Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich
  • »Dr. Holger Kaletha« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 6 828

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

361

Freitag, 8. April 2016, 08:44

An Herrn Roehl: So fing es an.

Zitat von »hami1799«
Zitat von »Dr. Holger Kaletha«
Das Problem scheint zu sein, dass die Erwartungen insbesondere das Opernpublikums noch mehr in Richtung Unterhaltung abgedriftet sind und dies auf die Gegenseite trifft, wo Regisseure sich berufen fühlen, die schon 1920 etwas "verruchte" und als überlebt angesehene Operngattung zu reformieren, ihr den Sinn ernsten und Ernst zu nehmenden Theaters zurückzugeben.


Ich habe hier, wie man im Folgenden sieht mit dem "moralischen Gefälle", Herrn Kaletha auf einen freudianschen Versprecher aufmerksam gemacht und sein "in die Unterhaltung abdriften" gegenüber der "Berufung des Regisseurs" angesprochen. Darauf hatte ich natürlich eine entsprechende Antwort erwartet. Entweder aber hat Herr Kaletha das nicht kapiert oder aber er kümmerte sich nicht drum. Seine Antworten sind meist irrelevant und wenn dazu noch die Moralkeule geschwungen wird, ist man schon klassifiziert.
Ich hatte es angedeutet: Ein philosophischer Diskurs verlangt eine gewisse Selbstverleugnung, Distanznahme zu sich selbst, seinen Vormeinungen, Vorlieben, Animositäten gegenüber. Denn nur so ist es möglich, sich auf den Standpunkt des Allgemeinen zu stellen.

Das Posting oben ist in dieser Hinsicht exemplarisch - genau dieses "Transzendieren" des persönlichen Betroffenheitsstandpunkts geschieht hier nicht, welcher der Eingangstext von mir aber voraussetzt. Ich hatte diese personalisierende Rezeption mit dem Salafisten erläutert, der Alles und Jedes, auch das gar nicht persönlich gerichtete, persönlich nimmt. Er sieht ein Werbeplakat vor einer Drogeriekette und sagt: "Das haben die nur aufgehängt, um uns zu provozieren."

Der Zitatausschnitt bezieht sich auf eine Diskussion aus den 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo von einer Opernkrise die Rede ist. Ein wesentlicher Teil davon ist die Einstellung des Publikums, nämlich, dass das Publikum primär unterhalten werden will und alle weitergehenden, "ernsten" Ambitionen des Theaters, welche dieses Unterhaltungsbedürfnis stören, ablehnt. Historisch kann man nun eben bemerken, dass diese Haltung des Publikums nicht selbstverständlich ist, sondern eine Verschiebung des Interesses, welche nicht mehr auf einen Ausgleich der Aspekte der Belehrung und Unterhaltung aus ist, sondern polarisiert, d.h. von der ausgleichenden Mitte abweicht und zu einem Extrem der einseitigen Betonung tendiert. Das bringt die Metapher des "Abdriftens" zum Ausdruck.

Hier wird zudem - aber nur im vagen Ansatz - eine Typologie vorgenommen, eine Klassifikation von Hörertypen, wie es eine musiksoziologische Betrachtung tut. Das hat nun nicht das Geringste mit Statistik zu tun. Typologie ist z.B. zwischen Stammwählern einer Partei und Wechselwählern zu unterscheiden. Die Umfragen zeigen dann, wie groß der Anteil der Wählergruppen ist, wieviele auch der Stammwähler ihrer Partei untreu werden usw. Man kann nun nicht die Typologie, wonach bei einem bestimmten Hörertyp das Unterhaltungsbedürfnis so stark dominiert, dass er z.B. jede Art von Belehrung als "Gewalt" erfährt (Irrgeher sagte "Manipulation") oder generell nichts Häßliches auf der Bühne duldet, also die Möglichkeit einer Ästhetik des Häßlichen ablehnt, nun mit irgendwelchen Statistiken abtun. Keine Umfrage von Wählern, egal wie sie ausfällt, wird die Unterscheidung von Stammwählern und Wechselwählern beseitigen, sie setzt diese vielmehr voraus.

Weiter halte ich es für völlig legitim, auf Widersprüche in der Selbstdarstellung kritisch hinzuweisen. Wenn man einerseits den philosophischen Diskurs über Ästhetik mit seinen Ansprüchen als "Geschwätz" abtut, dann aber sich erlaubt, mit Versatzstücken aus genau dieser "schwätzerischen" Ästhetik zu arbeiten, um seine Position diskursiv zu untermauern, dann ist das eine Instrumentalisierung von Ästhetik zum Zweck der Selbstbehauptung, die man auch als solche benennen darf. Solche Kritik muss der Betreffende dann aushalten.

Ebenso aushalten muss man auch scharfe Kritik, wenn man Positionen einnimt, die jenseits jeglicher allgemeinen Konsensfähigkeit sind. Nicht konsensfähig ist eben, sich eines Jargons ungeniert zu bedienen, der aus dem Nazi-Diskurs über entarterte Kunst stammt, sei es nun naiv oder nicht. Dann demjenigen zum bösen Buben zu erklären, der so etwas nicht hinzunehmen bereit ist (ich habe es lediglich am lautesten formuliert, unzählige andere Mitleser denken ganz genauso), ist Selbstverschleierung und eine leicht durchschaubare Immunisierungstaktik. Es gibt in diesem Fall nur zwei Möglichkeiten: Wenn man den Diskurs offen halten will, muss man auf solche Rhetorik der Verunglimpfung, wie ich es allgemeiner nenne, verzichten, oder man darf sich nicht wundern, dass ein wirklich offener Diskurs eben nicht mehr zustande kommt.

Meine nächsten Beiträge werden sich auf die Mahagonny-Premiere von morgen abend beziehen. Hier kann man nämlich wie ich finde ästhetische Fragen wirklich konkret machen.

Schöne Grüße
Holger

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 799

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

362

Freitag, 8. April 2016, 10:38

Da ich hier mich nicht beteiligt habe, nehme ich mir jetzt heraus, einen moderativen Schritt zu unternehmen.
In Anbetracht all dessen, was die letzten Tage hervorgebracht haben, denke ich, eine Pause könnte sinnvoll sein, und sperre hiermit den Thread.

Ähnliche Themen