem. Der Komponist schreibt im Beiheft:

"In dieser Komposition erklingen Textfragmente der römischen Requiem-Liturgie. Sie erscheinen jedoch nicht "intakt" und in liturgisch korrekter Folge. Eher tauchen sie auf als erinnerte Bestandteile eines - wie in einer Anamnese - schrittweise vergegenwärtigten Zusammenhanges. Es sind einzelne Wortverbindungen, die - immer wiederkehrend - zentrale Bedeutung ausstrahlen. Ganz im Zentrum: ... et lux perpetua luceat. In kreisendem Reflektieren werden die sowohl tröstlichen als auch tief beunruhigenden Schichten dieser Worte vielleicht spürbar."

Die Musik ist über weite Strecken ruhig und erinnert an alte Musik, die aber natürlich harmonisch durch moderne Akzente gebrochen ist. Das Minguet Quartett begleitet über weite Strecken den Gesang des 8-stimmigen Huelgas Ensemble unter Paul van Nevel und setzt nur gelegentlich klangliche Akzente.

Sich in diese Musik zu vertiefen braucht Ruhe, Geduld und etwas Zeit; das Stück - das nur durch einen Track auf der CD repräsentiert ist - dauert eine gute Stunde.

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8

Dienstag, 18. April 2017, 19:43

Akt und Tag (2006)

Akt und Tag - Zwei Studien für Sopran und Streichquartett. So heisst ein Stück, dass Wolfgang Rihm 2006 in Donaueschingen durch das Arditti Quartett und die Sopranistin Claron McFadden uraufführen liess. Zwei Sätze 25 min. Ein Streichquartett mit Sopran ist ja seit Schönbergs 2. Quartett möglich und in der Folge auch schon öfter eingesetzt worden. Das was Wolfgang Rihm hier geschrieben hat, spricht mich aber überhaupt nicht an. Weder kann mich das, was das Quartett da spielt, begeistern - es ist über weite Strecken einfach langweilig - und ganz ehrlich finde ich Claron McFaddons Vokalisen-Beiträge absolut nervig. Wofür sie nichts kann. Eine Studie hat ja immer auch etwas skizzenhaftes, vorläufiges. Auf diesem Weg sollte Rihm m.E. nicht weitergehen.