Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

SMOB

Profi

  • »SMOB« ist männlich

Beiträge: 482

Registrierungsdatum: 5. Januar 2005

91

Montag, 17. September 2007, 18:27

Vielleicht wurde darauf schon einmal hingewiesen; aber diese 12 Minuten sind,
subjektiv fuer mich, das Schoenste was es in der Musik gibt. Absolute Perfektion
auf Seiten des Komponisten und des Interpreten:

Teil 1:http://www.youtube.com/watch?v=X2EQmQUXXIc
Teil 2:http://www.youtube.com/watch?v=NE0FMAJ0RKY
"Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

Hildebrandt

Prägender Forenuser

  • »Hildebrandt« ist männlich

Beiträge: 2 154

Registrierungsdatum: 10. Juli 2007

92

Dienstag, 18. September 2007, 00:58

Zitat

Original von SMOB
Vielleicht wurde darauf schon einmal hingewiesen; aber diese 12 Minuten sind,
subjektiv fuer mich, das Schoenste was es in der Musik gibt. Absolute Perfektion
auf Seiten des Komponisten und des Interpreten:

Teil 1:http://www.youtube.com/watch?v=X2EQmQUXXIc
Teil 2:http://www.youtube.com/watch?v=NE0FMAJ0RKY


Man soll ja nicht auf Leichenwagen schießen, aber was Prof. Dr. Feinfinger da in höchster Verzückung und in bekannt arachnoider Haltung als privaten Trauergottesdienst zelebriert, lässt sich doch nur mit Mühe als Bach erkennen. :untertauch:

Nur mal so, als Gegenpol. :D

Pylades

Schüler

  • »Pylades« ist männlich

Beiträge: 183

Registrierungsdatum: 20. Mai 2007

93

Donnerstag, 20. September 2007, 20:00

Hallo zusammen,

ein kleiner Tip zum Thema: im aktuellen "Fono Forum" (Oktoberheft 2007) gibt es angesichts des fünfundsiebzigsten Geburtstages am 25. September und des sich im Oktober zum fünfundzwanzigsten Mal jährenden Todestages einen Beitrag über Glenn Gould. Der eigentliche Text bietet nichts grundsätzlich Neues für die Musikfreunde, denen die Kunst dieses Pianisten am Herzen liegt. Interessant sind vielmehr die kurzen Texte, die verschiedene bedeutende lebende Pianisten unter dem Titel "Genie oder Scharlatan?" beigetragen haben:

- Alfred Brendel,
- Paul Badura-Skoda,
- Christian Zacharias,
- Lars Vogt,
- Martin Stadtfeld,
- Andras Schiff und
- Pierre-Laurent Aimard.

Sehr lesenswert und auch überraschend.

Notabene: nachdem Alfred Brendels Interpretationsstil sich kürzlich in der Zeitschrift "Partituren" in einem Interview mit Michael Korstick einer doch recht massiven Kritik in Hinsicht auf seine Texttreue aussetzen lassen musste (im Tamino-Forum wurde dies an geeigneter Stelle ausführlich diskutiert), teilt er in seinem Text ebenso kräftige Kritik aus. Witzigerweise ist der Grundton der selbe wie der bei Korstick: hier also Goulds mangelnde Treue bei der Realisierung der Absichten des Komponisten.

Gruß
Pylades

  • »Kontrapunkt« wurde gesperrt

Beiträge: 476

Registrierungsdatum: 17. November 2006

94

Samstag, 4. Oktober 2008, 23:39

Zitat

Original von Johannes Roehl
Und dann kann ja vielleicht noch jemand erklären, warum sie bei Gould noch "jazziger" klingen sollen...


Ganz einfach: weil (zumindest bei früheren Aufnahmen) das Mikrophon unters Klavier gestellt wurde wie in vielen Jazz-Aufnahmen.

Viele Grüße

:hello:
Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. (L. Tieck)

  • »Kontrapunkt« wurde gesperrt

Beiträge: 476

Registrierungsdatum: 17. November 2006

95

Sonntag, 5. Oktober 2008, 01:15

vertikal oder horizontal?

Zitat

Original von bubba
Er spielt Bach horizontal, sein Bach swingt(klingt blöd, man könnte auch sagen, er hat einen guten, passenden Puls), wenn es passt; wenn ein Stück gerade nicht danach verlangt, dass es swingt, so spielt er es auch gerne mal eiskalt und starr.


Zitat

Original von sagitt
Ich höre gerne den emotionalen Teil mit, und Gould, so mein Höreindruck, reduziert die Werke auf transparente Strukturen. Wenn es um Linie,um fliessende Melodie geht, ignoriert er diese Anteile. Ich finde, das kann man gut hören, wenn er mit Streichern zusammenspielt, zB die Gambensonaten von Bach oder das Klavierquartett von Schumann. Er zerhackt die Linie. Deswegen kommt er mit Mozart so schlecht zurecht. Charme, Melodie, das sagt ihm nicht zu.


Zitat

Original von SMOB
Der Hauptunterschied zwischen Goulds Bach und dem Bach von den meisten anderen bekannten Pianisten ist seine eher vertikale Herangehensweiste, welche eher die einzelnden Themen betont und das Hauptaugenmerk weniger auf die Gestaltung des ganzen Stückes lenkt. Das hat sagitt gut formuliert.
Am Gouldschen Modell kann man sicher kritisieren, dass die Spannung dadurch ständig vorhanden ist und sich nicht erst aufbaut. Romantische oder auch bzw. Mozarts Musik passt vielleicht einfach besser zur 2ten Methode, weil bei diese Musik weniger von ihrer Struktur lebt als zum Beispiel Barockmusik.


Es scheint sich zu widersprechen, dass ein Gould-Befürworter schreibt, sein Bach-Spiel sei horizontal orientiert, dagegen ein eher skeptischer Gould-Hörer und ein anderer Gould-Befürworter eine vertikale Herangehensweise nicht zuletzt bei Bach ausmachen.
Zunächst einmal scheint auch mir Gould gerade bei Bach großen Wert auf die horizontale Dimension zu legen. Dafür spricht seine Tendenz vollgriffige Akkorde in Arpeggien aufzulösen (so mitunter auch noch im 1. Satz von Beethovens Sonate op. 27 Nr. 1), bei der sich allerdings auch noch fragt wie weit sie auf Goulds zeitweilige fokale Dystonie zurückzuführen ist. Vor allem aber benutzt er verschiedene "Register", um die gleichzeitigen Stimmen von einander abzuheben: Staccato, Non-Legato, Legato.
Daher wohl auch der Eindruck, Goulds Aufnahmen hätten was von Schwarz-weiß-Photos im Vergleich zu anderen "farbiger" spielenden Interpreten. Goulds Spiel ist aber gar nicht unfarbig; die Farbe steht halt nur im Dienste der Polyphonie - gerade bei Bach.
Gleichwohl buttert Gould die horizontale Dimension keineswegs unter. So kommen auch, wenn er akkordisch spielt, die Mittelstimmen gut raus. Das gelingt ihm besser als dem Durchschnitt der Flügel-Zunft.
Der horizontale Fluss der Musik wird bei Gould wohl auf zweierlei Weise gefährdet:

- durch vergleichsweise häufigen Einsatz von Staccato und Non-Legato (das bei C.Ph.E. Bach ja aber auch das "ordentliche Fortschreiten", also die Regel ist, während die historisch weniger informierte romantische Tradition der Interpretation das Non-Legato zur Ausnahme gemacht hat)

- durch seine improvisatorische Tendenz, die ihn, wenn mein Eindruck mich nicht täuscht, manche Stellen eines Satzes gleichsam schwelgerisch auskosten lässt, spontane Tempo-Wechsel veranlasst. Dass Gould, gerade bei Bach & Mozart manche Sätze geradezu mechanisch gleichförmig, womöglich noch zügig runterratternd spielt, ist da nur ein Sonderfall, eine Möglichkeit.

Zum ersten Punkt muss ich sagen, dass Gould mir selbst, wenn er Staccato spielt, die Sanglichkeit zu wahren scheint.
Der zweite Punkt stört nicht einfach nur mehr oder weniger den horizontalen Fluss, sondern vernachlässigt in gewisser Weise die Ganzheit eines Satzes. Gould durchlebt ihn sozusagen spontan.
Bei quasi-improvisatorischen Stellen in den Bach- oder Händel-Suiten (Präludien) ist das ja wohl auch mehr als angezeigt. Da muss einfach mehr passieren, als da gedruckt steht. Dagegen sind mir Andras Schiff oder Jewgeni Koroliov (letztens im Radio mit 'ner französischen Suite gehört) schon ein bisschen zu brav.
Was ich mit der improvisatorischen Tendenz meine, wird vielleicht an der Handhabung von Goulds Registern (Staccato bis Legato) deutlich. Die ist nämlich keineswegs dogmatisch starr, sondern kann bei der selben Stimme auch immer wieder wechseln.

Einerseits kommen in Goulds Spiel sicher Manierismen zum Zuge, da es aber so flexibel & spontan ist, bei einer weiteren Aufführung wieder anders sein kann, wird andrerseits deutlich, dass es, so wie es der Gould da gerade spielt, nicht die einzige Möglichkeit ist. Also stellt auch Gould in gewisser Weise das Werk über seine persönliche Auffassung.

Viele Grüße

:hello:
Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. (L. Tieck)

rappy

Prägender Forenuser

  • »rappy« ist männlich

Beiträge: 998

Registrierungsdatum: 5. November 2005

96

Sonntag, 5. Oktober 2008, 10:45

Wer ein Beispiel haben will, dass GG überaus emotional spielen kann, höre sich diese CD an:



Ich denke, dass Gould die Stücke (bzw. deren Komponisten), die er sehr schätzte, auch sehr ausdrucksvoll gespielt hat. Strauss hielt er für den Größten des 20. Jhs., Bach für den Größten überhaupt - dementsprechend sind seine Aufnahmen dieser beiden Komponisten sehr gelungen. Die späte Gouldberg-Aufnahme gehört für mich zu den ergreifendsten Klavieraufnahmen.
Mozart moche er nicht, dementsprechend klingen seine Sonatenaufnahmen wie eine Parodie.
"Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

miguel54

Prägender Forenuser

  • »miguel54« ist männlich

Beiträge: 1 747

Registrierungsdatum: 12. September 2007

97

Sonntag, 5. Oktober 2008, 11:57

Synkopen

Ich habe im Moment leider nicht die Zeit, mich tiefer in diese Diskussion einzumischen, möchte aber etwas Grundsätzliches zur Verwendung des Begriffes "Synkope" in der Diskussion rhythmischer Charakteristika des Jazz anmerken. Seine Anwendung setzt das Vorhandenseins einer rhythmischen Abstufung z.B. in Form des Akzentstufentakes voraus, die es so in afrikanischer und afro-amerikanischer Musik nicht gibt. Die Rhythmik dieser Kulturen funktioniert völlig anders - die Forschung über die Rhythmik anderer und vor allem afrikanischer Kulturen hinkt der Erforschung von Melodien, Skalen und, soweit überhaupt vorhanden, harmonischen Strukturen um ca. 50 Jahre hinterher und begann mit Arthur Morris Jones in den 1950er Jahren, wurde von Gerhard Kubik fortgeführt, dessen Terminologie in der Musikethnologie inzwischen anerkannt ist, auch von Forschern aus Afrika und Lateinamerika verwendet wird, aber von Jazztheoretikern aus Bequemlichkeit ignoriert wird - sie müssten umdenken und aufhören, die europäische Notation mit ihren für die Darstellung rhythmischer Parameter außereuropäischer Musik ungeeigneten Implikationen zu verwenden.
Es ist etwas zu kompliziert, um es hier in Kürze darzustellen, nachlesen kann man es vor allem in:

Gerhard Kubik, Zum Verstehen afrikanischer Musik. Aufsätze. Wien: LIT Verlag 2004 (ISBN 3-8258-7800-7) s. wehwehweh.lit-verlag.at - vor allem der erste und zweite Aufsatz, "Einführung in das Studium von Musik und Tanz in Afrika" und "Einige Grundbegriffe und -konzepte der afrikanischen Musikforschung".

Gerhard Kubik, Theory of African Music, Volume 1. Wilhelmshaven: Florian Noetzel Verlag 1994 (ISBN 3-7959-0560-5) - Volume 2 ist leider nie erschienen.

Es mag auf den ersten Blick verwundern, daß ich Literatur über afrikanische Musik angebe, aber Jazz ist eine afro-amerikanische Musikform und hat mehr mit Afrika zu tun als das den meisten Theoretikern und Jazzfans und -Kritikern klar ist - Alfons Michael Dauer hat das als einziger unter den deutschsprachigen Jazzforschern richtig erkannt.

Begriffe wie Takt und Synkope sind ungeeignet, die Rhythmik des Jazz und afrikanischer Musik zu beschreiben. Folgerichtig sind auch Elemente in barocker Musik, die für unsere an europäischen Parametern geschulten Ohren "swingend" klingen, nicht jazzig, sondern rhythmische Phänomene unterschiedlicher Arten zu phrasieren, die ähnlich klingen, aber aufgrund völlig verschiedener Arbeits- und Spielweisen entstehen. Die Ähnlichkeit ist nur oberflächlich. Die mentalen Konzepte, die den Haltungen der Musiker zugrunde liegen, sind völlig verschieden.

Bei Gelegenheit gerne mehr. Man lese Kubik.

  • »Kontrapunkt« wurde gesperrt

Beiträge: 476

Registrierungsdatum: 17. November 2006

98

Dienstag, 7. Oktober 2008, 14:06

RE: gould + bernstein

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Sein seltsamer Geschmack in Bezug auf Komponisten steht im Grunde auf demselben Blatt. Soviel ich weiß, war es nicht Mozart, den er ghasst hat (den vielleicht auch), sondern Beethoven.
In einer TV-Sendung zwickte Gould den Schluss einer Beethoven-Sonate ab, spielte die inhaltslos gewordenen Akkordfolgen und kommentierte (ich zitiere aus dem Gedächtnis): "Bei Bach würden Sie im gesamten Werk nicht einen Takt finden, der so überhaupt keinen Inhalt hat. Bei Beethoven sind es in einer Sonate soundsoviele Takte." (Bitte mich zu korrigieren, wenn jemand das Zitat wörtlich hat.)

Das ist natürlich völlig verrückt, denn ebenso gut könnte man sagen, dass in einem Werk Bachs mehr erlernbare Floskeln stünden als im Gesamtwerk Beethovens. Aber Gould liebte eben die extremen Standpunkte. Sie gehören zu seiner Persönlichkeit, in ihnen wurzeln seine unbedingt persönlichen, völlig subjektiven, aber immer genau überlegten interpretatorischen Ansätze.


Wobei die Bewertung Goulds das Verschrobene an seinem Bach-Beethoven-Vergleich ist. Über die Musik hat er mehr damit weitaus mehr gesagt, als es bei Kulturvermittlern wie Justus Frantz üblich ist. Bei denen steht fest, dass die großen Meister halt große Meister sind und daher gespielt und gehört werden müssen, ganz gleich, was in deren Musik eigentlich passiert.

Goulds Appassionata-Interpretation muss man nicht gehört haben. Aber es macht doch etwas über diese Musik deutlich, wenn er besonders die ersten beiden Sätze so langsam spielt, um mit dem pädagogischen Zeigefinger empört etwa auf die vielen Tonrepetitionen aufmerksam zu machen.

Seine Beschreibung der Musik von Paul Hindemith ist gar nicht so weit weg von Adornos Ausführungen. Vor allem in Goulds Wertschätzung schneidet Hindemith dann besser ab.

Viele Grüße

:hello:
Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. (L. Tieck)

SMOB

Profi

  • »SMOB« ist männlich

Beiträge: 482

Registrierungsdatum: 5. Januar 2005

99

Dienstag, 14. Oktober 2008, 14:37

Liebe Gouldianer,

Gestern lief auf Arte diese Dokumentation:

Glenn Gould - Jenseits der Zeit (Bruno Monsaingeon)

Wiederholung in der Nacht von Sonntag auf Montag
um 5:10 ( :baeh01:)

Mir hat es sehr gefallen.
"Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

Harald Kral

Erleuchteter

  • »Harald Kral« ist männlich

Beiträge: 14 983

Registrierungsdatum: 20. Juni 2007

100

Dienstag, 25. September 2012, 14:17

Zum 80. Geburtstag

heute wäre er 80 geworden:

Glenn Herbert Gould (* 25. September 1932 in Toronto, Ontario; † 4. Oktober 1982 ebenda) war ein kanadischer Pianist, Komponist, Organist und Musikautor. Er ist vor allem für seine Bach-Aufnahmen bekannt.



LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

zweiterbass

Prägender Forenuser

  • »zweiterbass« ist männlich

Beiträge: 4 169

Registrierungsdatum: 2. Juni 2010

101

Dienstag, 25. September 2012, 15:28

Gestern waren auf BR-Klassik eine "seiner" Goldberg-Variationen zu hören. Bei einer Aufnahme (Konzertmitschnitt?) hört man ihn mitsummen - mich stört es nicht - im Gegenteil.

zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Helmut Hofmann

Prägender Forenuser

  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 879

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

102

Dienstag, 25. September 2012, 16:24

Es gibt - anlässlich seines Geburtstages - eine ganze Reihe von Neuerscheinungen. Eine der interessantesten Produktionen aber, die seine Person betreffen, war für mich Die "Glenn Gould Trilogy", die Michaeel Stegemann 2007 im Auftrag von WDR 3 produzierte. Sie erschien in Form einer CD-Kassette (3 CDs) bei Sony und ist noch im Handel.

Theophilus

Prägender Forenuser

  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 824

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

103

Mittwoch, 26. September 2012, 13:41

Bei einer Aufnahme (Konzertmitschnitt?) hört man ihn mitsummen - mich stört es nicht - im Gegenteil.

Gould summte gerne mit - auch bei Studioaufnahmen!

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Helmut Hofmann

Prägender Forenuser

  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 879

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

104

Mittwoch, 26. September 2012, 22:29

Na ja. Wer die vielen Aufnahmen von Glenn Gould kennt, der würde nicht von "summen" reden. Das war schon mehr. Eine ganze Bandbreite von Geräuschen: summen, singen, brummen, knurren, stöhnen ...

Da liegt ja das eigentliche Problem dieses Pianisten: Er meinte, sich selbst als Person ganz und gar in seine Interpretation einbringen zu müssen, total und ohne jeden Gedanken an Selbstkontrolle - in Form einer Unterstellung der Person unter das Werk.

Alfred Brendel neigte auch zum leisen Mitsummen und zum Miterleben der Musik in den Gesichtszügen. Ich habe mich gefragt, ob dieselbe interpretatorische Haltung dahintersteckt.

Nein. Im Falle von Alfred Brendel lag etwas anderes vor: Kein radikaler, hemmungsloser Subjektivismus. Es war eine extreme Einfühlung in das Werk, die auf das physische Verhalten des Interpreten zurückstrahlte. Alfred Brendel war hochsensibel und hyperneurotisch. Kein Egomane wie Glenn Gould, der zum Beispiel nicht imstande war, sich als Liedbegleiter einer Elisabeth Schwarzkopf in die Rolle einzufinden, die einem Begleiter zukommt.

Welten liegen diesbezüglich zwischen Glenn Gould und Alfred Brendel.

Harald Kral

Erleuchteter

  • »Harald Kral« ist männlich

Beiträge: 14 983

Registrierungsdatum: 20. Juni 2007

105

Donnerstag, 4. Oktober 2012, 15:14

zum 30. Todestag

am heutigen 4. Oktober jährt sich der Todestag des Pianisten zu 30. Mal. Gerade rechtzeitig auf der Markt geworfen:


Glenn Gould - Musik & Leben eines Genies (2 CD + Buch)
Bach: Aria aus Goldberg-Variationenn BWV 988 (1951);Aria variata alla maniera italiana BWV 989;Sonate für Cello & Klavier BWV 1028 (1.& 2.Satz);Konzert BWV 974 nach Marcello;Sonate für Violine & Klavier BWV 1015 (3. & 4.Satz);Präludium BWV 933;Invention BWV 772;Sinfonia BWV 787;Präludium & Fuge BWV 846;Die Kunst der Fuge BWV 1080 (Ausz.);Italienisches Konzert BWV 971;Klavierkonzert BWV 1056
+Gibbons: Fantasie C-Dur
+Beethoven: Klavierkonzert Nr. 1 (1.Satz)
+Schönberg: Klavierstück op. 11 Nr. 1
+Händel: Cembalosuite HWV 428 (1.& 2.Satz)
+Beethoven / Liszt: Symphonie Nr. 6 für Klavier (1.Satz)
+Mozart: Klavierkonzert Nr. 24 (3.Satz);Klaviersonate Nr. 11 (3.Satz "Alla turca")
+Scriabin: Morceaux op. 57 Nr. 1 & 2
+Haydn: Klaviersonate H16 Nr. 51
+Brahms: Intermezzo op. 118 Nr. 6
+Strauss: Morgen op. 27 Nr. 4
+Wagner / Gould: Meistersinger-Vorspiel (1.Akt)
Künstler:
Glenn Gould,
Elisabeth Schwarzkopf,
Columbia SO, CBC SO,
Vladimir Golschmann, Walter Susskind u. a.
Label: Sony, ADD

LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

Helmut Hofmann

Prägender Forenuser

  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 879

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

106

Donnerstag, 4. Oktober 2012, 16:50

Wer dem Menschen und Pianisten Glenn Gould in seiner Eigenart begegnen möchte, dem empfehle ich die gerade bei Sony erschienene Doppel-CD "Glenn Gould, Die Schwarzkopf-Bänder, Richard Strauss". Darin finden sich nicht nur sechs fertig produzierte Strauss-Lieder, sondern auch zwei "Burlesken", bei deren erster Gould lauthals mitsingt.

Aber das eigentlich Interessante ist die zweite CD. Sie enthält eine WDR-Produktion von Michael Stegemann: "Glenn Gould und Elisabeth Schwarzkopf. Chronik einer unglücklichen Liebe." Hier kann man in Form von Original-Tondokumenten und nachgesprochenen Szenen erleben, wie zwei höhst eigenwillige Künstler versuchen, Strauss-Lieder für eine Aufnahme zu interpretieren. Elisabeth Schwarzkopf gerät dabei durch die Eigenwilligkeiten Glenn Goulds derart außer sich, dass ihr hie und da die Stimme wegbleibt.

Das Unternehmen musste schließlich abgebrochen werden: Zwei interpretatorische Welten waren aufeinandergestoßen und konnten zusammen nicht kommen.

  • »PianoForte29« ist männlich

Beiträge: 144

Registrierungsdatum: 12. April 2008

107

Donnerstag, 4. Oktober 2012, 23:45

Glenn Gould und 'seine' Go(u)ldberg-Variationen - Mehr als nur ein Zufall?

Der Mythos G.G. lebt - auch 30 Jahre nach dem irdischen Entschwinden des kanadischen Jahrhundertpianisten, zu dem ich eine - dem Admin bekannte - 'special relationship' besitze.
Persönlichkeiten, die wenn zwar nicht durch echte Kreativität, was ja im Wortsinn das (urheberrechtlich relevante) Schaffen eigener Werke bedeutet, so doch im Wege kongenialer Neudeutung genialer Kunstwerke und der interpretatorischen Erschließung von schon erschlossen geglaubtem Terrain eines Großmeisters der Musik, des Schauspiels, der Literatur, vielleicht selbst der Malerei das Bewusstsein zahlloser Millionen Menschen dieses Globusses verändern, in ihm eine tiefe Spur von der Einmaligkeit, der "Ewigkeitsgeltung" einer spezifisch-menschlichen und damit indirekt auch der universell-göttlichen Schöpfung eingraben, die auch nach Jahrzehnten noch klare Konturen aufweist - solche Persönlichkeiten, solche Künstler werden zumal im medialen Zeitalter nicht vergessen, selbst höchstwahrscheinlich nach Jahrhunderten noch nicht.

Eine Ausnahmebeziehung der geschilderten Art können wir bejahen im Fall von Glenn Gould und Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen.
Seine erste Aufnahme vom 10. Juni 1955 (nur am Rande: wenige Tage vor der längsten Sonnenfinsternis des 20. Jahrhunderts) gehört quasi zum inoffiziellen Weltkulturerbe - und schwirrt darum auch durchs All, um irgendwann einigen außerirdischen Findern ein Zeugnis vom Planeten Erde vermitteln zu sollen. Zumindest so schnell und so analytisch durchdacht und ausgeklügelt hatte bis dato noch nie jemand dieses erste opus magnum der Klaviervariation auf Tonträger eingespielt. Natürlich möchte man sich gern ausmalen, wie dasselbe Werk unter den Händen eines Liszt oder Busoni geklungen haben mag, allein wir befinden uns nicht in der glücklichen Lage, hiervon über Tonmaterial zu verfügen.
War es wirklich nur das Werk an sich in Verbindung mit dem Vollbesitz der pianistischen Technik und der jugendlichen Vitalität, was Gould so entfesselt und kongenial zu ungeahnten Höhen emporsteigen ließ - oder spielte auch eine Rolle, dass er sich gerade mit den Goldberg-Variationen in einem besonderen Maß identifizierte, und zwar aus dem einfachen Grund, weil jene das einzige Klavierwerk Bachs - wenn nicht des Klavier-Hauptrepertoires schlechthin - darstellen, wo Goulds Name in seiner ursprünglichen Fassung(!) im Werknamen enthalten ist? Dazu muss man wissen, dass laut der hochgelobten Gould-Biographie von Bazzana auf allen Dokumenten bis 1938, letztmals in einem Kirchenkonzert vom Okt. 1940, Glenn den traditionellen Familiennamen Gold trug, so natürlich auch die Taufurkunde von 1932 (zweiter Vorname: Herbert). Hintergrund dieser geänderten Schreibweise war offenbar ein in Mitteleuropa m.E. weithin unbekannter Antisemitismus im Toronto der 30er Jahre, was gerade für den im Pelzhandel tätigen Vater unseres Pianisten zu einer zunehmenden Belastung wurde.
Wie auch immer, die Go(u)ldberg-Variationen mutierten vom Karriere-Sprungbrett zum Markenzeichen Glenn Goulds und sind konsequenterweise auch auf seinem Grabstein, den ich 2009 besichtigen konnte, stilisiert dargestellt.

Meine Lieblingsaufnahme dieses für Bach im Grunde genommen eher untypischen Werks ist nach wie vor das Arrangement für Akkordeon, z.B. mit Stefan Hussong. Dieses Instrument verfügt in meinen Ohren über die am besten geeigneten, mal satten, mal wohlig-warmen Klangfarben, um die extrem verschiedenartigen Strukturen des opus magnum-Variationenwerks hörbar transparent zu machen.

Nichtsdestoweniger führt für alle Klavierspieler, die das Werk erlernen oder sogar aufführen, kein Weg an Goulds beiden Aufnahmen von 1955 und 1981 vorbei, weil weder Koroliow noch andere ihren Höhenflug ganz erreicht haben. Eine sehr beachtliche Interpretation scheint mir diejenige David Korevaars zu sein, die man auf http://oregonbachfestival.com/digitalbach/goldberg/ im Autograph Bachs(!) mitlesen kann. Eine echte Empfehlung meinerseits - sowohl Aufnahme wie interaktives Angebot des Internetauftritts von dem durch Helmuth Rilling gegründeten Oregon Festival.
Die dort ebenfalls partiell zu findende Cembalo-Einspielung von Matthew Halls dürfte hingegen ein Paradebeispiel dafür sein, wie man BWV 988 - und Cembalo allgemein - nicht wiedergeben soll: Dauernd verschleppte Tempi, viel zuviel Subjektivität von vorn bis hinten. Bach ist eben nicht Chopin - im Barock gibt es kein Rubato, sondern nur konkret bezeichnete Tempowechsel!
Die Referenz-Cembaloaufnahme der Goldberg-Variationen ist für mich, trotz kleinerer Unsauberkeiten, diejenige von Wanda Landowska 1933.

Auch mich verbindet mit dem erwähnten opus magnum mehr als mit dem durchschnittlichen Werk für Tasteninstrument.
Es allein war der Anlass, mir nach langem Warten ein Cembalo anzuschaffen, um BWV 988 endlich im Sinne des Komponisten spielen zu können: "für Cembalo mit 2 Manualen".
Erst wer den fundamentalen, nicht groß genug einzuordnenden Unterschied zwischen der Wiedergabe auf 1 Manual (Klavier) und 2 Manualen kennt, weiß die Leistung Goulds voll zu würdigen! Dann zeigt sich in ganzer Klarheit, wie phänomenal rasant und technisch souverän er die Var. 5, 8, 11, 14, 17, 20, 23, 26, 28 und 29 nimmt, die jeweils - teuflisch schwierig zu meisternde - Querungen beider Hände enthalten. Liszt kann es nicht besser getan haben!
Artur Rubinstein wussste, warum er auf die hypothetische Frage nach seinem Wunsch für eine neue Geburt 'Goulds Hände' nannte.


Glenn Go(u)ld - und kein Ende.
Dank auch an Harald Kral.

Theophilus

Prägender Forenuser

  • »Theophilus« ist männlich

Beiträge: 10 824

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

108

Freitag, 5. Oktober 2012, 05:16

Meine Lieblingsaufnahme dieses für Bach im Grunde genommen eher untypischen Werks ist nach wie vor das Arrangement für Akkordeon, z.B. mit Stefan Hussong. Dieses Instrument verfügt in meinen Ohren über die am besten geeigneten, mal satten, mal wohlig-warmen Klangfarben, um die extrem verschiedenartigen Strukturen des opus magnum-Variationenwerks hörbar transparent zu machen.

Diese Bemerkung ließ mich aufhorchen. Eine kurze Suche führte zu großem Staunen meinerseits, wie oft die Goldbergvariationen bereits auf Akkordeon eingespielt wurden. Dazu dann auch gleich meine Frage: kennst du die Einspielung von Teodoro Anzellotti?

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

  • »PianoForte29« ist männlich

Beiträge: 144

Registrierungsdatum: 12. April 2008

109

Sonntag, 7. Oktober 2012, 23:49

Eine kurze Suche führte zu großem Staunen meinerseits, wie oft die Goldbergvariationen bereits auf Akkordeon eingespielt wurden. Dazu dann auch gleich meine Frage: kennst du die Einspielung von Teodoro Anzellotti?
Ja, jetzt kenne ich sie (teilweise) - und ich muss sagen, sie überzeugt mich kein bisschen. Hussong spielt wirklich in einer anderen Liga bzw. Qualitätsklasse. Wo er 1988 eine klangschöne und technisch blitzsaubere Adaption hinzauberte (womöglich hier und da digital nachbearbeitet), die Modulations-Übergänge wie aus einem Guss gelangen, wirkt bei dem Italiener Anzellotti alles zu bemüht, nicht künstlerisch ausgewogen.
Selbiges trifft in geringerem Maß m.E. auf den Münchner Denis Patkovic zu, wobei ich auf YouTube nur Ausschnitte finde - vielleicht liefert eine CD mit ihm ein besseres Bild.

Elena Barshai wiederum unternimmt - soweit ich sehe, als Weltpremiere - das kühne Unterfangen, BWV 988 auf der Orgel erklingen zu lassen und so jedenfalls mittelbar dem Fürst-Komponisten unter den fürstlichen Tonschöpfern nachweisen zu wollen, dass das königliche Instrument für sein opus magnum- Variationenwerk im Grunde die geeignetere Wahl gewesen wäre. Doch pardauz! Die Unternehmung schlägt auf irgendwie grandiose Manier fehl, weil in dem orgeltypischen langen Nachhall die von Bach in BWV 988 so transparent und "anti-fugal" gezeichneten Linien regelrecht verschwimmen. Oder anders gesagt: Der Zauber einer "Gute-Nacht-Kammermusik" geht flöten. Eine theoretisch gute Idee - jenes Instrument zu wählen, auf dem der Komponist den Rest der Kollegen gleichsam überrundet - scheitert an der rauhen Klang-Wirklichkeit.

Worauf ich aber extrem gespannt wäre, ist natürlich eine Orchestrierung.
Das dürfte klanglich das aufregendste Ergebnis liefern, wie ein Vergleich mit Schönbergs kongenialem Streich beim Es-Präludium BWV 552 (mein "Lieblingswerk" von Arnold :D ) beweist.
Aber wem unter den Zeitgenossen sollen wir dieses Herkules-Projekt zutrauen?

Felix Meritis

Prägender Forenuser

  • »Felix Meritis« ist männlich
  • »Felix Meritis« wurde gesperrt

Beiträge: 2 208

Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

110

Montag, 30. Dezember 2013, 12:05

Zum Zeitpunkt der zweiten Aufnahme der Goldberg-Variationen hat er sogar betont, dass die auch nicht sein Lieblingsstück von Bach seien und er sie in Teilen überschätzt fände oder so ähnlich.

Er hat es so gesagt, dass Teile der Goldbergvariationen zum allerbesten von Bach gehören ("which is an awful lot"), anderes wiederum völlig kindisch sei (wohl diverse virtuose Variationen). Ähnlich äußerte er sich ja über das WTK, bei dem er die Präludien völlig überflüssig fand (obwohl die meistens auch sehr kontrpaunktisch dicht sind). Die Pathetique hat er meines Wissens eher geschätzt. Wirklich "gehasst" hat er den mittleren Beethoven: Appassionata, Waldstein, 5. KK, 5. Symphonie, Violinkonzert. Er war halt schon ein komischer Kauz und seine Argumentation ist für mich auch nicht immer logisch. Er war jedenfalls an rein klanglichen Aspekten von Musik völlig desinteressiert.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 510

Registrierungsdatum: 12. August 2005

111

Montag, 30. Dezember 2013, 16:58

Wirklich "gehasst" hat er den mittleren Beethoven: Appassionata, Waldstein, 5. KK, 5. Symphonie, Violinkonzert. Er war halt schon ein komischer Kauz und seine Argumentation ist für mich auch nicht immer logisch. Er war jedenfalls an rein klanglichen Aspekten von Musik völlig desinteressiert.

Es dürfte vergebliche Liebesmüh sein, hinter den exzentrischen Vorlieben Konsistenz zu suchen. Bei der Aufzeichnung des 5. Klavierkonzerts soll er den Betrieb aufgehalten haben, weil er immer wieder die orchestrale Einleitung zum adagio hören wollte, da sie ihm so gut gefallen hat. Wenn er an klanglichen Aspekten uninteressiert war, warum schätzte er Strauss und Sibelius? Von Sibelius und Grieg hat er in meinen Ohren ziemlich triviales Zeug eingespielt, das kein bißchen polyphon ist. Warum hatte er dagegen anscheinend kaum ein Interesse an der Bach-Rezeption in der Klaviermusik von Mendelssohn und Schumann? Warum gibt es die polyphonste Beethovensonate nur in einer Funkaufnahme, dafür eben die Transkriptionen der angeblich verhassten 5.?
Auf den einen einfachen Nenner, dass es in erster Linie auf Polyphonie ankäme, ist das alles gewiss nicht zu bringen...

Felix Meritis

Prägender Forenuser

  • »Felix Meritis« ist männlich
  • »Felix Meritis« wurde gesperrt

Beiträge: 2 208

Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

112

Montag, 30. Dezember 2013, 21:31

Wirklich "gehasst" hat er den mittleren Beethoven: Appassionata, Waldstein, 5. KK, 5. Symphonie, Violinkonzert. Er war halt schon ein komischer Kauz und seine Argumentation ist für mich auch nicht immer logisch. Er war jedenfalls an rein klanglichen Aspekten von Musik völlig desinteressiert.

Es dürfte vergebliche Liebesmüh sein, hinter den exzentrischen Vorlieben Konsistenz zu suchen. Bei der Aufzeichnung des 5. Klavierkonzerts soll er den Betrieb aufgehalten haben, weil er immer wieder die orchestrale Einleitung zum adagio hören wollte, da sie ihm so gut gefallen hat. Wenn er an klanglichen Aspekten uninteressiert war, warum schätzte er Strauss und Sibelius? Von Sibelius und Grieg hat er in meinen Ohren ziemlich triviales Zeug eingespielt, das kein bißchen polyphon ist. Warum hatte er dagegen anscheinend kaum ein Interesse an der Bach-Rezeption in der Klaviermusik von Mendelssohn und Schumann? Warum gibt es die polyphonste Beethovensonate nur in einer Funkaufnahme, dafür eben die Transkriptionen der angeblich verhassten 5.?
Auf den einen einfachen Nenner, dass es in erster Linie auf Polyphonie ankäme, ist das alles gewiss nicht zu bringen...

Gould scheint sich einiger dieser Widersprüche durchaus bewusst gewesen zu sein. Bei Strauss meinte er, der wäre zwar nicht so extrem kontrapunktisch aber er wende eine "implizite Kontrapunktik" an. Was das heißen soll, weiß ich leider auch nicht. Sibelius schätzte er wohl besonders wegen der nordischen Atmosphäre. Gould war ja zeitlebens ein "Polarfreak". Prinzipiell ist die Kontrapunktik aber schon ein recht guter Leitfaden für Goulds Vorlieben. Bach, Wagner und Hindemith schreiben ja sehr dicht. Gould war übrigens durchaus Mendelssohnliebhaber, aber kein Freund dessen Klaviermusik (obwohl es ein paar eingespielte Lieder ohne Worte gibt). Angeblich plante er eine Aufnahme von Mendelssohns Orgelsonaten.

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 531

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

113

Dienstag, 14. Januar 2014, 14:53

Hallo,

man sollte auch nicht vergessen,daß Gould sich als Radiopionier insofern Verdienste erworben hat,als er das "kontrapunktische" Radio in seinen drei Hörspielen quasi erfunden hat.Diese drei Sendungen,die es auf CD gibt,sind auch heute noch sehr hörenswert.

Goulds div. provokative Äußerungen wörtlich und allzu ernst zu nehmen (z.B. Mozart sei nicht zu früh sondern zu spät gestorben etc.),empfiehlt sich nicht,denn wir kommen hier -ohne diesem großen Künstler zu nahe treten zu wollen- in das Gebiet der Psychopathologie.Im FonoForum fand sich im vergangenen Jahr ein Artikel zu der Frage,ob Gould am Asperger-Syndrom gelitten hat oder nicht.Die Quintessenz des Artikels war:man weiß es nicht genau(!).

Freuen wir uns über die vielen wunderbaren Aufnahmen,mit denen Gould uns ungeachtet seiner Probleme beschenkt hat .

Viele Grüße

J.Schneider
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

Felix Meritis

Prägender Forenuser

  • »Felix Meritis« ist männlich
  • »Felix Meritis« wurde gesperrt

Beiträge: 2 208

Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

114

Dienstag, 14. Januar 2014, 15:12

Goulds div. provokative Äußerungen wörtlich und allzu ernst zu nehmen (z.B. Mozart sei nicht zu früh sondern zu spät gestorben etc.),empfiehlt sich nicht,denn wir kommen hier -ohne diesem großen Künstler zu nahe treten zu wollen- in das Gebiet der Psychopathologie.

Dass Gould irgendetwas aus dem Authismusspektrum hatte, halte ich für völlig evident. Allerdings sehe ich das weniger in seinen bizarren Meinungsäußerungen widergespiegelt als in seinen zahlreichen Verhaltensneurosen.

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 531

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

115

Dienstag, 14. Januar 2014, 15:51

Hallo,

dabei muß man bedenken,daß Menschen mit einer derartigen Persönlichkeitsstörung oft einen Mitteilungsdrang haben,der sich aber nicht an das jeweilige personale Gegenüber richtet,denn hier besteht häufig das Problem,daß sich die Patienten nicht in den jeweils anderen hineinfühlen können und daher Bemerkungen von sich geben,die das Gegenüber als provokant und unangemessen empfinden muß,was der "Kranke" aber nicht verstehen kann.
Auch bei anderen psychischen Erkrankungen,z.B. bei bipolaren Störungen treten solche Verhaltensweisen auf,vor allem in der manischen Phase.Dies erklärt manche Bemerkung von Otto Klemperer,die der jeweilige Adressat als unverschämt oder verhöhnend empfinden musste.
Goulds Verhaltensabnormitäten lassen z.T. sich auch unter die Gattung der Zwangskrankheiten,verstärkt durch eine anankastische Persönlichkeitsstruktur einordnen.

Viele Grüße

J.Schneider
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

Felix Meritis

Prägender Forenuser

  • »Felix Meritis« ist männlich
  • »Felix Meritis« wurde gesperrt

Beiträge: 2 208

Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

116

Dienstag, 14. Januar 2014, 15:58

Danke für die Ausführungen, die teilweise neu für mich waren! Man sollte aber dennoch nicht voreilig alle Aussagen Goulds nur unter diesem Aspekt sehen. Er hatte auch viel Freude an der Provokation, und eine solche setzt voraus, dass man weiß, was den anderen stört und was nicht. Ich habe selber einen Sohn, der etwas in die Richtung geht - aber er ist eben nicht nur "Asperger", sondern auch(!) in vielerlei Hinsicht ein ganz normaler Mensch.

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 531

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

117

Dienstag, 14. Januar 2014, 16:30

Hallo,

man muß immer den Menschen in seiner Gesamtheit betrachten.Medizinische Diagnosen sind nicht mehr und nicht weniger als ein notwendiges Übel.Noch keinem Arzt ist es gelungen,die Vielfalt der menschlichen Verhaltensweisen ganz zu verstehen;wie schrecklich wäre es,wenn die menschliche Psyche "normiert" werden könnte.

Viele Grüße

J.Schneider
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

lutgra

Prägender Forenuser

  • »lutgra« ist männlich

Beiträge: 5 166

Registrierungsdatum: 9. April 2013

118

Donnerstag, 10. September 2015, 20:26

Glenn Gould komplett und komplett remastered

Die gefühlt hundertste Wiederauflage der CBS/Sony-Hinterlassenschaft von Glenn Gould mit dem 97. Remastering ist unterwegs zu uns. Irgendwann schlag ich noch mal zu. Ist ja bald Weihnachten. :D