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dr.pingel

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61

Freitag, 14. Oktober 2016, 10:47

Lieber Rodolfo, ich habe vor vielen Jahren einmal in Düsseldorf eine "Cosi" erlebt, in der drei Plätze von mir entfernt jemand eine Arie laut mitsang ("Der Odem der Liebe", deutsch). Wäre das was für dich, und ich würde dich in Düsseldorf daran erkennen? 8-)
Obwohl, so glaube ich, unser Operngeschmack etwas verschieden ist. Auf der anderen Seite bin ich doch immer froh, eine aktuelle Kritik aus Düsseldorf sofort hier zu lesen! :D
...Ich möchte an dieser Stelle bestätigen, dass die Losung "Keiner singt Dylan wie Dylan selbst" stimmt. Fast alle anderen singen ihn besser (Wolfgang Welt, Doris hilft)

rodolfo39

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62

Freitag, 14. Oktober 2016, 11:48

Lieber dr.pingel,
die cosi wäre tatsächlich nichts für mich. Dann eher der Belmonte oder Don Ottavio :) . Aber ich war tatsächlich überrascht , als man jetziger Logopäde, der eigentlich mehr ein Gesangslehrer ist, mir sagte, wenn ich mit 15 Jahren zu ihm gekommen wäre, dann hätte ich heute sogar Puccini, Verdi und Wagner singen können. Der Zug ist leider abgefahren, aber das wäre deshalb schon gescheitert, weil man ja immer die Texte auswendig lernen und auch behalten muss :) .

Caruso41

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63

Sonntag, 6. November 2016, 12:07

Wie können wir sprachfähiger werden, wenn es um Stimmen und Gesang geht?

Die Liebe zu Stimmen und zur Gesangskunst steht bei vielen Opernfreunden in einer merkwürdigen Diskrepanz zu der Scheu, über Stimmen und Gesangstechnik zu reden. Während sich die meisten zutrauen, Inszenierungen zu beschreiben und szenische Darstellungen oder Umformungen der Geschichte zu beurteilen, finden sie für die musikalische Interpretation kaum Worte - das gilt insbesondere für die gesanglichen gesanglichen Darbietungen.

Das ist erstaunlich.

Selbst in unserem Klassikforum werden auffallend selten Stimme und Gesangsleistungen genauer geschrieben: In den Berichten von Opernaufführungen müssen meist wenige Eigenschaftsworte genügen. Meist betreffen sie zudem eher die darstellerische und mimische Leistung. Und wenn dann wirklich was über die Stimme und Gesangsleistung gesagt wird, sind das in der Regel immer die gleichen Epitheta.
Noch erstaunlicher ist auch, dass sogar in den Threads von "DIE BERÜHMTE STIMME - SÄNGERPORTRAIT" die Informationen über Karriere, Auftritte und Aufnahmen nicht immer mit Beschreibungen der Stimme und Bemerkungen zu den gesanglichen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen komplettiert werden.

Das ist erstaunlich.

Ich nehme mal an, dass es dafür viele und sehr unterschiedlich Gründe geben wird.
Einer dürfte aber tatsächlich eine große Unsicherheit sein, wie man denn die richtigen Worte findet, um zu beschreiben, was man gehört hat. Manche Taminos ziehen sich darauf zurück, dass sie nun mal keine Experten für Sänger seien.

Das finde ich erst recht erstaunlich.

Es ist vielleicht ein wenig polemisch, aber ich frage mich, warum etwa Fußball-Fans in der Regel keine Probleme haben, über Ballannahme und Ballmitnahme, Schuß- und Passtechnik, Effetflanken und Rabona zu reden, während Opernfans die Worte fehlen, über Intonation und Stimmführung, Linienformung und Phrasierung, Triller und Rouladen zu reden!

Lassen wir die Polemik.
Eigentlich wollte ich ja nur auf ein Buch hinweisen, das nun wirklich allen Opernfreunden eine wichtige Informationsquelle sein kann und sie sprachfähig machen wird, wenn es um Stimmen und Gesang geht.



Ann-Christine Mecke / Martin Pfleiderer / Bernhard Richter / Thomas Seedorf (Hrsg.)
Lexikon der Gesangsstimme.Geschichte – Wissenschaftliche Grundlagen – Gesangstechniken – Interpreten
800 Seiten mit 174, z.T. farbigen Abb. und 24 Notenbeispielen.
Leinen mit Schutzumschlag. € 98,– (Subskriptionspreis bis 31.3.2017; danach ca. € 118,–)
(Instrumenten-Lexika 5)
ISBN 978–3–89007–546–4

Das neue Lexikon der Gesangsstimme nähert sich in fast 800 Stichwörtern dem Phänomen der menschlichen Stimme aus einer enormen Vielzahl an Perspektiven und thematisiert dabei alle Erscheinungsformen des Singens. Physiologische Gesichtspunkte wie die Anatomie der Gesangsstimme und der Stimmbildung werden im Lexikon ebenso ausführlich behandelt wie die unterschiedlichen Stimmtypen und Gesangstechniken. Großer Stellenwert kommt auch Fragen der Gesangspädagogik und der Vortragslehre des Gesangs zu – genauso wie den Entwicklungen des Chorwesens und der Kirchenmusik.
Das Lexikon erfasst und verknüpft den aktuellen Wissensstand unterschiedlicher Disziplinen, die sich mit dem komplexen Phänomen des Gesangs befassen: Gesangspädagogik, Phoniatrie, Anatomie, Stimmphysiologie, Musikermedizin sowie historische und systematische Musikwissenschaft.
Die Autoren sind - soweit ich das beurteilen kann - hervorragende Experten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet. Es gibt Beiträge etwa zu dem oft so über versimpelten Begriff "Belcanto", zum Wagnergesang und zum Liedgesang, zu verschiedene Stimmgattungen und Stimmtypen, aber auch zu Fachausdrücken wie agilitá und canto di maniera, zu den akustischen und physiologischen Begriffen, ohne die der Klang oder die Befindlichkeit einer Stimme nicht beschrieben werden kann: Atmung, Phonation, Überlastung und Heiserkeit. Ergänzend werden auch einzelne Sänger vorgestellt, deren Wirken als beispielhaft oder schulbildend für einen Stil oder eine Epoche gelten kann.

Leider ist das Lexikon nicht gerade billig. Aber das ist man ja von aufwendig produzierten Nachschlagewerken gewohnt. Und da man sie immer wieder in die Hand nehmen wird, um sich über das Eine oder Andere zu informieren, vielleicht auch wirklich darin zu lesen, ist der Preis nicht unanständig.

Das meint

Caruso41
;) - ;) - ;)

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Sixtus

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64

Montag, 7. November 2016, 13:07

Lieber Caruso,

beim Abblick des Wälzers, den du uns allen (?), ohne Ansehen der Person (und des Vorwissens!) hier empfiehlst, könnte man einerseits vor Ehrfurcht in den Boden sinken; andererseits gleich zu Beginn entnervt aufgeben. Beides wäre aber womöglich das Ende, bevor wir richtig begonnen haben.
Ich selbst bin zwischen beiden noch unentschieden, glaube aber, dass die Erfolgschancen größer wären, wenn wir nicht gleich mit dem Himalaja begännen.

Da ich grade gestern eine Stimmruine ertragen habe (siehe Thread José Cura), schlage ich vor, daran anzuknüpfen und eine grundlegende Definition von Brust- und Kopfstimme, Falsett, voix mixte etc. zu versuchen. Ich wäre bereit, den Anfang damit zu machen, will dir aber nicht vorgreifen. Lass mich bitte deine Meinung dazu wissen.

Herzliche Grüße von Sixtus

Caruso41

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65

Montag, 7. November 2016, 15:05

Lieber Sixtus!
.....beim Abblick des Wälzers, den du uns allen (?), ohne Ansehen der Person (und des Vorwissens!) hier empfiehlst, könnte....

Ich habe nichts empfohlen. Ich habe auf eine Veröffentlichung hingewiesen, die für jeden nützlich wäre,der sich ernsthat für die Gesangsstimme interessiert. Ich dachte, das sei in unserem Forum sinnvoll. Immerhin organisieren ja auch Buchhandlungen und Opernhäuser Vorstellungen dieses "Wälzers".

Ich habe letzte Woche in der Bibliothek der Musikhochschule endlich das Lexikon zur Ansicht bekommen und 2 Stunden darin geblättert und gelesen. Ein wirklich tolles Werk!

......schlage ich vor, daran anzuknüpfen und eine grundlegende Definition von Brust- und Kopfstimme, Falsett, voix mixte etc. zu versuchen. Ich wäre bereit, den Anfang damit zu machen, will dir aber nicht vorgreifen. Lass mich bitte deine Meinung dazu wissen.

Wozu soll das nützlich sein?
Es gibt Handbücher und Nachschlagewerke die ganz manierliche, teil sogar gute Ausführungen zu solchen Stichworten liefern. Selbst bei Wikipedia und auf anderen Internetseiten wird brauchbar informiert. Wozu also sollten wir da in eine Konkurrenz treten? Zumal es jetzt ein Lexikon wie das hier vorgestellte gibt!

Ich finde es spannender, etwas über einzelne Sänger und ihre Gesangskunst zu schreiben, weil das eben nicht allerorten angeboten wird.
Der von mir begonnene Thread über neue Stimme hat ja eine starke Aufmerksamkeit bei den Besuchern des Forums gefunden: Immerhin mehr als 7600 Besuche in gerade mal 10 Wochen! Da würde ich gerne weiter machen. Allerdings verlangt die Vorstellung eines Sängers viel Sucharbeit, Hören und Vergleichen. Das ist nicht so unaufwendig wie das Schreiben über Kopfstimme oder Falsett. Trotzdem hoffe ich nach wie vor, dass sich noch mehr andere Taminos beteiligen werden. Ich möchte nicht, dass es so aussieht, als wäre das etwa mehr oder weniger mein Projekt. Es sollte Taminos Projekt sein. Deshalb werden ich erst weiter machen, wenn wieder mal ein Sänger durch einen anderen Tamino vorgestellt wurde.

Mit besten Grüßen

Caruso41
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9079wolfgang

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66

Montag, 7. November 2016, 21:34

Zitat

Caruso41: Ich nehme mal an, dass es dafür viele und sehr unterschiedlich Gründe geben wird.


Lieber Caruso!

Der Hauptgrund für diese Kurzberichte dürfte wohl Zeitmangel sein. Die meisten Taminos werden wohl durch Beruf und Familie genug angespannt sein. Z. Bsp. beginnt bei mir der Tag schon um 6 Uhr morgens und endet selten vor 1 Uhr nachts. Natürlich gibt es auch bei mir Pausen, in denen ich mich noch anderen Hobbys widme. Zwischendurch schaue ich auch mal ins Forum oder schreibe kurz, wenn es die Zeit erlaubt. Zu längeren Ausführungen reicht es meistens nicht. So wie mir geht es sicherlich auch anderen Taminos.

Gruß Wolfgang
W.S.

Caruso41

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67

Montag, 7. November 2016, 22:54

Lieber Wolfgang,
ich weiß das ja von Dir, dass Du wirklich wenig Zeit hast.

Darum freue ich mich auch immer wieder, wenn Du mal was postest. Es gibt nicht mehr viele erfahrene und sachkundige Melomanen hier im Forum. Darum sind Deine Beiträge - auch wenn sie oft kurz ausfallen müssen - mir sehr wertvoll.

Beste Grüße

Caruso41
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Sixtus

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68

Dienstag, 8. November 2016, 21:48

Ein Diskurs über verschiedene Sänger und ihre Bewältigung bestimmter Arien stößt vor allem auf ein Hindernis: Jeder hat mit der Arie andere Vorerfahrungen - Sänger, auf die er schwört, aus guten oder fragwürdigen Gründen. Dazu kommen Aspekte der Herkunft in Sachen Musik und Gesang. Wer von der Alten Musik oder der Kirchenmusik kommt, mag andere Stimmen als der, der mit Wagner oder Verdi aufgewachsen ist. Wieder andere Vorstellungen hat, wer vom Lied herkommt. Ob die jemals zu einerm gemeinsamen Nenner kommen?

Versuchen könnten wir es. Aber eins ist sicher: das erfordert von allen eine hohe Frustrations-Toleranz. Können wir die bei allen voraussetzen? Wenn ja, dann: "Auf, liebe Sänger, greifet in die Saiten! Die Aufgab´ist gestellt..." Wenn nicht - vergiss es!

Diese Relativierungen sollen nicht das Projekt sabotieren, sondern hohe Hürden in Sachen Disziplin aufstellen, ohne die hier nichts erfolgreich laufen kann.
Das meint, mit herzlichen Grüßen, Sixtus.

9079wolfgang

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69

Dienstag, 8. November 2016, 22:03

Zitat

Wer von der Alten Musik oder der Kirchenmusik kommt, mag andere Stimmen als der, der mit Wagner oder Verdi aufgewachsen ist. Wieder andere Vorstellungen hat, wer vom Lied herkommt. Ob die jemals zu einerm gemeinsamen Nenner kommen?


Genau, so ist es! Wenn ich von Heldentenören wie Mario delMonaco schwärme oder deutsche "Helden" wie Ernst Kozub oder Hans Hopf ins Gespräch bringe, höre ich Schreie der Empörung. Umgekehrt geht es mir bei Tenören wie Julius Patzak oder Richard Tauber, die mir im Liedgesang fast vollkommen erscheinen, aber in Opernarien für mich oft zweifelhaft sind. Nur gehöre ich zu der Art Menschen, die auch andere Meinungen akzeptieren, ohne gleich zynisch zu antworten.
W.S.

Caruso41

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70

Mittwoch, 9. November 2016, 16:28

Ein Diskurs über verschiedene Sänger und ihre Bewältigung bestimmter Arien stößt vor allem auf ein Hindernis: Jeder hat mit der Arie andere Vorerfahrungen - Sänger, auf die er schwört, aus guten oder fragwürdigen Gründen. Dazu kommen Aspekte der Herkunft in Sachen Musik und Gesang. Wer von der Alten Musik oder der Kirchenmusik kommt, mag andere Stimmen als der, der mit Wagner oder Verdi aufgewachsen ist. Wieder andere Vorstellungen hat, wer vom Lied herkommt. Ob die jemals zu einerm gemeinsamen Nenner kommen?

Versuchen könnten wir es.



Wir müssen ja nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, lieber Sixtus!
Wenn wir uns austauschen und dabei begründen, warum wir diesen oder jenen Sänger für gut halten, ist das allemal interessant. Es gab mal Threads - das war wohl bevor Du zum Forum gestoßen bist - da wurde gefragt
Welche Arie von welchem Tenor?
Welche Arie von welchem Bariton?
Der beste Herzog von Mantua - Wer ist es ?

usw.

Manche der Dikussionen waren nicht so gelungen, aber viele habe ich in bester Erinnerung!
Denkst Du daran, soetwas wieder zu beleben?

Beste Grüße
Caruso41
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farinelli

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71

Donnerstag, 10. November 2016, 21:27

Lieber Caruso 41, verehrte Diskutanten und Taminos,

ein spannender und anregender Thread! Insbesondere meinen Dank für die Literaturempfehlung, eine echte Alternative zu J.M. Fischer, A. Csampai und J. Kesting.

Dein Versuch, zu Beginn etwas kategoriale Logik in diese Diskussion zu bringen, ist an sich schon zu begrüßen - obwohl ich persönlich meine Zweifel hege, ob der "Stil" tatsächlich eine ganz objektive Kategorie ist. Ich meine das mit Blick auf die youtube-Diskussionen etwa zu Carmen.

Ich bin auch ein großer Fan der dort komplett greifbaren Da-Capo-Serie August Everdings, wo man ja z.B. eine Maria Stader über eine Sena Jurinac urteilen hört: "Sie konnte so wenig ..."

A propos Everding: Nächste Woche sehe ich mir in Berlin "endlich" seine Zauberflöten-Inszenierung in den Schinkelschen Kulissen an (im Schiller-Theater). Ich bin schon sehr gespannt, auch, ob René Pape den Sarastro singen wird. Einen Tag davor, am 16., hätte ich Günther Krämers Inszenierung in der Deutschen Oper sehen können, gesiegt hat die Alternative mit den besseren Parkettplätzen.

Inzwischen bin ich gespannt auf den Fortgang dieser Gespräche!

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

Sixtus

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72

Donnerstag, 10. November 2016, 23:01

Verschiedene Gesangswelten

Wie bereits im Nachbar-Thread angedeutet, meine ich, dass wir besonders hier einige grundlegende Fragen anschneiden können (sicher nicht zum erstenmal, aber das sollte uns nicht hindern weiterzumachen, weil sich ja auch unsere Zusammensetzung ändert).
Ich las grade, wie sich bei Everding Maria Stader über Sena Jurinac geäußert hat. Da wurde mir klar, welche Welten zwischen diesen beiden Sängerinnen lagen. Sie hatten wirklich nur die Stimmlage gemeinsam. Keine Frage, auf welcher Seite ich mich da wiederfinde. Das entlockt mir ein Credo in Fragen des Gesangs, und ich bitte um etwas Geduld bei impulsiven Interventionen:
Maria Stader, Fricsays Starsopran in Sachen Mozart, hat meine ersten Platteneindrücke geprägt: Sie war für mich der Inbegriff des perfekten Gesangs: glasklar, vibratoarm-instrumental, klassisch. Bis ich Sena Jurinac kennenlernte: Ihr vom Mezzoklang gesättigter, warmer Sopran hüllte mich ein, sagte mir: So muss es sein. Sie wurde, neben Seefried und Grümmer, gewissermaßen meine Sopran-Heimat: Alle drei nicht technisch perfekt, mit menschlichen Schwächen behaftet, und grade dadurch glaubhaft und berührend.

Bis heute habe ich eine distanzierte Haltung gegenüber Stimmen, die mir einzuflüstern scheinen, Vibrato sei sinnlich-ordinär. Dabei ist es zutiefst menschlich. Instrumental klingende Stimmen orte ich der Instrumentalmusik zu -oder der Kirchenmusik, die das Übersinnliche auf die Erde holt. Aber unter menschlichen Individuen, vollends in der Oper, vibriert es, wie wir wissen, gelegentlich, besonders wenn sie verschiedenen Geschlechts sind. Deshalb haben mich Stimmen wie Fischer-Dieskau, Häfliger, Alva in der Oper selten restlos überzeugt. Mir fehlte das emotionale Charisma, das man nicht spielen kann, sondern hat oder nicht hat. Später haben mir dies Sänger wie Wunderlich, Burrows, Siepi, G. London, Berry und Frick bestätigt. Das schlägt sich im Timbre nieder und trifft genau ins Herz. Das klingt pathetisch, aber lässt sich kaum anders sagen.
So viel zum Ersten. Ich bin gespannt, was andere dazu meinen.
Herzliche Grüße von Sixtus

Bertarido

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73

Freitag, 11. November 2016, 16:50

Ich fände nach wie vor das angedachte Projekt eines gemeinsamen vergleichenden Hörens höchst spannend. Lieber Caruso, können wir irgendetwas Unterstützendes tun, damit Du einen Versuch in dieser Richtung wagst?

Caruso41

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74

Samstag, 12. November 2016, 12:16

Ich fände nach wie vor das angedachte Projekt eines gemeinsamen vergleichenden Hörens höchst spannend. Lieber Caruso, können wir irgendetwas Unterstützendes tun, damit Du einen Versuch in dieser Richtung wagst?

Lieber Bertarido!
Ich habe mal mit einigen Freunden, mit denen ich mich gelegenlich zum gemeinsamen vergleichenden Hören treffen darüber gesprochen, ob man das auch irgendwie ohne ein Realtreffen unter Nutzung der neuen Medien machen könnte. Dabei bin ich massiv in meinem Skeptizismus bestärkt worden. Deshalb wiederhole ich dir trifftigsten Argumente:

Ich halte das hic et nunc des g e m e i n s c h a t l i c h e n Hörens einfach für wichtig. Gerade wenn man einen Ausschnitt von wenigen Takten hört, dann ist es oft für das Hörenlernen essentiell , wenn alle spontan aufseufzen, wenn der Tenor unter der geforderten Tonhöhe bleibt oder sie erst mühsam erklimmt, wenn alle selig lächeln, weil ein Sänger eine großzügigere Phrasierung wagt als andere, wenn wegen einer ungelenke Koloratur alle "knurren" oder bei einem feinen Legato glücklichselig "schnurren".


Auch für das „In-Worte-Fassen“ ist das Gemeinschaftliche eine entscheidende Hilfe. Wenn ich recht verstanden habe, fehlen ja vielen Opernfreunden die passenden Worte, um die Hörerfahrung auszudrücken. Wie sollen sie dann nach Hören am PC ausdrücken, was sie gehört haben? Im gemeinsamen Arbeiten könnten ohne Frage Worte und Phrasen leichter gefunden werden. Und es würde deutlich, dass es nicht nur eine Möglichkeit gibt, ein Hörerlebnis in Worte zu fassen.


Ich hatte ja angedeutet, wie ich mir das vorstellen würde
Ich habe einige Erfahrungen damit im kleinen Kreis von Freunden und auch bei größeren Vorträgen gemacht. Man kann eine Arie nacheinander in verschiedenen Aufnahmen hören und vergleichen. Das ist für Ungeübte noch immer eine gewisse Überforderung. Deshalb finde ich es hilfreich, kleine Takes zu vergleichen.
Zum Beispiel (sehr geeignet): "Cielo e mar". Schon diese ersten Takte eigenen sich glänzend, Intonation und Stimmführung zu vergleichen und sich darüber auszutauschen wie musikalisch überzeugend die Phrase geformt wird und wie das die Intention des Komponisten umsetzt. Dann etwa "vi conquide, o sogni" und natürlich "vieni o donna, vieni al bacio....".

Bei aller Phantasie: wie soll denn das gehen, wenn alle - zu verschiedenen Zeiten - in ihrem Stübchen hören und irgendwann mal mitteilen, dass sie die Intonation eines Tones hart fanden oder zu tief, das Legato nicht gebunden und geschmeidig, die Phasierung ohne Rücksicht auf die harmonischen Modulationen der Begleitung....?

Nein, ich denke: man muss sich schon gemeinsam dem Hören aussetzen und miteinander einen Lernprozess durchstehen und erleben.

Das sind grundsätzliche Überlegungen, die für mich gegen einen Versuch mit dem Projekt in unserem Forum sprechen.
Es kommen noch andere hinzu, die mit den gegenwärtigen Realitäten und Modalitäten im Forum zu tun haben. Es wird Dich nicht überraschen, wenn ich hier einmal mehr auch feststelle, dass es nur wenig Neigung unter den Mitgliedern im Forum gibt, sich zu konkreten Höreindrücken von Stimmen und Gesangsleistungen zu äußern.
Im Thread "Neue Stimmen", der ja gerade gedacht ist als ein Forum, auf dem erste Eindrücke mitgeteilt und austauscht werden können, ist schlicht gar nichts zu den Vorstellungen gesagt worden! Zu etlichen der Neuen Stimmen, die von anderen Taminos vorgestellt wurden, lediglich von mir etwas gesagt worden.
Rudolfo, Dr. Pingel und Du haben wiederholt ihr Interesse an den Stimmen bekundet und Eindrücke artikuliert. Einige der übrigen Opernfans und Melomanen haben allenfalls mal eben eine Reaktion erkennen lassen.
Aber sonst: Schweigen!

Wie soll denn da das Projekt funktionieren?
Nein, wir sollte uns nichts vornehmen, was vorhersehbar nicht funktionieren würde!

Beste Grüße
Caruso41
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Caruso41

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75

Samstag, 12. November 2016, 12:28

Dein Versuch, zu Beginn etwas kategoriale Logik in diese Diskussion zu bringen, ist an sich schon zu begrüßen - obwohl ich persönlich meine Zweifel hege, ob der "Stil" tatsächlich eine ganz objektive Kategorie ist.

Ja, lieber Farinelli,
den Einwand kann ich verstehen. Er ist auch berechtigt.
Trotzdem denke ich, dass etwa für das Belcanto-Repertoire oder das französische Repertoire ziemlich genau gesagt werden kann, in welchem Stil die Partien zu singen wären! Das ist auch in Kriterien fassbar (gerade in Bezug auf "Belcanto" und "Französischen Stil" habe ich das in anderen Threads versucht), die vielleicht nicht als eine "ganz objektive Kategorie" gewertet werden können aber dem rein Subjektiven doch enthoben sind. Oder?

Beste Grüße

Caruso41
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dr.pingel

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Samstag, 12. November 2016, 13:07

Ich finde, dafür, dass ich die Literatur durchweg nicht mag, die von den jungen Stimmen vorgetragen wird, habe ich mir doch Mühe gegeben, wenigstens etwas beizutragen. Aber es bleibt dabei, dass ich im Fach der italienischen und französischen Oper keine Kenntnis habe, die eurer gleichkommt. Das ist ja ein Phänomen, was hier im Forum oft vorkommt. Helmut Hofmann kann ein Lied davon singen. In vielen Themen, lieber Caruso, seid ihr überqualifiziert. Dann müsst ihr euch entscheiden, das Thema alleine anzugehen oder es zu stoppen. Die anderen zu tadeln, nur weil sie nicht mithalten können, erscheint mir nicht ganz fair.
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Caruso41

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77

Samstag, 12. November 2016, 15:32

Lieber Dottore Pingel!
Ich finde, dafür, dass ich die Literatur durchweg nicht mag, die von den jungen Stimmen vorgetragen wird, habe ich mir doch Mühe gegeben, wenigstens etwas beizutragen.

Das kann man wohl laut sagen! Und es ist total zu loben! :thumbsup:
Dann müsst ihr euch entscheiden, das Thema alleine anzugehen oder es zu stoppen. Die anderen zu tadeln, nur weil sie nicht mithalten können, erscheint mir nicht ganz fair.

Ich glaube, dass es nicht eine Frage der Kenntnisse und Qualifikation ist, wenn viele Opernfreunde und Melomanen sich nicht äußern zu den Neuen Stimmen. In anderen Threads, in denen es um die Größen oder Scheigrößen am Opernhimmel geht, ist ja solche Zurückhaltung nicht zu beobachten. Ich vermute einfach mangelndes Interesse an dem, was man noch nicht kennt. Vielleicht kommt auch hinzu, dass man nicht erst mal ein paar Videos hören will, bevor man was sagen kann. Über Hopf, Vogt und Kaufmann, Adam und Frick, usw kann man gleich loslegen.

Aber tadeln wollte ich eigentlich nicht. Tut mir leid, wenn es so verstanden wird.
Ich wollte vielmehr darauf hinweisen, dass dieser Thread über Neue Stimmen doch nur Sinn macht, wenn ein breiteres Meinungsbild zu den Vorgestellten entsteht. Wenn Du sagt, ich müsste mich entscheiden, "das Thema alleine anzugehen oder es zu stoppen", dann wäre die Alternative, die Helmut Hoffmann gewählt hat und die für sein Thema auch mir durchaus möglich erscheint, eher nicht sinnvoll. Ich wollte halt mit diesem Thread über "Entdeckungen" nicht mich und mein Wissen verbreiten sondern einen Austausch von Hörerfahrungen und Meinungen über Sänger einer neuen Generation.


Und wenn ich hier in diesem Thread das thematisiert habe, dann nur, weil ich Bertarido deutlich machen wollte, dass das Projekt des gemeinsamen vergleichenden Hörens keine Aussicht hat angesichts der gegenwärtigen Realitäten und Modalitäten im Forum.

Mit besten Grüßen

Caruso41
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Bertarido

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Samstag, 12. November 2016, 17:37

Und wenn ich hier in diesem Thread das thematisiert habe, dann nur, weil ich Bertarido deutlich machen wollte, dass das Projekt des gemeinsamen vergleichenden Hörens keine Aussicht hat angesichts der gegenwärtigen Realitäten und Modalitäten im Forum.

Lieber Caruso, ich verstehe die von Dir nochmals vorgebrachten Bedenken. Und ich kann auch gut nachvollziehen, dass Du Dir die Arbeit nicht machen willst, ein solches Projekt zu beginnen, wenn Du nicht an einen Erfolg glaubst. Schade finde ich es aber nach wie vor, es nicht einmal versucht zu haben. :huh:

Einem persönlichen Treffen von gesangsinteressierten und lernwilligen Tamimos für ein vergleichendes Hören stehe ich überhaupt nicht ablehnend gegenüber. Aber finden sich genug Exemplare von dieser ja ohnehin nicht allzu zahlreichen Spezies in räumlicher Nachbarschaft? Vielleicht im Raum NRW???

rodolfo39

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79

Samstag, 12. November 2016, 17:43

Ich wäre dabei. Hab nur keinen Führerschein.

dr.pingel

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80

Samstag, 12. November 2016, 20:58

Ich wäre auch dabei, aber meine Gesundheit lässt es im Moment nicht zu. Ich möchte noch einmal betonen, dass die Idee des gemeinsamen Hörens gut ist, aber an praktischen Fragen scheitert. Ich habe viele Freunde, die klassische Musik lieben, aber kaum Ahnung davon haben und nicht viel kennen. Daher habe ich jetzt mit unserem musikwanderer, der auch hier wohnt, ein monatliches Treffen gestartet, bei dem wir uns austauschen, und zwar nicht nur Meinungen, sondern auch CDs.
...Ich möchte an dieser Stelle bestätigen, dass die Losung "Keiner singt Dylan wie Dylan selbst" stimmt. Fast alle anderen singen ihn besser (Wolfgang Welt, Doris hilft)

9079wolfgang

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81

Samstag, 12. November 2016, 22:20

Zitat

Caruso41: Und wenn ich hier in diesem Thread das thematisiert habe, dann nur, weil ich Bertarido deutlich machen wollte, dass das Projekt des gemeinsamen vergleichenden Hörens keine Aussicht hat angesichts der gegenwärtigen Realitäten und Modalitäten im Forum. :yes: :!:
W.S.