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Klawirr

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1

Sonntag, 26. Oktober 2008, 14:36

Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 22 Es-Dur »Der Philosoph«

Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 22 Es-Dur »Der Philosoph«

Entstanden 1764 für den Fürsten Eszterhazy (ein Autograph der Partitur ist erhalten)


4 Sätze:
Adagio (Es-Dur, 68 Takte, 4/4-Takt)
Presto (Es-Dur, 98 Takte, 4/4-Takt)
Menuetto (Es-Dur, 52 Takte, 3/4-Takt)
Finale. Presto (Es-Dur, 119 Takte, 6/8 )

Besetzung: 2 Hörner, 2 Englischhörner, Streicher.
Aufführungszeit: ca. 20 Minuten.


Wie die ihr in der Zählung vorausgehende Sinfonie Nr. 21 beginnt auch Haydns 22. Sinfonie mit einem langsamen Satz und schließt mit der Satzfolge langsam-schnell-langsam-schnell an die Tradition der »Kirchensonate« an. JR hat in seiner Einführung zur 21. Sinfonie ein paar Bemerkungen dazu gemacht, auf die ich hier nur verweisen möchte.

Die 22. Sinfonie weist allerdings einige weitere Eigenarten auf, die sie aus dem Kontext der Haydnschen Sinfonien herausstechen lassen: da ist zunächst einmal die Besetzung, die bei den Bläsern auf die üblichen Oboen und Flöten verzichtet und statt dessen neben zwei Hörnern in Es zwei Englischhörner vorschreibt, also die Alt-Instrumente aus der Oboenfamilie, die sich durch einen eher gedeckten, verhaltenen, recht schwermütigen Klang auszeichnen. Die Nr. 22 ist übrigens die einzige Sinfonie, in der Haydn Englischhörner verwendet.
Zudem fällt auf, daß alle vier Sätze der Sinfonie in der Grundtonart Es-Dur stehen, selbst im dritten Satz stehen Menuet und Trio in Es-Dur.

Ja, und eine weitere Besonderheit ist dann natürlich der Umstand, daß dieses Werk zu jener Gruppe Haydnscher Sinfonien gehört, die einen Beinamen haben – und diese hat dazu noch einen recht hübschen: »Der Philosoph«. Allerdings ist der Name – das hat die 22ste mit den meisten anderen Namenssinfonien gemein – nicht authentisch. Der Titel bezieht sich – so die übereinstimmende Meinung aller Autoritäten – auf den etwas archaisch anmutenden, bedeutungsschwer-choralartigen Kopfsatz.

Dieser Kopfsatz zeichnet sich durch bemerkenswerten Klangarchitektur aus. Es handelt sich um einen Adagiosatz, der sich frei an die Sonatenform anlehnt. Der Satz beginnt mit dem getragenen choralartigen, deutlich periodisch in Vorder- und Nachsatz gegliederten Hauptthema, wobei Vorder- und Nachsatz wiederum in 2 x 2 Takte untergliedert sind: begleitet von einer schreitenden Pizzicato-Achtelfigur der (über den gesamten Satz) gedämpften Streicher (unisono) tragen die in Oktaven parallel geführten Hörner (ff.) einen in halben Noten gehaltenen steigenden Es-Dur Dreiklang vor (Es-G-B), der abschließend wieder auf Es zurückfällt (T. 1-2). Die Englischhörner antworten (auch im ff) mit einer ebenfalls zweitaktigen Figur. Der Nachsatz (T. 5-8 ) wiederholt die Takte 1 und 2 des Vordersatzes und auch hier folgt eine Antwort der Englischhörner, die nun aber kadenzierenden Charakter hat (man könnte das auch so deuten, daß das Thema nicht achttaktig ist sondern nur viertaktig und unmittelbar mit verändertem Nachsatz wiederholt wird – finde ich aber nicht überzeugend). Das Dreiklangsmotiv aus der ersten Periode von Vorder- und Nachsatz gewinnt dann im weiteren Verlauf des Satzes bestimmende Bedeutung. Auf die Vorstellung des Themas folgt eine Passage für die zweistimmig geführten Englischhörner und die Streichergruppe (wobei die Violinen mit den Stimmen der Englischhörner parallel geführt werden), die zu einer Streicherpassage überleitet bevor eine von Zweiunddreißigstelfiguren bestimmte, nach B-Dur modulierende Schlußgruppe die Exposition abschließt. Die Durchführung (ab Takt 23) beginnt erneut mit einer Streicherpassage, die zunächst das Dreiklangsmotiv des Hauptthemas (nun in B-Dur) aufnimmt, dann jedoch die antwortende Passage freier fortspinnt. Von Takt 30 an bestimmt das Dreiklangsmotiv vollständig die Durchführung: es wird von den in Oktaven parallel geführten Englischhörner zweimal wiederholt (zunächst in As-Dur, dann in f-moll). Nach einer überleitenden Passage der Streicher erklingt das Motiv wieder von den Hörnern vorgetragen, bevor die Wiederholung des gesamten Themas in seiner Grundgestalt ab Takt 44 den Beginn der Reprise signalisiert. Für die Exposition wie auch für Durchführung/Reprise sind Wiederholungen vorgeschrieben.
Insgesamt hat der Satz einen sehr feierlichen, ja beinahe sakralen Charakter. Die durchgehend in Achteln schreitende Begleitbewegung der Streicher verleiht dem Satz für mein Empfinden übrigens eher den Charakter eines getragenen Andante denn eines Adagios.

Der stürmische, von Achtelton-Repetitionen in den Begleitstimmen vorangetriebene, in seiner Struktur ebenfalls in Richtung der Sonatensatzform weisende zweite Satzes kontrastiert ganz erheblich mit der – im Ausdruck – feierlichen Schlichtheit des Kopfsatzes. Der Satz wird von den Streichern (die jetzt die Dämpfer ablegen durften) bestimmt, während die Bläser eher begleitende Funktionen übernehmen. Das Hauptthema des Satzes basiert auf einer einfachen Akkordmelodik. Diesem Thema wird eigentlich kein weiteres richtiges Thema zur Seite gestellt. Satt dessen arbeitet Haydn mit einer ganzen Reihe von Motiven, die zwischenzeitlich Gewicht gewinnen, darunter ein markantes Motiv, das von aufwärts geführten Oktavsprüngen geprägt wird (T. 13ff.) sowie ein weiteres, ebenfalls überaus markentes Motiv, das von einem fallenden Oktavsprung und einer Synkopenfigur mit Tonrepititionen bestimmt ist (T. 22 f.).
Bemerkenswert ist nun, daß in der Durchführung (ab T. 39) vornehmlich die verschiedenen Motive, insbesondere das Oktavsprungmotiv (mit dem Durchführung auch einsetzt und zwar in B-Dur) und das Synkopenmotiv verarbeitet werden, während vom Hauptthema eigentlich nur die ersten beiden Takte in der Durchführung auftauchen (T. 45f.) und unmittelbar wieder in das Oktavmotiv überführt werden, das nun sequenziert wird (ab T. 52 ff.), bevor schließlich das Synkopenmotiv Dominanz gewinnt (ab T. 58 ). Nach einer Überleitung beginnt in Takt 68 die Reprise. Sowohl für die Exposition als auch für Durchführung/Reprise sind Wiederholungen vorgeschrieben.
Insgesamt scheint mit dieser zweite Satz ein wenig auf den stürmenden und drängenden Charakter einiger, wenige Jahre später entstandener Sinfonien voraus zu deuten.


Der dritte Satz – ein Menuetto mit Trio, beide Teile wie schon gesagt in Es-Dur stehend – korrespondiert dann wieder deutlicher mit dem feierlich-schlichten Ausdruck des Kopfsatzes. Das zweiteilige, eher feierliche Menuetto wird von mit den Englischhörnern parallel geführten Streichern bestimmt. Auch hier stellt – wie im Kopfsatz – der einfache aufsteigende Es-Dur-Dreiklang das thematische Material. Das ebenfalls zweiteilige Trio wird von den nun jeweils in Terzparallelen geführten Englischhörnern und Hörner getragen. Für beide Teile von Menuett und Trio sind Wiederholungen vorgeschrieben.


Das Presto Finale hat deutlichen Kehrauscharakter. Pochende Achtel-Tonrepititionen und markante Hörnersignale verleihen dem Satz den Charakter eines Jagdstücks. Auch dieser Satz ist mit Exposition (T. 1-45) und Durchführung (T.46-75)/Reprise (T. 76-119) formal an die Sonatensatzform angelehnt. Das Hauptthema besteht aus drei abwärts geführten punktierten Vierteln (B-As-G), die von einem Hornruf auf Es (parallelen Oktaven) beantwortet werden. Dieses Thema wird – wie im zweiten Satz – von verschiedenen mehr oder weniger markanten Motiven flankiert, die zwar allesamt kein thematisch-melodisches Eigengewicht erhalten, für die Durchführung jedoch bedeutsam sind. Dies gilt insbesondere für ein Motiv, das aus der Umkehrung des fallenden Dreiklangs aus dem Hauptthema gewonnen wird. In der Durchführung wird zunächst dieser fallende Dreiklang aus dem Hauptthema von den Streichern modulierend sequenziert (T. 46-53). Diese Takte haben einen eher ruhigen Charakter, der jedoch in Takt 54 in sein Gegenteil verkehrt wird: das volle Orchester setzt im forte mit dem umgekehrten Dreiklangsmotiv ein, begleitet von pochenden, treibenden Tonrepititionen. Es folgt eine stark modulierende Passage bevor in Takt 75 die Reprise einsetzt. Auch in diesem Satz sind Wiederholungen für die Exposition wie für Durchführung/Reprise vorgeschrieben.


Übrigens – dies weiß Lessing (S. 83) zu berichten – existiert auch eine »Pariser Fassung« der Sinfonie Nr. 22, die 1773 im Verlag Vernier erschienen ist: es handelt sich um eine dreisätzige Fassung, bei der Kopfsatz und Menuet fehlen. Die beiden Prestosätze umrahmen hier ein neu komponiertes »Andante grazioso« in As-Dur. Die Autorschaft dieses Satzes ist ungeklärt – Haydn als Komponist eher unwahrscheinlich. Auch scheint es so zu sein, daß die Pariser Druckausgabe nicht autorisiert ist.

Pius

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2

Dienstag, 28. Oktober 2008, 19:15

Hallo Klawirr!

Zitat

da ist zunächst einmal die Besetzung, die bei den Bläsern auf die üblichen Oboen und Flöten verzichtet und statt dessen neben zwei Hörnern in Es zwei Englischhörner vorschreibt, also die Alt-Instrumente aus der Oboenfamilie, die sich durch einen eher gedeckten, verhaltenen, recht schwermütigen Klang auszeichnen.
Wenn jede Symphonie so klingen würde, wäre es natürlich wieder langweilig. Aber v.a. angesichts des 1. Satzes frage ich mich, warum es derlei Instrumentierung (insbesondere der Einsatz von Englischhörnern) nicht öfters gab (nicht nur bei Haydn). Klanglich ist der Satz ein Ohrenschmaus, wenn ich allerdings das Attribut "philosophisch" hier nicht recht nachvollziehen kann.


Zitat

Insgesamt scheint mit dieser zweite Satz ein wenig auf den stürmenden und drängenden Charakter einiger, wenige Jahre später entstandener Sinfonien voraus zu deuten.
Auch hier stelle ich mir - wie bei Nr. 21 - die Frage: Warum sollte man nicht schon diese Symphonie zum "Sturm und Drang" zählen? Was spricht dagegen?


Zitat

Das Presto Finale hat deutlichen Kehrauscharakter. Pochende Achtel-Tonrepititionen und markante Hörnersignale verleihen dem Satz den Charakter eines Jagdstücks.
Die Symphonie hätte ebensogut "Jagd-Symphonie" heißen können - daran sieht man die Beliebigkeit solcher Werkbeinamen.

Du schriebst nichts über die Aufnahme(n), die Du gehört hast. Ich bin mit dem Fischer hier recht zufrieden (kenne aber keine andere), könnte mir aber mal den Marriner ausleihen und vergleichen.


Viele Grüße,
Pius.

Klawirr

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3

Dienstag, 28. Oktober 2008, 19:46

Hallo Pius!

Zitat von »Pius«

Hallo Klawirr!

Zitat

da ist zunächst einmal die Besetzung, die bei den Bläsern auf die üblichen Oboen und Flöten verzichtet und statt dessen neben zwei Hörnern in Es zwei Englischhörner vorschreibt, also die Alt-Instrumente aus der Oboenfamilie, die sich durch einen eher gedeckten, verhaltenen, recht schwermütigen Klang auszeichnen.
Wenn jede Symphonie so klingen würde, wäre es natürlich wieder langweilig. Aber v.a. angesichts des 1. Satzes frage ich mich, warum es derlei Instrumentierung (insbesondere der Einsatz von Englischhörnern) nicht öfters gab (nicht nur bei Haydn). Klanglich ist der Satz ein Ohrenschmaus, wenn ich allerdings das Attribut "philosophisch" hier nicht recht nachvollziehen kann.
Das frage ich mich auch! Klanglich ist das schon sehr, sehr schön, insbesondere weil die Englischhörner (zumindest bei Goodman und Hogwood) fast wie ein gedämpfter Kommentar zu den »echten« Hörnern (denen aus Blech halt) klingen.

Allerdings muß ich dann gleich anfügen, daß ich - jenseits des wirklich famosen Klangbildes und der ausgeklügelten Faktur - so als »Hörer« wenig an dem Satz finden kann. Einerseits scheint mir - und das hat schon was - die tendenziell etwas einfältig anmutende Choralmelodie nicht ohne ironischen Unterton zu sein, zumindest aber nicht ohne verhaltenes Augenzwinkern. Und da finde ich dann auch den Titel ganz bemerkenswert: Der »Philosoph«, der hier charakterisiert wird (ich assoziiere jetzt naklar vollkommen historisch uninformiert), scheint mir doch irgendwie ein in den Denksystemen der Scholastik ziemlich vermauertes Kerlchen zu sein...
Andererseits wirkt der Satz auf mich trotz aller Raffinesse recht hölzern – die Dominanz des simplen Dreiklangmotivs ist schon ein wenig ermüdend, insbesondere da für Exposition und Durchführung/Reprise Wiederholungen vorgeschrieben sind und man dieses Motiv gefühlte 700mal hört...


Zitat

Zitat

Insgesamt scheint mit dieser zweite Satz ein wenig auf den stürmenden und drängenden Charakter einiger, wenige Jahre später entstandener Sinfonien voraus zu deuten.
Auch hier stelle ich mir - wie bei Nr. 21 - die Frage: Warum sollte man nicht schon diese Symphonie zum "Sturm und Drang" zählen? Was spricht dagegen?
Dagegen spricht vielleicht, daß nur dieser zweite Satz so richtig stürmend und drängend ist.


Zitat

Zitat

Das Presto Finale hat deutlichen Kehrauscharakter. Pochende Achtel-Tonrepititionen und markante Hörnersignale verleihen dem Satz den Charakter eines Jagdstücks.
Die Symphonie hätte ebensogut "Jagd-Symphonie" heißen können - daran sieht man die Beliebigkeit solcher Werbeinamen.
:yes:


Zitat

Du schriebst nichts über die Aufnahme(n), die Du gehört hast. Ich bin mit dem Fischer hier recht zufrieden (kenne aber keine andere), könnte mir aber mal den Marriner ausleihen und vergleichen.
Stimmt! Das waren - wie oben schon geschrieben - Goodman und Hogwood und dazu noch Fischer. Einen Kommentar zu den Einspielungen werde ich (vielleicht) noch nachreichen.


Viele Grüße,
Medard

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4

Dienstag, 28. Oktober 2008, 20:15

Zitat

Original von Klawirr
Das frage ich mich auch! Klanglich ist das schon sehr, sehr schön, insbesondere weil die Englischhörner (zumindest bei Goodman und Hogwood) fast wie ein gedämpfter Kommentar zu den »echten« Hörnern (denen aus Blech halt) klingen.

Allerdings muß ich dann gleich anfügen, daß ich - jenseits des wirklich famosen Klangbildes und der ausgeklügelten Faktur - so als »Hörer« wenig an dem Satz finden kann. Einerseits scheint mir - und das hat schon was - die tendenziell etwas einfältig anmutende Choralmelodie nicht ohne ironischen Unterton zu sein, zumindest aber nicht ohne verhaltenes Augenzwinkern. Und da finde ich dann auch den Titel ganz bemerkenswert: Der »Philosoph«, der hier charakterisiert wird (ich assoziiere jetzt naklar vollkommen historisch uninformiert), scheint mir doch irgendwie ein in den Denksystemen der Scholastik ziemlich vermauertes Kerlchen zu sein...
Andererseits wirkt der Satz auf mich trotz aller Raffinesse recht hölzern – die Dominanz des simplen Dreiklangmotivs ist schon ein wenig ermüdend, insbesondere, da für Exposition und Durchführung/Reprise Wiederholungen vorgeschrieben sind und man dieses Motiv gefühlte 700mal hört...

Dito. Ebenso der "walking bass". Ich habe die 22 zwar letzte Woche nur zweimal mehr oder weniger nebenher (weil sie halt nach der 21 kam) gehört und ich fand den Satz ziemlich repetitiv, die Sinfonie insgesamt wesentlich inhomogener als 21, die mir diesmal wirklich besser gefallen hat (und die ich vorher auch sicher seltener als 22 gehört hatte), eben sogar im Kopfsatz. Selbst wenn der ungewöhnliche herbe Klang bei 22 zuerst etwas besonders ist, so sind wir in Menuett in Finale wieder beim Üblichen La Caccia/Chasse angelangt.

Man weiß es halt nicht. Es mag sein, daß der Kopfsatz ursprünglich mal als liturgische Musik einzeln verwendet worden war. So etwas vermuten jedenfalls manche bei den Sinfonien mit Choralzitaten 30 und 26. Haydn habe dort die (ebenfalls zu diesem Zeitpunkt seltenen) Menuett-Finali zu bereits vorhandenen Stücken, die irgendeine kirchenmusikalische Funktion gehabt hatten, dazukomponiert.

:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Pius

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5

Donnerstag, 30. Oktober 2008, 20:41

Zitat

Zitat

Auch hier stelle ich mir - wie bei Nr. 21 - die Frage: Warum sollte man nicht schon diese Symphonie zum "Sturm und Drang" zählen? Was spricht dagegen?
Dagegen spricht vielleicht, daß nur dieser zweite Satz so richtig stürmend und drängend ist.

Na ja, bei der 21. sind es sogar zwei Sätze, und hinzu kommt die experimentelle Form der beiden Symphonien. Zudem sind die 40er auch nicht alle stilistisch reinstürmisch. Vielleicht diskutieren wir das dann weiter, wenn diese Symphonien dran sind.

Zwielicht

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6

Samstag, 1. November 2008, 18:41

Zitat

Original von Klawirr
Allerdings muß ich dann gleich anfügen, daß ich - jenseits des wirklich famosen Klangbildes und der ausgeklügelten Faktur - so als »Hörer« wenig an dem Satz finden kann. Einerseits scheint mir - und das hat schon was - die tendenziell etwas einfältig anmutende Choralmelodie nicht ohne ironischen Unterton zu sein, zumindest aber nicht ohne verhaltenes Augenzwinkern. Und da finde ich dann auch den Titel ganz bemerkenswert: Der »Philosoph«, der hier charakterisiert wird (ich assoziiere jetzt naklar vollkommen historisch uninformiert), scheint mir doch irgendwie ein in den Denksystemen der Scholastik ziemlich vermauertes Kerlchen zu sein...
Andererseits wirkt der Satz auf mich trotz aller Raffinesse recht hölzern – die Dominanz des simplen Dreiklangmotivs ist schon ein wenig ermüdend, insbesondere da für Exposition und Durchführung/Reprise Wiederholungen vorgeschrieben sind und man dieses Motiv gefühlte 700mal hört...

Zitat

Original von Johannes Roehl
Dito. Ebenso der "walking bass". Ich habe die 22 zwar letzte Woche nur zweimal mehr oder weniger nebenher (weil sie halt nach der 21 kam) gehört und ich fand den Satz ziemlich repetitiv, die Sinfonie insgesamt wesentlich inhomogener als 21, die mir diesmal wirklich besser gefallen hat (und die ich vorher auch sicher seltener als 22 gehört hatte), eben sogar im Kopfsatz. Selbst wenn der ungewöhnliche herbe Klang bei 22 zuerst etwas besonders ist, so sind wir in Menuett in Finale wieder beim Üblichen La Caccia/Chasse angelangt.

Zitat

Original von Klawirr

Zitat

Original von Pius
Die Symphonie hätte ebensogut "Jagd-Symphonie" heißen können - daran sieht man die Beliebigkeit solcher Werbeinamen.

:yes:

Das haben wir gern :boese2:. Erst wird die schöne Sinfonie abgewatscht und dann auch noch miesepetrig über die allseits beliebten lustigen Werkbeinamen gelästert. So nicht! :D

Ich finde es aber wirklich etwas unfair. Verschämt muss ich zugeben, dass ich in den letzten Wochen und Monaten bei so manchem langsamen Satz der Sinfonien 1-20 ein herzhaftes Gähnen nicht ganz unterdrücken konnte. Aber unserem Philosophen höre ich jedesmal mit Freude zu: Gerade der Kontrast zwischem dem zweifellos einfachen Dreiklangsthema (das doch gar nicht so häufig wiederholt wird), seinen avancierteren Fortspinnungen mit Durchgangsdissonanzen in den Streichern (gerade in der Durchführung) und der fast etwas galanten Schlussgruppe ist sehr reizvoll - und dass alles durch den walking bass zusammengehalten wird, gefällt mir ebenfalls gut (ich muss hier immer an den langsamen Satz von Mendelssohns Italieni...äh...Vierter denken). Dazu kommt natürlich der bereits gewürdigte klangfarbliche Reiz.

Auch die restlichen Sätze finde ich im Kontext der bisher gehörten frühen Haydn-Sinfonien von beachtlicher Qualität. Das gilt gerade auch für das Jagd-Finale: wenn ich richtig sehe, handelt es sich hier mit Ausnahme des nicht übermäßig originellen letzten Satzes der Nr. 16 um das erste Finale dieser Art bei Haydn. Und der virtuos-stürmische Charakter, das dauernde Spiel mit dem Dreiklang (erinnert etwas an den ersten Satz oder auch an das Trio) und überhaupt die Durchführung sind schon ganz bemerkenswert.

Ich stimme aber zu, dass die unbekanntere Nr. 21 in der Tat mindestens ebenso interessant ist.


Viele Grüße

Bernd
Was heut gehet müde unter, hebt sich morgen neugeboren.

dr.pingel

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7

Freitag, 20. April 2012, 21:54

Die "späten" Haydn Sinfonien entsprechen mehr dem momentanen Zeitgeschmack, da sie doch mehr oder weniger "großorchestral" angelegt sind. Das bedeutet aber meiner Meinung nach nicht, daß die den frühen "überlegen" sind.
Man muß sich nur die Mühe machen einzelne frühe Haydn Sinfonien BEWUSST und WIEDERHOLT zu hören, bis sie einem "vertraut" erscheinen, man sie - zumindest an den (persönlichen) Schlüsselstellen wiedererkennt.
So gesehen ist Haydn in der Tat kein Mainstream-Komponist, oder zumindest ein Grenzfall.
Alfred

Ich stimme dem unbedingt zu. Ich kenne ja alle Haydn - Sinfonien sehr gut, aber wenn ich mal wieder Lust habe, eine zu hören, dann ist das 22 (der Philosoph), 42, 44 (Trauer- mein Top-Favorit bei Haydn), 45 (Abschied) 46, 49 (La Passione), aber nichts jenseits von 88, schon gar nicht die mit dem Paukenschlag. Total subjektiv, aber den Grund hat Alfred oben genannt.
Ein Vergehen gegen den Stil der Bachschen Musik ist schon, dass wir sie mit Massenorchestern und Massenchören aufführen... Bachs Orchester begleitet den Chor nicht, sondern ist ihm gleichgestellt. Ein orchestrales Äquivalent zu einem Chor von 150 Stimmen gibt es nicht (Albert Schweitzer).

m-mueller

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8

Donnerstag, 26. April 2012, 01:36

Lieber Pingel,

ich habe gerade mal die Symphonie 22 von Haydn bei youtube probegehört (Mahler Chamber Orchstra, Marc Minkowski), und der erste Satz fängt sehr gut an, bleibt dann aber ein bißchen stecken. Dieser schreitenden Basso continuo ist dann im Endeffekt doch eine Idee zu wenig.

Der zweite Satz ist ziemlich mozartesque, mir kommt er ein wenig flach vor.

Der dritte Satz sprüht dann auch erst einmal nicht vor Ideen.

Im vierten Satz geht es dann zur Sache, das Orchester kommt in Fahrt, es werden einige ausdrucksstarke Akzente gesetzt. Die Anklänge an die Jagd sind zwar tonal eher daneben (Jagd paßt nicht zum eher romatischen Grundduktus des Werkes), aber im Großen und Ganzen ist dieser vierte Satz auf dem Niveau "anhörenswert".

Anscheinend bin ich zu sehr verwöhnt vom Barock...

Schneewittchen

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9

Mittwoch, 1. April 2015, 15:32

Aktuell bei radio4.nl "audio on demand":

Joseph Haydn
Symfonie nr.22
"Der Philosoph"

Orkest: Radio Filharmonisch Orkest
Dirigent: Markus Stenz
Locatie: Koninklijk Concertgebouw Amsterdam
Opnamedatum: 28 maart 2015

http://www.radio4.nl/luister-concerten/c…s-en-stravinsky
mfG
Michael

wok

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10

Samstag, 4. April 2015, 02:17

JOSEPH HAYDN's Sinfonie Nr. 22 "Der Philosoph" hat durchaus ihre Reize, vor allem wenn man sich die alte Philips-Einspielung durch RAYMOND LEPPARD mit seinem ENGLISH CHAMBER ORCHESTRA anhört. LEPPARD war eine absolute Autorität für die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Seine Praxis-Neufassung von MONTEVERDIS "L'incoronazione di Poppea" wurde damals für das GLYNDEBOURNE-FESTIVAL zu einer Repertoire-Oper. Internationales Ansehen erlangte LEPPARD auch durch zahlreiche profilierte und vielfach preisgekrönte Einspielungen von Werken BACHs, HÄNDELs und eben nicht zuletzt auch HAYDNs. Seine Einspielung der MONTEVERDI-MADRIGALE LIBRI VIII, IX und X wurde zu einem künstlerischen Ereignis von weitreichender Bedeutung. RAYMOND LEPPARD ging es um die Wiedergabe alter Musik in modernem Geist, und mit seinem ENGLISH CHAMBER ORCHESTRA musizierte er äußerst präzise und temperamentvoll. Einen sehr guten Namen machte er sich auch durch seine Wiedergabe von HÄNDEL's Concerti grossi. Das ENGLISH CAHMBER ORCHESTRA wurde unter seiner Leitung zu einem hervorragenden Ensemble, das durch spielerische Disziplin und einem wunderbaren Gleichgewicht zwischen Streichern und Bläsern imponiert. Auch die Sinfonie Nr. 22 wird mit großem Einfühlungsvermögen, Stilbewußtsein und höchster Klangkultur gespielt. Besonders erwähnenswert sind die herrlichen Holzbläser dieses Ensembles.

MfG
wok