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operus

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  • »operus« ist männlich
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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

1

Mittwoch, 1. März 2017, 08:48

Die Trendwende bei Klassik scheint geschafft!

Heute las ich in der Zeitung eine höchst erfreuliche dpa-Meldung: Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) sieht die klassische Musik in Deutschland im Aufwind. Zum Beleg einige Zahlen aus der Meldung. Die Zahl der Veranstaltungen öffentlich geförderter Orchester und Rundfunkensembles sei in der Spielzeit 2015/16 verglichen mit der Vorsaison um etwa 10% gestiegen.Die 5800 Sinfonie- und Chorkonzerte nahmen dabei traditionell den Spitzenplatz ein. Die musikpädagogischen Veranstaltungen legten um mehr als 20% auf 5100 zu. Laut DOV wurden in Deutschland noch nie so viele Konzertsäle eröffnet, gebaut oder saniert wie heute. Konzerte, klassische Livemusik in Theatern und Klassik Musikfestivals zogen 18.2 Millionen Besucher an. Das sind etwa vierzig Prozent mehr als zu den Spielen der ersten Fußball-Bundesliga in die Stadien strömen. (Wer hätte das gedacht?). Der Anteil der 20 - 29jährigen Konzertbesucher ist aktuell höher als die Gruppe der 50 - 59Jährigen (Wer hätte das gedacht)? :jubel: :jubel: :jubel:
Wahrscheinlich müssen wir einige Meinungen hinterfragen und revidieren. Zu überprüfen wären auch die Förderungen der öffentlichen Hand. Wenn mehr Bürger ins Konzert statt zum Bundesliga Fussball gehen, dann sollte dies doch bei der Verteilung der Mittel eine Rolle spielen.

Auch im Tamino-Klassik-Forum herrscht Glasnost-Stimmung. Ist das vielleicht im Zusammenhang mit der Klassik Renaissance zu sehen. Dann heißt es für uns, das Eisen zu schmieden, solange es heiss ist.
Neue Mitglieder braucht das Forum!!!

Herzlichst
Operus

Rheingold1876

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  • »Rheingold1876« ist männlich

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2

Mittwoch, 1. März 2017, 08:59

Der Anteil der 20 - 29jährigen Konzertbesucher ist aktuell höher, als die Gruppe der 50 - 59Jährigen (Wer hätte das gedacht)?


Lieber operus, dieser bemerkenswerte Fakt aus der Statistik freut auch mich sehr - allein mir fehlt der Glaube. :no:

Wurde darauf in der Statistik noch etwas differenzierter eingegangen?

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold

Erda: "Alles, was ist, endet."

Stimmenliebhaber

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  • »Stimmenliebhaber« ist männlich

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3

Mittwoch, 1. März 2017, 09:09

Das sind etwa vierzig Prozent mehr als zu den Spielen der ersten Fußball-Bundesliga in die Stadien strömen. (Wer hätte das gedacht?).
Ich hätte das gedacht, denn hunderte Theater, Orchester und Chöre(!) stehen dabei nur 18(!) Stadien gegenüber. Nähme man die zweite und dritte Bundesliga mit, würde die Sache vermutlich schon wieder anders aussehen.
Solche Meldungen sind ja sehr schön, aber man sollte sie auch nicht völlig unkritisch bejubeln: Die DOV ist quasi der Lobby-Verband der Orchestermusiker. Es ist gut, dass diese auch einen haben, keine Frage! Aber die werden genau dafür bezahlt, Stimmung pro Orchester zu machen. Genau dazu dient diese Meldung. Ein bissl ist es aber noch doch, als wenn der Verband der Atomlobby die Umweltfreundlichkeit der Atomkraftwerke lobt. Ganz unkritisch und zu euphorisch sollte man solchen Meldungen als nicht begegnen.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

musikwanderer

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  • »musikwanderer« ist männlich

Beiträge: 3 837

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

4

Mittwoch, 1. März 2017, 10:04

Ich hätte das gedacht, denn hunderte Theater, Orchester und Chöre(!) stehen dabei nur 18(!) Stadien gegenüber. Nähme man die zweite und dritte Bundesliga mit, würde die Sache vermutlich schon wieder anders aussehen.
Trotzdem sollte man bedenken, dass selbst bei hunderten von Theatern und Konzerthäusern in Deutschland mit sicherlich einer großen Anzahl von Sitzplätzen das Fassungsvermögen der Stadien höher ist. Ich bin ansonsten nahe bei Dir mit deiner Einschätzung - Vorsicht ist bei solchen Umfrageergebnissen immer angebracht, weil hier manches unklar ist, beispielsweise die Fragestellungen. Andererseits sprach operus ja einschränkend von "scheint geschafft"...

:hello:
.

MUSIKWANDERER

La Roche

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  • »La Roche« ist männlich

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Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

5

Mittwoch, 1. März 2017, 11:00

Lieber Hans,

eine solche Entwicklung wäre nur zu begrüßen. Leider scheint Thüringen da andere Wege zu gehen, denn unsere Orchester schrumpfen in Anzahl und personell immer weiter.

Dafür unterstützt das Land Thüringen den Bau neuer Fußballarenen in Erfurt (noch drittklaasig, vielleicht bald nur noch Regionalliga) und Jena (zur Zeit viertklassig) mit Millionenbeträgen. Das ist schon eine Schieflage zuungunsten der Kultur (auch Museen, Bibliotheken usw. sind negativ betroffen).

Generell muß ich als Fußballfan eigentlich einschränken, daß im Profifußball vom Staat in der Regel keine Finanzspritzen kommen, sondern private Sponsoren (und natürlich über Fernsehgebühren) neben den horrenden Eintrittskosten den Hauptteil der Millionengehälter tragen.

Herzlichst La Roche

Hüb'

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  • »Hüb'« ist männlich

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6

Mittwoch, 1. März 2017, 11:26

Wahrscheinlich müssen wir einige Meinungen hinterfragen und revidieren. Zu überprüfen wären auch die Förderungen der öffentlichen Hand. Wenn mehr Bürger ins Konzert statt zum Bundesliga Fussball gehen, dann sollte dies doch bei der Verteilung der Mittel eine Rolle spielen.

Ja, in der Tat. Konsequent wäre es dann, die Förderung zurückzufahren und die Konsumenten verursachungsgerechter an den Kosten zu beteiligen... :stumm:

Viele Grüße
Frank

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

7

Mittwoch, 1. März 2017, 11:37

Genau, wie z.B. die Fußballvereine an den Polizeikosten...

Hüb'

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  • »Hüb'« ist männlich

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Registrierungsdatum: 9. Juli 2007

8

Mittwoch, 1. März 2017, 11:42

Wäre mal interessant zu untersuchen, welche Steuervolumina durch den Profi-Fußball generiert werden, im Bereich der Ertrags- und Verkehrssteuern. ;)

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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9

Mittwoch, 1. März 2017, 11:55

Wäre mal interessant zu untersuchen, welche Steuervolumina durch den Profi-Fußball generiert werden, im Bereich der Ertrags- und Verkehrssteuern. ;)


Ja, die die nicht hinterzogen werden :D

Es kommt immer drauf an. Ich hatte konkret das Negativbeispiel eines Vereins einer bestimmten nordostdeutschen Hansestadt im Auge, der regelmäßig relativ hohe Polizeikosten verursacht, aber dennoch aus "Tradition" vor einigen Jahren mit öffentlichen Geldern "gerettet" wurde.

Und dann gibt es ja auch noch sowas wie nahezu unerschöpfliche Gelder aus Rundfunkbeiträgen, von denen ein nicht ganz unerheblicher Teil dem Fußball zufällt. Man muss das hier aber nicht vertiefen. Aber natürlich würde sich der Fußball selbst tragen. Deswegen braucht man ja öffentliche Förderung für Sachen, die sich nicht selber tragen. Sonst gibt es bald nur noch Fußball (und Analoges auf kulturellem Gebiet).

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

Beiträge: 17 273

Registrierungsdatum: 9. August 2004

10

Mittwoch, 1. März 2017, 12:06

Trendwenden sind etwas ganz natürliches. Ich habe einst die Beobachtung gemacht, und es dann als These postuliert, daß gesellschaftliche Entwicklungen ähnlich funktionieren wie physikalische Gesetze. Hier wäre beispielsweise die Pendelbewegung als Gleichnis heranzuziehn. Wir haben uns immer mehr dem Punkt genähert, wo Klassische Musik nur wenige interessierte. Nun schlägt das Pendel in die andere Richtung aus.
Ähnlich ist es mit anderen Trends (Fotoografieren, Fitnesscenter, Radwandern etc) und auch Internetforen. Sie beginnen klein und unbedeutend, werden mehr beachtet und erreicht schlisslich einen Höhepunkunkt. Irgendwann erlahmt das Interesse und sie fallen wieder in ihren Ursprungszustand zurück, wobei dieser Trend umkehrbar ist und dann beginnt das Spiel von vorne.
Es scheint so, daß wir uns derzeit in einem Zustand der Veränderung und des Aufbruchs befinden und zwar ohne wesentliche Einflüsse von aussen, Gesellschaftlich ist die Welt soeben dabei in eine neokonservative Richtung einzuschwenken, der Zuwachs des Interesses an klassischer Musik ist hier indes nur EIN Indikator dafür.....

mfg aus Wien
Alfred
Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich (Wilhelm Busch - Prognose über die EU ??)

La Roche

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  • »La Roche« ist männlich

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Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

11

Mittwoch, 1. März 2017, 13:48

Genau, wie z.B. die Fußballvereine an den Polizeikosten...
1000 % Deiner Meinung, bis hin zu höheren Strafen für Randalierer!!

Herzlichst La Roche

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 511

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

12

Mittwoch, 1. März 2017, 15:10

Ob man anhand der zitierten Statistik von einer Trendwende sprechen kann, erscheint mir keineswegs sicher.
Andererseits zeigen die Zahlen -trotz des durchaus verständlichen Zweckoptimismus der Auftraggeber der Statistik- daß die klassische Musik keineswegs marginalisiert ist, was wiederum den Schluß zulässt, daß die für den Klassikbetrieb unverzichtbaren Subventionen zumindest für die nächste Zeit weiter fließen werden.
Daß wir z.Zt. eine gewisse gesellschaftliche Trendwende hin zu eher konservativen Einstellungen beobachten ist sicher zutreffend. Was dies allerdings für Konsequenzen in der Kulturpolitik nach sich ziehen wird, scheint mir unsicher zu sein.

MfG

Joachim
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

operus

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

13

Mittwoch, 1. März 2017, 20:42

Daß wir z.Zt. eine gewisse gesellschaftliche Trendwende hin zu eher konservativen Einstellungen beobachten ist sicher zutreffend. Was dies allerdings für Konsequenzen in der Kulturpolitik nach sich ziehen wird, scheint mir unsicher zu sein.
Lieber Joachim,
zunächst ist es ausgezeichnet, dass Du wieder als aktiver Schreiber bei uns mitmischt. Wenn wir die Chancen, die in den gesellschaftspolitischen Entwicklungen liegen nutzen wollen, dann müssen wir unsere Interessen artikulieren, wieder und immer wieder: "Karthago muss zerstört werden!" oder Warum sind Hühnereier weit aus beliebter als Enteneier - weil Hühner lauter gackern als Enten :hahahaha:. Wir sind im Tamino-Klassik-Forum nur ein kleiner Tropfen im Strom der Meinungsbildung - nur aus vielen kleinen Tropfen bildet sich der Fluss, der zum Treiber des Stroms wird.

Herzlichst
Operus

Gerhard Wischniewski

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14

Mittwoch, 1. März 2017, 20:45

Die Trendwende in der Klassik scheint geschafft.

Lieber Hans,

auch ich habe das in meiner Tageszeitung gelesen und heir an anderer Stelle schon einmal - allerdings ohne die von dir gelieferten Zahlen - schon einmal erwähnt. Zumindest auf dem Gebiet der klassischen Konzerte - und ich kann das aus eigener Erfahrung sagen, denn auch hier sind die klassischen Konzerte, in die ich gehe, immer ausverkauft. Denn ich habe auch bei meinem Umgang mit jungen Leuten vielfach Eindruck, dass sie wieder Werte suchen, die ihnen unseree seichte und lapidare Kultur nicht mehr bietet.
Hoffentlich geschieht auch bald die Trendwende auf dem Gebiet der Oper, aber da müssen manche Regisseure erst einmal erkennen lernen, dass die Oper einen traditionellen Wert besitzt und dieser nicht durch eine unpassende, frei erfundene Handlung zerstört werden darf. Sollen sie doch völlig neue Werke zum Abarbeiten ihrer Frustrationen schaffen, aber nicht die traditionellen Werke zu deren Bewältigung missbrauchen. Vielleicht haben sie damit besseren Erfolg.

Liebe Grüße
Gerhard

Garaguly

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Registrierungsdatum: 9. Juli 2011

15

Mittwoch, 1. März 2017, 21:13

Woher hier mancher den Glauben an eine solche Trendwende hernimmt, frage ich mich. Unterhalte ich mich mit meinen 15- bis 18/19-jährigen Schülern über klassische Musik, dann offenbart sich sehr deutlich, dass dort quasi nichts angelegt ist. Sie kennen in der Regel nichts. Und das bei einer Schülerschaft, die in meinem Fall überdurchschnittlich stark aus Akademiker-Familien stammt. Da hört man höchstens einmal, dass man als Kind mal mit der Oma in der Zauberflöte war. Mit Namen wie Mendelssohn, Tschaikowsky, Dvorak ... kann oftmals nichts verbunden werden. Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, im Rahmen meines Deutschunterrichts immer wieder auch Musikgeschichtliches miteinfließen zu lassen. Nur zu gern opfere 8-) ich Unterrichtszeit im Rahmen etwa einer Unterrichtsreihe zur Lyrik der Romantik (selbstredend auch im Rahmen der Behandlung anderer Epochen), um den Schülern zu Gehör zu bringen, wie die musikalische Romantik klingt, nachdem sie die literarische kennenlernten. Dabei spiele ich natürlich nicht nur Gedichtvertonungen vor, sondern gerne auch effektvolle Orchestermusik. Die Hebriden-Ouvertüre zieht immer :D (Glücklicherweise verfügt meine Schule über eine für deutsche Schulverhältnisse sehr gute technische Ausstattung in jedem Klassenzimmer, sodass Musikhören in ordentlichem Sound möglich ist und nicht über diese grottenschlechten, tragbaren CD-Playerchen erfolgen muss). Unempfänglich sind sie also nicht, die Jugendlichen - nur gibt es für sie einfach zu wenig Berührungspunkte mit klassischer Musik, es ist schlicht niemand da, der sie darauf bringt, dass diese Musik gut sein kann. Die Eltern vermitteln es, glaube ich, viel zu selten (weil selbst schon rock- und popmusikalisch sozialisiert), die Schule ebenso wenig, aus der Politik kommen dazu keine Anstöße - für einen Politiker ist eine allzu deutlich bekundete Symphatie für die klassische Hochkultur im heutigen Deutschland vielleicht auch schon gefährlich. Das riecht zu sehr nach elitärer Exklusion, während doch egalitäre Inklusivität und allgemeine Niveau-Nivellierung, um niemanden auszugrenzen, immer irrere Blüten treibt (nur so nebenbei, aber letztlich doch zum Thema passend: in der Didaktik gibt es tatsächlich Spinner mit Einfluss, die sagen, Fachwissen sei unsozial, es führe, da nicht jeder sich solches aneignen könne, zu sozialer Segregation, und sei daher in der Schule nicht mehr so wichtig - welche Folgen eine solche Sichtweise für unsere Musik hat, brauche ich wohl nicht weiter auszuführen).

Grüße
Garaguly

Gerhard Wischniewski

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  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

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16

Mittwoch, 1. März 2017, 21:28

Lieber Garaguly,

von den Elternhäusern, selbst den Akademikerfamilien darf man heute auch nicht mehr so viel erwarten. Unsere Welt ist insgesamt flacher geworden. Da ist schon die Schule gefordert. Und da finde ich es gut - was aber leider nur in den wenigsten Fällen der Fall ist - dass du im Rahmen des Deutschunterrichts solche Betrachtungen - wenn es die Zeit ermöglicht - einfließen lässt.
Ich selbst stamme aus einem zwar sehr lieben aber einfachen Ersatzelternhaus (ich war mit 10 Jahren Waise), in dem die klassische Musik eher verpönt war. Bei mir hat es allein die Schule (ein sehr engagierter Musiklehrer) vermocht, die Liebe zur klassischen Musik zu erwecken.
Hinzu kommt natürlich auch all das, womit die heutige Jugend abgelenkt wird. Aber eine richtige Führung in dieser Hinsicht kann doch Manches bewirken.

Liebe Grüße
Gerhard

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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17

Mittwoch, 1. März 2017, 21:59

Ich glaube nicht, daß die Erziehung hier eine wichtige Rolle spiel. Ich selbst wurde nicht musikalisch erzogen, spielte nie ein Instrument aber Mozart und Umfeld - das war MEINE Musik. Mit Mahler, Bruckner, Brahms hatte ich damals nichts am Hut, von den Vertreten der Moderne ganz zu schweigen. Es gab zugegebneermaßen in meinem Umfeld keine Leute, die an Klassik inteessiert waren. Auch als Lehrling bei Donauland (war damals noch in österreicheischen Händen) waren von den Kollegen nur wenige an klassischer Musik interessiert. ABER ich durfte jederzeit eine Platte auflegen und das Geschäft beschallen. Ich verbrachte stets mehr Zeit bei den Schallplatten als bei den Büchern.
Und ich spielte den ganzen Tag klassische Schallplatten, Da gab es natürlich eine gewisse Vorauswahl, denn eine Buchgemeinschaft will POPULÄRE Literatur und Klassik unter die Leute bringen - in Großauflagen. Es gab jede Menge Wiener Klassik und "schöne" Romantik. Mit Moderne hat man sich nicht beschäftigt, Barock ? Ja Vivaldis Jahreszeiten, Bachs Brandenburgische Konzerte, das Weihnachtsoratorium und natürlich Trompetenkonzerte von Telemann und Torelli.
Opern gab es vor allem in den früheren Tagen fast nur als Querschnitt. Aber all das habe ich auf diese Art kennengelernt. Und ich hatte eigentlich damals nicht das Bedürfnis meine Hörerfahrungen mit jemandem zu teilen. Erst später kam ich in eine Clique, wo Kunst und Kultur gepflegt wurde,
Allgemein möchte ich sagen, die Neigung zur klassischen Musik ist angeboren und kommt, wo sie vorhanden ist, mit Sicherheit hervor,
Ich glaube, diese Hinwendung erfolgt in der regel est ab 30 oder 40, so wie man auch erst ab einem gewissen Alter den Heurigen (die Weinstube) der Disco gegenüber vorzieht.

Wenn junge Leute aber schon die Namen nicht kennen, sei es in der Musik, Kunst, Literatur. Dann ist es schlicht Unbildung. Solche Leute sitzen heute teilweise an den Schlüsselstellen der Politik und der Wirtschaft. Ihre Handschrift haben sie in der heutigen Politlandschaft und am Arbeitsmarkt hinterlassen. Schaun mer mal, wie lange man sie noch werken lässt

mfg aus Wien
Alfred
Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich (Wilhelm Busch - Prognose über die EU ??)

9079wolfgang

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18

Mittwoch, 1. März 2017, 22:33

Meine eigenen Erfahrungen mit jungen Menschen in Bezug auf Klassische Musik sind überwiegend negativ. Da ich fast täglich durch meinen und meiner Tochter Sport mit jungen Menschen aller Altersklassen (von E-Jugend bis zu Senioren-Teams) zusammen bin, kann ich mir schon ein Urteil erlauben. Fällt mal irgendwann in einem Gespräch einem Jugendlichen auf, daß man sich für Klassik interessiert, wird man fast als Exot betrachtet und milde belächelt. Selbst "ältere Semester" in den Vereinen kennen weder Gottlob Frick oder Fritz Wunderlich. Ja, den Namen Rudolf Schock hat man schon mal gehört. Natürlich gibt es hin und wieder Ausnahmen, wie es auch Jugendliche dabei gibt die ein Instrument spielen oder sich für Oper und Operette interessieren. Doch dies sind die Ausnahmen.
W.S.

Garaguly

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  • »Garaguly« ist männlich

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19

Mittwoch, 1. März 2017, 22:39

Solche Leute sitzen heute teilweise an den Schlüsselstellen der Politik und der Wirtschaft. Ihre Handschrift haben sie in der heutigen Politlandschaft und am Arbeitsmarkt hinterlassen. Schaun mer mal, wie lange man sie noch werken lässt

Lieber Alfred,

ich sehe nur leider nicht, dass da draußen - weder in Deutschland noch in Österreich, soweit ich die Polit-Szene der Alpenrepublik überblicken kann - irgendwo eine politische Kraft wäre, von der man das Gefühl haben könnte, sie sei der Hochkultur besonders verpflichtet und ihre Hauptprotagonisten verstünden tatsächlich etwas davon.
Von Linken und Grünen und der CDU kann man das leider genauso wenig behaupten wie von den selbsternannten Rettern des Abendlandes. Meiner Ansicht nach herrscht in allen Parteien gähnende Ödnis, wenn es um Verständigkeit in Kulturfragen geht. Aus deinen Worten und ihrem Gesamtzusammenhang lässt sich heraushören, dass die Herausforderer der etablierten politischen Kräfte auf dem Gebiet der Kultur irgendetwas besser machen würden. Doch da habe ich - wie schon erwähnt - sehr begründete Zweifel. Einer dieser Herausforderer der etablierten Polit-Eliten ist gerade in Amerika Präsident geworden. Man kann nicht - auch nicht aus europäischer Ferne - erkennen, dass bei diesem Manne und seiner politischen Entourage irgendein besonderer kulturbeflissener Geist walten würde, um es mal salomonisch auszudrücken 8-) .
Ich glaube, da könnte man kulturpolitisch nolens volens vom Regen in die Traufe geraten.

Die politischen Akteure (Einzelpersonen wie Parteien) sind halt auch immer nur Spiegelbilder der Gesellschaften, aus denen sie hervorgehen. Die entwickeln sich doch nicht losgelöst von der Niveaulosigkeit, die allerorten herrscht. Verkürzt: Wir haben die Kulturpolitik, die wir verdienen. Würde die Politik erkennen, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung Kunst und Kultur wirklich schätzte, sie würde sich erstens sofort auf diese Klientel einstellen und sie wäre zweitens selbst durchsetzt mit Leuten, die etwas von Kultur verstehen. Da dem aber in der Bevölkerung nicht so ist, kann da auch in der Politik nichts sein.

Grüße
Garaguly

operus

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20

Donnerstag, 2. März 2017, 06:56

Ich meine alle angesprochenen Punkte sind in unserer Gesellschaft vorhanden. Ein großer Teil der Jugend, die von Klassik nichts wissen und auch nicht am Hut haben. Da müssen dann Pädagogen wie Garaguly mühsame Grundlagenarbeit leisten und dann werden die paar Stunden Musik auch oft noch gestrichen. Eines glaube ich nicht, dass Affinität zur Klassik angeboren ist. Wenn dann erfolgt diese Prägung im Zuge der Entwicklung und Sozialisierung. Im Großraum Heilbronn sind die städtischen und privaten Musikschulen hoffnungslos überfüllt. Das ist also wieder der gegenläufige Trend, auf den wir dann als Orchester durch Kooperation setzen müssen.

herzlichst
Operus

Dr. Holger Kaletha

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Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

21

Donnerstag, 2. März 2017, 06:56

Meiner Ansicht nach herrscht in allen Parteien gähnende Ödnis, wenn es um Verständigkeit in Kulturfragen geht.
Immerhin herrscht bei uns noch weitgehend Einverständnis über die Parteigrenzen hinweg, dass Kultur und Kulturförderung Aufgabe des Staates ist. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Orchester wie in Deutschland.
Man kann nicht - auch nicht aus europäischer Ferne - erkennen, dass bei diesem Manne und seiner politischen Entourage irgendein besonderer kulturbeflissener Geist walten würde, um es mal salomonisch auszudrücken
Einer der ersten Amtshandlungen von Trump war die Auflösung des amerikanischen Pendant zur deutschen DFG (= Deutsche Forschungs Gemeinschaft). Das ist eine 60 Jahre alte Institution gewesen, die man - um sie aus dem Parteiengezänk herauszuhalten - dem Präsidenten direkt unterstellte. Fatal, wie man jetzt weiß. Niemand konnte sich halt vorstellen, dass es einen solchen Idioten und Banausen von Präsidenten geben könnte, der so eine auch im Ausland hoch angesehene, im übrigen völlig unpolitische Stiftung einfach mal auflöst. Sie fördert wissenschaftliche Projekte (auch zur amerikanischen Geschichte), Museen, Archäologie, also eigentlich alles, was "konservative" Werte verkörpert. Dazu kommt noch die Rentenfinanzierung so mancher Hochschulstelle. Das Budget ist lächerlich - 150 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Die DFG hat 350 Mio. Euro zur Verfügung. Nun macht sie dicht - die hochqualifizierten Mitarbeiter, allesamt von den Hochschulen abgeworben, werden entlassen.

Schöne Grüße
Holger

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

22

Donnerstag, 2. März 2017, 10:41

Ja, aber war das wirklich jemals so viel anders?
Zu meiner Schulzeit vor 25-35 Jahren auf einem eher traditionellen Gymnasium (wobei eine andere Schule in der Stadt einen deutlichen musikalischen Schwerpunkt und ein viel besseres Orchester hatte, d.h. stark musikinteressierte Schüler gingen eher dorthin) schätze ich den Anteil der Schüler, die an klassischer Musik interessiert waren, auch nicht höher als maximal 15-20% (interessiert im Sinne von Plattensammeln eher 3-5%). Wenn man das durch drei teilt, um grob die Vorauswahl durch eher bürgerlich-konservativ-klassikaffines Milieu zu berücksichtigen, weil damals nicht 50% Abitur* gemacht haben, sondern vielleicht etwa 30%, sind wir bei den 5-8% Bevölkerungsanteil, der ein Interesse an Klassik hat, und das entspricht auch dem langjährigen Marktanteil der Klassik-Tonträger. Daher bin ich bei "Klassiksterben" und "Trendwende" immer skeptisch. Es gibt wohl keine so richtig zuverlässigen Zahlen für einen Überblick im Längsschnitt. Aber es spricht sehr viel dafür, dass sich seit Jahrzehnten hier gar nicht so viel verändert hat, weder negativ noch positiv.

Natürlich kommen manche Untersuchungen auf weit höhere Zahlen. Aber da hat man dann gefragt, ob jemand im vergangen Jahr mindestens einmal Klassik im Radio gehört hat oder bei einem Gratis-Konzert am Sommerabend im Park gewesen ist o.ä. Oder bei einem Chor-Konzert, bei dem jemand, den man kannte, mitgesungen hat usw. Selbstverständlich sind das mehr.

Und es war wohl in den 1950ern/60ern, als viele der älteren Teilnehmer im Forum aufwuchsen, ein bißchen anders, weil zumindest für einen Teil der sozialen Aufsteiger durch Wirtschaftswunder und Bildungsreformen, ein gewisses Interesse an Klassik, Oper, Theater als großbürgerliches Kulturgut erstrebenswert war. Aber lange nicht für alle und für viele dürfte sich das auf Äußerlichkeiten beschränkt haben, so wie der ledergebundene Brockhaus Bildungsbeflissenheit demonstrieren sollte.
Und die Dominanz der Populärkultur war noch nicht in dem Maße gegeben wie heute. Man muss sich klarmachen, dass die heutigen Abiturienten die Enkel derer sind, die mit Elvis und Peter Kraus zu "Beat" und Rock abtanzten und die Kinder der Punk- und Disco-Generation. D.h. Populärmusik ist seit vielen Jahrzehnten "establishment", sie hat keinen Ruch des Revolutionären oder Barbarischen mehr.
Angesichts dessen ist die Stabilität des Klassikinteresses eher erstaunlich...


* Das wird in der Presse gerade mal wieder als Erfolg verkauft, sollte aber jeden stutzig machen, der meint, dass die meisten Fähigkeiten annähernd gaussverteilt sind. Wenn man nur knapp durchschnittlich begabt sein muss, um die allgemeine Hochschulreife zu erreichen, ist irgendwas seltsam. Jedenfalls ist klar, dass man nun einerseits weit weniger homogene Schülergruppen hat, andererseits der Einfluss der Massenmedien und der über "soziale Netzwerke" sich unter Druck setzenden "peer groups" noch viel größer ist als in früheren Zeiten, so dass Klassik vielleicht bei den unter 20jährigen weniger präsent ist. Aber nach allem, was ich weiß, ist z.B. das Interesse an Musikschulen ungebrochen, die Teilnahme an Jugendmusikwettbewerben usw. ebenfalls weiterhin hoch usw.

musikwanderer

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  • »musikwanderer« ist männlich

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Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

23

Donnerstag, 2. März 2017, 11:01

Es war, und da gebe ich Johannes vollkommen recht, auch in den fünfziger und sechziger Jahren nicht anders - eine Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Ich war im Freundeskreis - wegen meiner musikalischen Vorlieben - immer ein Exot, der belächelt wurde - und der hinterrücks wohl auch mit drastischen Worten oder Handbewungen gekennzeichnet und nicht ganz ernst genommen wurde. Das erste Theater-Abo, noch mit elterlicher, schriftlicher Erlaubnis erworben, war eine aufregende Sache, nicht nur wegen der musikalisch-szenischen Erwartungshaltung, sondern auch durch das festliche Gepränge, das sich mir (uns muss es heißen, denn ein etwas älterer Freund war mit von der Abo-Partie) da bot. Jeans gab es noch nicht, dafür durchaus häufig den Smoking und die ebenfalls aufwändige Damengarderobe - vorzugsweise bei den Premieren, aber nicht nur dort. Allerdings war, wenn mich die Erinnerung nicht so ganz täuscht, das Gehabe des Publikums oft grenzwertig - das Benehmen wollte bei manchen Leuten nicht immer zur festlichen Garderobe passen...

:hello:
.

MUSIKWANDERER

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 050

Registrierungsdatum: 12. August 2005

24

Donnerstag, 2. März 2017, 11:22

Dass Leute ebenso ins Theater gehen, um gesehen zu werden, wie um zu sehen, steht schon bei Ovid. Seit 2000 Jahren nichts Neues...

Allerdings meinte ich, dass es in den 1960ern doch ein wenig anders gewesen wäre, wobei ich da vielleicht zu sehr von Einzelerfahrungen, etwa meiner Eltern ausgehen. Die stammten beide aus kleinstbürgerlichen (Handwerker, Bauern) Verhältnissen und zumindest für einige, die nicht durch "Glück des Tüchtigen" (d.h. Wirtschaftswunder), sondern durch Bildung einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg schafften, war ein nicht immer nur oberflächliches Interesse an der "Hochkultur" ein Teil dieses Aufstiegs. Und mangels anderer Optionen war Operette, die bekanntesten Opern, "Wunschkonzertklassik" relativ gesehen vermutlich weiter verbreitet. Man erinnere sich auch an die Präsenz von z.B. Anneliese Rothenberger im Fernsehen. Bei drei Programmen konnte man nur schwer sich in einer Nische einrichten, sondern wurde mit einem breiteren Spektrum konfrontiert.

Ich habe diese Kuriosität schon mehrmals erwähnt; Ende der 1980er bekam mein Vater das Album Goodbye Kuli - Grosse Stars aus 'Einer wird gewinnen' geschenkt (zwei MCs...). Davon ist eine Platte Schlager und Chanson, die andere Oper und Operette (Rothenberger, Schock, Kollo, Carreras usw.) gewidmet. Ich schaue seit zu langer Zeit keine vergleichbaren Sendungen mehr; vermutlich wird Netrebko auch mal beim Gottschalk gewesen sein. Aber dass noch vor 30 Jahren solch ein Album, das sich offensichtlich an eine ziemlich breite Käuferschicht wendet, eine Platte "leichte Klassik" enthielt und das dürfte auch halbwegs der Präsenz solcher Künstler in Kulis Sendung entsprochen haben, finde ich schon interessant.

<>

  • »Joachim Schneider« ist männlich

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Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

25

Donnerstag, 2. März 2017, 11:30

Wenn ich die vorstehenden Statements lese, bin ich etwas ratlos.
Einerseits wird beklagt, daß viele Vertreter der heutigen Jugend an klassischer Musik kein wesentliches Interesse besitzt, andererseits erleben die Musikschulen einen Ansturm von Interessenten.
Wie passt dies zusammen?

Es könnte vielleicht sein, daß der Anteil von wirklich klassikaffinen Menschen in der Bevölkerung stets nur wenige Prozent beträgt, in früheren Jahrzehnten aber durch die gesellschaftliche Notwendigkeit, in "seriösen kulturellen Veranstaltungen" Flagge zu eigen, die künstliche Realität einer größeren, an Kunst, Theater und Musik interessierten Gruppe innerhalb eines Bekanntenkreises ( der sich durch ähnliche Berufsfelder, ähnliche Schulbildung etc. definierte) erzeugt wurde, in der man sich dann bewegte, ohne im Grunde echtes Interesse aufzubringen.
Heute gelten gesellschaftliche Konventionen erheblich weniger als früher, es gibt aber Kreise, welche die frühere bürgerliche Kulturteilhabe für sich entdeckt haben, ohne sich bewußt zu sein, daß dies hier und heute unter den obwaltenden gesellschaftlichen Umständen nur eine Travestie darstellen kann und wenigstens ihren Nachwuchs in diesem Sinne beeinflussen wollen---eben durch den Besuch von Musikschulen etc.

MfG

Joachim
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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26

Donnerstag, 2. März 2017, 13:27

Das ist nicht ganz so verwunderlich und Du hast selbst schon eine sehr plausible Vermutung geäußert. Soziologisch gibt es schon seit Jahrzehnten den Effekt einer Individualisierung und Auflösung von traditionellen Milieus bzw. gibt es eben weit mehr Milieus als die traditionellen Schichten Arbeiter, Kleinbürger, Bildungsbürger, usw.

Das führt dann dazu, dass traditionelle kulturelle Marker wie etwa Kenntnis klassischer Musik, Opernabo usw. an Bedeutung und Aussagekraft verlieren. Daher kann der Zahnarzt oder Steuerberater auch gerade so gut Schlager- (oder vermutlich eher Rock)fan sein und ohne Statusverlust klassische Musik weitgehend ignorieren, zumal wenn er genügend andere Statusmarker pflegen kann (Golf, Rotary-Club etc.).

Etwas raffinierter gesagt, ist heute ein ganz wichtiger Marker Offenheit oder Toleranz. Hauptsächlich Schlager hören mag prollig sein, aber Oper ist angestaubt und spießig, d.h. der weltoffene Akademiker von heute rezipiert (ggf. in ironischer Distanzierung) alle mögliche Musik. Ein weiterer Effekt ist, dass viele Menschen ein starkes Faible für die Musik ihrer Jugendzeit behalten; ich habe gerade im Radio ein Interview mit dem Leiter eines Goethe-Instituts, Dr. phil. und Buchautor, gehört, ein Bildungsbürger par excellence, der (das ist in dieser Sendung üblich) drei Musikstücke "mitbrachte" und alle drei waren Rocksongs aus den 1970ern, als der Anfang 20 gewesen ist...

Gleichzeitig gibt es in der Mittelschicht natürlich weiterhin das Bedürfnis, sich abzusetzen. Sie haben weniger Kinder, die dafür umso ""wichtiger" werden, die müssen in alle möglichen Früherziehungen usw., um die Intelligenz zu fördern und die Chancen für die zunehmend umkämpften Plätze an den Fleischtöpfen zu sichern. Und da hat Instrumentalunterricht eine ganz gute Lobby. Wenn fast doppelt so viele Leute Abitur machen wie noch vor 30 Jahren, ist das kein Distinktionsmerkmal mehr. Aber Klavier/Flöten/Geigenunterricht, das "richtige" Gymnasium, Auslandsaufenthalte usw. die können einiges an zusätzlicher Distinktion bringen.

Alfred_Schmidt

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27

Donnerstag, 2. März 2017, 14:46

Zitat

Es könnte vielleicht sein, daß der Anteil von wirklich klassikaffinen Menschen in der Bevölkerung stets nur wenige Prozent beträgt,

Das war immer schon so. Klassik interessierte dereinst den Adel und in späteren Jahren das sie verdrängende Großbürgertum.

Erst die Erfindung der Schllplatte war geeignet breiteren Schichten den Zugeng zu klassischer Musik zu ermöglichen, aber auch das ist zumindest für die ersten Jahre zu relativieren, der Preis eines Grammophones war zu Beginn des 20. Jahrhunderts exorbitant hoch, sodaß üblicherweise Ratenzahleung angeboten wurde. Die Tonträger waren auch sehr teuer.

Erst als die Schallplatte in der Qualität brauchbar wurde, wann das war wird unterchiedlich beurteilt, begann man Tontröger (auch damals noch realtiv teuer) zu sammeln. Den großen Durchbruch aber brachte fürs erste scheinbar die Einführung der Stereophonie.
Man konnte erstmals "naturnah" Singstimmen und Soloinstrumente hören, bei Orchester sind ja bis jeute Abstriche zu machen. Das führte zu einem unglaublichen Boom an Plattenkäufen, der über mindest 2 Jahrzehnte hin andauerte.

Das hatte verschiedene Auswirkungen: Unter anderem müssen zwangsläufig die Konzertbesuche (geringfügig) rückläufig gewesen sein, denn das Geld wird nun mal nicht mehr. Es war für manche Künstler wichtiger einen Exklusivauftrag mit einer Plattenfirma zu haben, als regelmäßige Konzertauftritte. Waren einst Plattenproduktionen eher ein Mittel, einen von seinen Konzerten her berühmten Künstler in regelmäßige Erinnerung zu rufen, so verhielt es sich ab einem gewissen Zeitpunkt an genau umgekehrt. Geld und Ruhm erhielt man durch den Verkauf von Schallplatten, öffentliche Auftritte waren eher dazu gedacht dien Ruhm noch zuverstärken und die Plattenverkäufe zu erhöhen. Der "Klassikmarkt" war auf einmal zu einem "Tonträgermarkt" geworden, wo Erfolg und Misserfolg an den verkauften Stückzahlen, und weniger an künstlerischen Ereignissen gemessen wurde.
Ständige Verbesserungen der Aufnahmetechnik haben über lange Zeit hindurch die Kunden zuNeukäufen animiert, da wurde die Quadrophonie erfunden (Warum die Scheiterte, dazu könnte man einen eigenen Thread machen) die digitale Tonaufnahmd (CD) und weitere digitale aufzeichnungeformate. Letztlich war der Markt aber weitgehend gesättigt.
Das Wunschdenken der Tonträgerindustrie und der "Klassikmanager" , die "klassische Musik" ebenso vermarkten zu können wie die POP- oder Umusik war kläglich gescheitert. Das Heulen und Zähneknischen war groß - das nennt man dann die Klassikkrise.
Das Interesse an klassischer Musik war nie größer als 2-4 Prozent, in manchen Städten höher, angeblich hat Wien den höchsten Anteil an Klassikhörern in der ganzen Welt. (?)
einen weiteren Aspekt habe ich nicht erwähnt. Einerseits steigen in vielen Bereichen durch die unersättliche Gier der Konzerne die Preise - und andrerseits singen aus gleichem Grund die Löhne. Darüber hinaus wurden zahlreiche Bereiche geschaffen die heute zum alltäglichen Leben (zumindest für die Meisten) gehören und Geld verschlingen, Dazu gehören der Homecomputer- der Internetanschluss - das Mobiltelefon - der Besuch im Fitnesscenter - Videofilmangebote - Convenience Food - von den Tricks der industrie (Zwang des Umstiges auf neue Glühlampentypen die angeblich zwanzig Jahre halten sollen , aber üblicherweise nach gut einem Jahr defekt sind - Lämpchentausch für Autoscheinwerfer nur in der Werkstätte möglich) All das dünnt die einzelnen Bereich aus. Macht aber nichts. Die übernächste Generation wird das nicht meht stören, denn wenn sie sich nicht wehrt wird sie 65 Stunden pro Woche arbeiten (oder arbeitslos und weitgehend mittellos sein) und zwei Jahre vor Pensionsantritt sterben, der dann voraussicht lich mit 77 vorgesehen sein wird....Da braucht man dann auch keine klassische Musik mehr. Weder Geld noch Zeit wird dann vorhanden sein**
Wenn immer mehr (unbezahlte ) Zeit in Arbeit investiert wird, dann istr für die schönen Künste weder Zeit , Geld noch Interesse vorhanden.
Musikschulen und deren Besuch - Was soll ich darunter verstehen. Gymnasien, wo auf Musikerziehung Wert gelgt wird - oder Musikhochschulen oder dergl. wo man zum professionekllen Musiker ausgebildet wird ?

mfg aus Wien
Alfred


** im Rahmen meines Artikels it mir das Lied "Brutto-Sozialprodukt" eingefallen, darauf folgend dann noch "Besuchen Sie Europa"
Das hat mehr mit der Klassikkrise zu tun, als es vorerst scheint - letztlich auch ein Ausdruck mangelnder Lebensfreude und Zukunftsangst - man spart auf eine Zukunft die es vielleicht gar nicht gibt. Man verzeihe meinen AUSNAHMSWEISEN und KURZEN Ausrutscher und kurzen Abstecher in in anderes Genre. Zum letzteren Titel könnte man auch sagen :"Besuchen Sie Tamino" (gemeint ist damit natürlich AKTIV SCHREIBEND) ;)

Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich (Wilhelm Busch - Prognose über die EU ??)

  • »Joachim Schneider« ist männlich

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28

Donnerstag, 2. März 2017, 14:57

Hallo Johannes,

Deine Analyse ist für mich sehr überzeugend.
Mehr oder weniger scherzhaft wird ja heute gerne vom "Projekt Kind" gesprochen, das die Eltern mit der Akribie von Generalstabsstrategen planen.
Es wird interessant sein zu sehen, was geschieht, wenn diese -teilweise aufgrund windiger pädagogischer Theorien- ge- und verformten Mikro-Genies den rauhen Wind der Arbeitswelt spüren werden.
Auch die heute wie eine Vereinsfahne herumgetragene "Offenheit" und "Toleranz", in der sich gerade die "Leistungsträger" gerne präsentieren, stellt doch nur eine Camouflage für Beliebigkeit und Mainstream-Denken dar. Ich habe oft in Gesprächen erlebt, wie jemand behauptete, für alle Musikrichtungen "offen" zu sein. Wenn man dann erklärte, sich nur für klassische Musik zu interessieren, wurde man mit einem Blick bedacht, den die Psychiater sonst armen Menschen gönnen, die behaupten, durch die Wohnungssteckdosen von Ausserirdischen abgehört und beeinflusst zu werden.

Viele Grüße

Joachim
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

  • »Joachim Schneider« ist männlich

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29

Donnerstag, 2. März 2017, 15:08

Hallo, Alfred,

unter Musikschulen/Jugendmusikschulen versteht man hier in Deutschland Institutionen, die in der Regel von den Städten und Gemeinden unterhalten und finanziert werden, meistenteils mit freiberuflichen Lehrkräften arbeiten und wo Jugendlichen Instrumentaluntericht und anderer Musikunterricht angeboten wird, also keine Gymnasien mit musischem Schwerpunkt oder gar Musikhochschulen.

Viele Grüße

Joachim
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

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Donnerstag, 2. März 2017, 16:58

Allerdings sollte hinzufügen, dass der Instrumentalunterricht an einer Musikschule keineswegs gratis ist; es ist meistens günstiger als einen Instrumentallehrer privat zu bezahlen, aber 30 min. Einzelunterricht pro Woche (außer Schulferien, die aber meistens durchbezahlt werden müssen) kosten auch 50-60 EUR oder mehr pro Monat.

https://de.wikipedia.org/wiki/Musikschul…er_Musikschulen

Der Punkt ist einfach, dass ungeachtet aller Unkenrufe, sich bei der statistisch (im Gegensatz zu Anekdoten) fassbaren Verankerung klassischer Musik, sei es Laienmusizieren, Musikhochschulen, Opern- und Konzertbesuch usw. seit Jahrzehnten nicht allzuviel ändert. Es kann jedenfalls kaum von drastischen Einbrüchen oder dann folgenden Trendwenden die Rede sein.

Das legt u.a. die Vermutung nahe, dass die stärkere Präsenz "leichter Klassik" (Rothenberg oder Prey in der Samstagabendshow), die es bis in die frühen 1980er Jahre gab, eher irrelevant für die Anzahl der "ernsthaften" Liebhaber klassischer Musik ist.