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moderato

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1

Donnerstag, 17. Januar 2013, 15:18

Ian Bostridge

Ich bin dem Sänger Ian Bostridge erstmals in einem Liederabend in Südengland begegnet. Er hatte damals noch keine CD-Einspielungen herausgebracht und war als Sänger nicht bekannt. Ein junger, grossgewachsener, hagerer Mann im Frack betrat das Podium. Der Tenor sang den Zyklus "Die schöne Müllerin". Beeindruckt haben mich seine beinahe akzentfreie Aussprache und die hohe Qualität seines Vortrages. Seine Gestaltung der Lieder überzeugte mich, denn er führte die Zuhörer durch die Seelenzustände des Müllergesellen. Seine Stimme besitzt ein Timbre, das unverkennbar ist. Ein Sänger, der etwas ausdrücken kann. Ich wusste nach dem Recital, dieser Mann hat eine grosse Karriere vor sich.

Später stiess ich auf die Hyperion Einspielung von "Die schöne Müllerin" mit den zusätzlichen Müller-Texten, die Dietrich Fischer-Dieskau sprach, einem Idol Bostridges, denn in seiner Jugend hörte er den Bariton auf Schallplatte. Ich verfolgte die Karriere des Tenors und erwarb jede Aufnahme, die von ihm erschien. Das Repertoire reicht von italienischer Renaissance (Monteverdi), Barock (Bach, Händel), Mozart, Schubert-, Schumann-, Wolf-Lieder, englischen Liedkomponisten, Janacek, Strawinsky bis zu Britten und Henze.

Ian Bostridge wird im Tamino-Forum kontrovers diskutiert. Oft stösst man sich am nicht absolut akzentfreiem Deutsch, dem charakteristischen Timbre seiner Stimme oder gewagten Projekten, etwa der filmischen Umsetzung des Schubert-Zyklus "Winterreise".

An Ian Bostridge bewundere ich die Breite seines Repertoires, das auch Werke abseits des Gängigen berücksichtigt. Er singt schwierigste Tenor-Partien. Janaceks "Tagebuch eines Verschollenen" möchte ich besonders hervorheben. Aber auch dem Gipfel des Liedgesanges, Schuberts Liedern und den Zyklen, überzeugt er mich. Britten zählt zu seinem Kernrepertoire. Die Orchesterlieder-Zyklen Brittens, die er zuerst mit Harding, später mit Rattle eingespielt hat, sind für mich Referenz. Er verfügt als Darsteller auf der Opern-Bühne über eine hohe Präsenz. Ich mag mich an eine Aufführung von Strawinskys "Rakes Progress" erinnern, wo er das Publikum in seinen Bann zog. Ian Bostridge verfasst die Booklet-Texte oftmals selbst. Der Mann hat auch in Worten zu den Werken und ihrem Gehalt etwas zu sagen, das Hand und Fuss hat. Bostridge ist ein Sänger, der seine Partien intellektuell durchdringt, jedoch die Erkenntnisse seiner Auseinandersetzung mit Gefühl und Emotion durch die Mittel der sängerischen Darstellung verbinden kann.
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Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer

Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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Harald Kral

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2

Donnerstag, 17. Januar 2013, 15:37


Ian Bostridge, CBE (* 25. Dezember 1964 in London); britischer Tenor. Er studierte an den Universitäten Oxford und Cambridge Geschichte und Philosophie und war nach seiner Promotion (1990) zunächst am Corpus Christi College (Oxford) tätig, um sich dann jedoch schon bald ganz seiner künstlerischen Karriere zu widmen. Er wirkt sowohl als Lied- als auch als Opernsänger.


LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
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moderato

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3

Donnerstag, 17. Januar 2013, 15:42

Danke Harald Kral für deine Ergänzung, bei dir sind biographische Daten in den besten Händen.
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Joseph II.

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4

Donnerstag, 17. Januar 2013, 15:52

Ian Bostridge, der sagt mir doch etwas, dachte ich mir, und natürlich: Er sang vor zehn Jahren die Titelrolle in Monteverdis L'Orfeo unter Emmanuelle Haïm. Für meine Begriffe referenzträchtig, allen Anfeindungen zum Trotz. Auch insgesamt eine tolle Aufnahme:

»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

hart

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5

Donnerstag, 17. Januar 2013, 18:06

Gipfel des Liedgesangs? Eine kritische Betrachtung

Man kann Ian Bostridge relativ schnell erklären, aber natürlich ist das dann eine ganz persönliche Sicht; andere mögen vielleicht zu gegenteiligen Ansichten gekommen sein.
Im Jahre 2004 (das Konzert war am 30 April, nachmittags 16:00 Uhr im Angelika-Kauffmann-Saal) bin ich extra 350 Kilometer nach Schwarzenberg gefahren, um ihn erstmals im Konzert zu hören, weil ich seine Schubert-Lieder von der CD kannte. An diesem Nachmittag sang er den Beethoven-Zyklus »An die ferne Geliebte« und ich war mit dem Vortrag zufrieden.
Jahre später begeisterte mich Bostridge geradezu, als er in Schwarzenberg die Zugabe »Abschied« D475 (Über die Berge zieht ihr fort) sang, nachdem er sich zuvor noch die Haare raufte, weil im Saal ein Handy klingelte.

In den folgenden Jahren hörte ich Ian Bostridge einige Male im Rahmen der Schwetzinger Festspiele. Begeisternd ist das für mich nicht mehr, denn ich habe den Eindruck der Mann spielt sich selbst und wirkt mitunter wie die Karikatur eines Liedsängers (zum Beispiel wie er Schumanns „Stille Tränen“ in YouTube vorträgt).
Wer sich die Mühe macht im Tenorfach Christoph Prégardien, Werner Güra oder Christian Elsner zu hören, wird wissen was ich meine.

farinelli

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6

Donnerstag, 17. Januar 2013, 18:16

Dennoch, lieber Hart, wie Bostridge z.B. "Frühlingsglaube" singt - ich finde ihn auch faszinierend wegen der "Übersetzung" aus dem Englischen, also der gestochenen Diktion, der kontrollierten Emotion usw. Manche der von dir genannten Sänger interpretieren, wie mir scheint, oft viel pauschaler und vager als dieser hochnervöse, aber trotz mancher Unarten auch sehr disziplinierte (eben britische) Sänger. Ich mag ihn sehr.

:hello:
Zerging in Dunst das heilge römsche Reich

- uns bliebe gleich die heilge deutsche Kunst!

dr.pingel

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7

Donnerstag, 17. Januar 2013, 18:54

Bostridge als Quint in the "Turn of the Screw" - eine Referenz, trotz großartiger Konkurrenz dort!
Ihr absolviert diese Stelle wie ein Intercity auf einer schwer zu nehmenden Weiche (mein verstorbener Chordirigent Johannes Glauber aus Essen)

Helmut Hofmann

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8

Donnerstag, 17. Januar 2013, 19:33

Mit der Bemerkung "Ich habe den Eindruck, der Mann spielt sich selbst" hat hart wohl den Wesenskern des Liedinterpreten Bostridge getroffen.

Gerade habe ich zu seiner Interpretation von Schuberts Winterreise, die hart in seinem Thread "Kunstlieder modifiziert, arrangiert..." anzeigte, Stellung genommen. Bostridge ist für mich der - höchst moderne - Repräsentant des Regietheaters auf der Bühne des Liedgesangs. Weit entfernt von jener Auffassung und Überzeugung eines Dietrich Fischer-Dieskau, dass es Aufgabe und Pflicht des Interpreten sei, sich in den Dienst am musikalischen Werk zu stellen.

moderato

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9

Donnerstag, 17. Januar 2013, 20:37

Lieber Helmut Hofmann

Ist es so, dass du die erwähnte filmische Darstellung der "Winterreise" nicht gesehen hast? Beim Lesen deines Beitrages Nr. 8 habe ich diese Vermutung. Ich habe mich an ein Zitat aus einem von dir verfassten Beitrag (341) aus dem Thread Zyklus der Verzweiflung-Schuberts Winterreise erinnert: "Ich muss ein Ei nicht aufessen, um zu merken, dass es faul ist." Zitat Ende

Ist es gegenüber einem Interpreten mehr als gerecht ist, keine Aussagen zu machen, die nicht auf den eigenen Eindrücken beruhen? Alles andere beruht auf Hörensagen und festigt Vorurteile. Das ist meine Meinung.
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10

Donnerstag, 17. Januar 2013, 21:15

DVDs mit Aufzeichnungen von Liederabenden sind eher selten. Im Jahr 2000 gab Ian Bostridge zusammen mit Roger Vignoles einen Liederabend vor Publikum mit Werken von Franz Schubert und Hugo Wolf. Die Aufnahme entstand im Théatre Musical de Paris - Châtelet.

Wie es sich gehört in Frack, weissem Frackhemd, gebundener Fliege und blitzblanken Schuhen.
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zweiterbass

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11

Donnerstag, 17. Januar 2013, 23:40

Allein der Klang seiner Stimme - von der Interpretation spreche ich nicht - macht ihn für mich für "Die schöne Müllerin" mehr geeignet als für die "Winterreise". Seine fast akzentfreie Deutsch-Artikulierung finde ich sehr gut, wird aber noch übertroffen vom Tenor "Scott Weir", Prof. an der Musikhochschule Berlin.
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hart

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12

Freitag, 18. Januar 2013, 00:44

wird aber noch übertroffen vom Tenor "Scott Weir",

Danke für Deinen Hinweis, lieber zweiterbass. Natürlich hätte ich den Scot Weir in meinem Beitrag (5) auch noch nennen müssen!

Und einen kleinen Hinweis - speziell für Helmut Hofmann: Es gibt mit Scot Weir eine CD mit 25 Liedern von Hugo Wolf / Mörike (Label EIGEN-ART)

Alfred_Schmidt

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13

Freitag, 18. Januar 2013, 01:06

Ian Bostridge ist ein Künstler der polarisiert. Manche sind von ihm begeistert, andere fühlen sich irgendwie abgestoßen. Das hat vermutlich weniger mit der Stimme als der Ausstrahlung und der Interpretation zu tun, die selbstverständlich anders ist, als die eines deutschen oder österreichischen Sängers. Ich meine hier nicht den Akzent, sondern das persönliche Verhältnis des Sängers zu Musik und Text.

Aus österreichischer Sicht muß die Wiedergabe eines Schubertliedes durch einen Ausländer fast zwangsläufig scheitern - zumindest aber den seelischen Grundtenor verändern. Irgendwann - vor einigen Jahren - wurde beispielsweise von einem Mitglied eines Forums beanstandet daß der österreichische Sänger die Winterreisse nicht "zerrissen" genug interpretiere - es fehle der "Aufschrei" - Ich habe damals geantwortet, daß die österreichsche Variante des Aufschreis die Resignation oder Verbitterung ist - und nur selten ein laute Aufbegehren. Engländer werden die Schubertlieder vermutlich anders empfinden und auch interpretieren - ein internationales Publikum - und für dieses werden Aufnahmen heute vorwiegend gemacht - wird das vermutlich nicht mal bemerken.....

mfg aus Wien
Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

Rheingold1876

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14

Freitag, 18. Januar 2013, 07:08

Zitat Helmut Hofmann: "Bostridge ist für mich der - höchst moderne - Repräsentant des Regietheaters auf der Bühne des Liedgesangs. Weit entfernt von jener Auffassung und Überzeugung eines Dietrich Fischer-Dieskau, dass es Aufgabe und Pflicht des Interpreten sei, sich in den Dienst am musikalischen Werk zu stellen."

Bostridge ist auch durch sein Alter weit entfernt von Fi-Di, der sein Großvater hätte sein können. Der Enkel darf und muss es anders machen. Und er macht es sehr gut. Oft auch polarisierend. Na und? Der Vergleich des Künslers Bostridge mit dem, was hier als Regietheater meist in scharfer Kritik steht, wird ihm nicht gerecht. Es diffamiert ihn. Ja, verehrter Helmut, so und nicht anders sehe ich das. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich bin nicht eigentlich beider Freund. Ich möchte hier nur das Wort für eine gerechte Beurteilung erheben. Bostridge, inzwischen gar kein so jungen Mann mehr, tut heutzutage viel mehr für die Verbreitung und Wirkung von Musik als es Fi-Di durch seine Aufnahmen noch möglich ist. Er tut es nur anders. So ist der Lauf der Zeit. Und das ist gut so.

Mit bestem Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

zweiterbass

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15

Freitag, 18. Januar 2013, 08:19

Aus österreichischer Sicht muß die Wiedergabe eines Schubertliedes durch einen Ausländer fast zwangsläufig scheitern

Lieber Alfred,

ich gehe gerne davon aus, Du meinst "Deine Sicht".

LG
zweiterbass
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Sven Godenrath

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16

Freitag, 18. Januar 2013, 09:24

Christoph Pregardien kenne ich aus dem Hamburger Michael, aus der Mathäus Passion, sterbenslangweilig gesungen, meist du das ( Wer sich die Mühe macht im Tenorfach Christoph Prégardien, Werner Güra oder Christian Elsner zu hören, wird wissen was ich meine ) als du von dem Unterschied spracsht, dann weiß ich was du meinst.
Denn Bostrige verkauft seine Interpretationen dann doch etwas spannender ( Um es gleich vorweg zunehmen, ich bin natürlich auch mit etlichen Liedaufnahmen von Christoph Pregardien vertraut, der teilweise eklatante Probleme mit höheren Notenwerten hat.)

hami1799

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17

Freitag, 18. Januar 2013, 10:44

Ian Bostridge ist ein Künstler der polarisiert. Manche sind von ihm begeistert, andere fühlen sich irgendwie abgestoßen. Das hat vermutlich weniger mit der Stimme als der Ausstrahlung und der Interpretation zu tun, die selbstverständlich anders ist, als die eines deutschen oder österreichischen Sängers. Ich meine hier nicht den Akzent, sondern das persönliche Verhältnis des Sängers zu Musik und Text.

Meine erste Begegnung mit Bostridge (Schubert-Lieger) rief auch nicht gerade übermäßige Begeisterung hervor, doch nach mehrmaligem Anhören verschwand die anfängliche Skepsis.

Bei Prégardien (ebenfalls Schubert-Lieder) hatte diese Methode bisher noch keinen Erfolg, an der Nationalität des Sängers kann es also nicht liegen.

Helmut Hofmann

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18

Freitag, 18. Januar 2013, 10:59

Nur zur Klarstellung:

Moderato vermutet, dass ich die filmische Darstellung der "Winterreise" nicht gesehen habe. Das trifft nicht zu. Aus meiner Stellungnahme im Thread "Kunstlieder, modifiziert, arrangiert..." , auf die ich hier verwiesen habe, geht das klar hervor.

Nur zum Beleg dafür, dass ich weiß, wovon ich rede: Irgendwann und irgendwo habe ich hier im Foruum einmal zur Interpretation des Liedes "Nebensonnen" durch Ian Bostridge angemerkt:

Das, was Schubert mit diesem Lied sagen will, spricht sich in der Struktur der Gesangsmelodie in ihrer Einheit mit Text und Klavierbegleitung aus. Der Sänger muss nur diesem unabwendbaren, die Umkehr ausschließenden "Herbsteigen" folgen und auf diese Weise die musikalische Struktur zum Sprechen bringen.
Besondere Akzentuierungen von Teilen des Textes sind nicht nur überflüssig, sie stören sogar diesen von Schubert gewollten "Effekt" des weiterschreitenden Sagens.

Genau diesen Fehler macht aber Bostridge. Schon bei den ersten Takten seiner Interpretation fällt das starke Vibrato in der Stimme und der larmoyante Grundton auf, der das ganze Lied hindurch beibehalten wird.
Bei einzelnen Wörtern wird viel zu stark akzentuiert: "weg(!) von mir", "seid(!) ihr nicht", "Ja neulich(!) hat ich".
Bei "Nun sind hinab die besten zwei" versinkt die Stimme in eine Art weinerliche Fast-Tonlosigkeit. (Beim Video übrigens noch stärker ausgeprägt!).
Vom ersten bis zum letzten Ton ist die Interpretation in einem sentimentalen, regelrecht larmoyanten Ton gehalten. Damit wird der musikalischen Struktur etwas aufgepfropft, was nicht nur überflüssig ist, sondern diese sogar in ihrer Aussage stört und verfremdet.

Eine Anmerkung noch:
Rheingold1876 meint, ich "diffamierte" Bostridge mit meinem Urteil über ihn als Liedinterpreten. Dieses Wort schließt für mich einen Kommentar zum sachlichen Inhalt seiner Kritik aus.

Rheingold1876

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19

Freitag, 18. Januar 2013, 13:16

Lieber Helmut Hofmann, noch eine kleine Bemerkung. Sehr bewusst hatte ich geschrieben "es" diffamiert ihn. Das ist ein Unterschied, den Du übersehen hast. Es sollte meinerseits zum Ausdruck gebracht werden, dass einem zweifellos ernsthaften Künstler wie Bostridge durch Deinen Vergleich mit dem Regietheater, das hier im Forum weitgehend sehr kritisch gesehen wird, Unrecht widerfährt. Das ist alles. Mein Respekt vor Dir rät mir, jedes Ort genau abzuwägen. Ich kann es aber nicht ändern, wenn Du mich nun mit Nichtachtung strafst.

Es grüßt Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

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Theophilus

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Freitag, 18. Januar 2013, 15:58

Aus österreichischer Sicht muß die Wiedergabe eines Schubertliedes durch einen Ausländer fast zwangsläufig scheitern - zumindest aber den seelischen Grundtenor verändern.
Nun, wenn ich an meine bekannten Spezialisten in punkto Liedgesang denke (einige Sänger darunter!): da stehen Namen wie Elly Ameling, Helen Donath, Mitsuko Shirai, Axel Schiötz, Peter Pears und Gérard Souzay ganz oben auf der Liste. Das deckt sich nebenbei gesagt auch mit meiner Meinung, die aber vergleichsweise kaum Gewicht hat.

Schubert ist natürlich grundsätzlich idiomatisch nicht leicht zu erfassen. Aber beim Lied scheint mir das spezifisch österreichisch-wienerische Idiom kaum deutlich vorhanden zu sein. Er setzt die Vorlagen derart perfekt in Musik um, dass man immer nur den in Tönen gefassten Geist des Textes und kein hinzugefügtes lokales Kolorit vernimmt.

Ein Schubert-Lied hat für den anderssprachlichen Sänger wohl auch nur jene Anforderungen, die auch andere Lieder ähnlicher Qualitätsklasse in deutscher Sprache bieten. Und es finden sich immer wieder Künstler aus (mehr oder weniger) fernen Landen, die sich bewundernswert mit dem Kunstlied auseinandersetzen (das ja vom deutschsprachigen Lied klar dominiert wird). Die oben genannten SängerInnen lassen sprachlich fast keine Wünsche offen, Peter Pears hat dabei noch den stärksten Akzent. Interessanterweise wird dieser hier im Forum von deutschen Mitgliedern stärker kritisiert als von österreichischen. Und in meinem Umfeld wird seine Gesangskunst wesentlich höher eingeschätzt als das vergleichsweise kleine Sprachproblem.

:hello:

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Helmut Hofmann

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21

Freitag, 18. Januar 2013, 16:38

Zu Deiner Bemerkung, lieber Rheingold1876:
„Ich kann es aber nicht ändern, wenn Du mich nun mit Nichtachtung strafst.“
Dergleichen liegt mir völlig fern. Erstens gibt es dazu nicht die mindeste Veranlassung, und zweitens wäre das eine Haltung einem anderen Menschen gegenüber, die ich zutiefst ablehne.

Zur Erklärung:
Ich habe diesen Vergleich mit dem Regietheater aus Gründen gezogen, die aus dem folgenden Beitrag zu der Winterreise-Interpretation Ian Bostridges herleiten:

Die Interpreten haben nicht erkannt – oder wollten nicht akzeptieren -, dass Schuberts „Winterreise“ ein in seinem Wesen höchst introvertiertes musikalisches Werk ist: Musikalisches Panorama des seelischen Erlebens und Erleidens einer gleichsam existenziellen Wanderschaft ohne Ziel. Allein die erstaunliche Magerkeit des Klaviersatzes müsste das ja doch jedem Musiker schon deutlich werden lassen.

Heißt im Umkehrschluss: Wer, wie Ian Bostridge, aus der „Winterreise“ ein derart extrovertiertes theatralisches Spektakel macht, muss zwangsläufig ihr Wesen und die ihr von Schubert mitgegebene künstlerische Aussage verfehlen. Er lässt den Respekt vor dem Werk vermissen, dem er ja - wie Fischer-Dieskau immer wieder betonte - zu dienen(!) hat. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf meine obigen Ausführungen zur Interpretation des Liedes "Die Nebensonnen".

Ich sehe hinter einer solchen interpretatorischen Haltung - ich bitte das Wort zu beachten! - dieselbe, die auch dem Regietheater zugrunde liegt. Das ist eine gleichsam diagnostische Feststellung, die für mich nicht mit einer Wertung verbunden ist und infolgedessen auch nicht diffamierend gemeint war. Man kann als Interpret natürlich mit dieser Haltung an ein Werk herangehen und künstlerische Ausdruckselemente aus ihm herausarbeiten, die – nach Meinung des Interpreten – in ihm angelegt sind.

Ich halte das zwar für problematisch, weil es die Gefahr beinhaltet, dass die künstlerische Botschaft des Komponisten verdreht wird oder gar verloren geht. Aber es beinhaltet natürlich auch die Möglichkeit, neue Perspektiven auf das Werk zu erschließen. Und es bleibt dem Rezipienten überlassen, sich darüber ein eigenes Urteil zu bilden.

moderato

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22

Freitag, 18. Januar 2013, 17:30

Lieber Helmut Hofmann

Danke für deine Klarstellung. Es beruhigt mich, wenn du die ganze filmische Fassung der "Winterreise" mit eigenen Augen und Ohren begutachtet hast. Man kann diese filmische Umsetzung aus verschiedenen Blickwinkeln beurteilen. Ich möchte deine Position nicht in Frage stellen. Zitat aus Beitrag 21. "Musikalisches Panorama des seelischen Erlebens und Erleidens einer gleichsam existenziellen Wanderschaft ohne Ziel."

Ian Bostridge dient durchaus, um das Wort Fischer-Dieskaus zu benutzen, den Werken, die er in vielfältiger Weise in Lied, Orchesterlied und Oper seine Stimme gibt. Es wäre verfehlt und wird Ian Bostridge nicht gerecht, wenn er nur auf diese eine kontrovers diskutierte Filmfassung der Winterreise reduziert würde.

Er singt deutsche Lieder seit seiner Teenagerzeit und hegt eine grosse Achtung für die Sprache und den Gehalt der vertonten Gedichte. Auf der in Beitrag 10 erwähnten DVD mit Schubert- und Wolf- Liedern geben er und der Pianist Roger Vignoles Erklärungen zu den Liedern und dem Liedgesang im Allgemeinen.


Schuberts "Winterreise" hat er mit Leif Ove Andsnes auch auf CD eingespielt


Leos Janaceks "Tagebuch eines Verschollenen" singt er in der tschechischen Originalsprache.


Drei Orchesterlieder-Zyklen Benjamin Brittens singt er begleitet von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle ausserordentlich überzeugend. Für mich bilden sie die Referenz.
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Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer

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Helmut Hofmann

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23

Freitag, 18. Januar 2013, 17:59

Zit:"Es wäre verfehlt und wird Ian Bostridge nicht gerecht, wenn er nur auf diese eine kontrovers diskutierte Filmfassung der Winterreise reduziert würde. "

Völlig einverstanden, lieber moderato! Eine derartige Absicht lag meinem Beitrag zu diesem Thread ja in gar keiner Weise zugrunde.
Ich kenne, glaube ich, Ian Bostridge als Liedinterpreten - aber nur als solchen! - recht gut, - zum Beispiel sind mir alle seine Schubert-Interpretationen bekannt.
Irgendwie ist mir dieser Sänger ja sympathisch, - wegen des hohen Engagements, das er ausstrahlt.

Harald Kral

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24

Samstag, 19. Januar 2013, 11:34

EMI-Box für Einsteiger

In der EMI-Serie "Five in One" gibt es eine Box mit 5 Hochpreis-CDs zum Preis von einer:



Ian Bostridge - 5 Classic Albums
Britten: Serenade op. 31 für Tenor, Horn & Streicher;Les Illuminations op. 18;Nocturne op. 60 für Tenor, sieben obligate Instrumente & Streicher
+Schubert: Schwanengesang D. 957;Winterreise D. 911
+Wolf: Der Musikant;Verschwiegene Lieder;
Das Ständchen;Nachtzauber;Seemanns-Abschied;Der Genesene an die Hoffnung;Der Knabe und das Immlein;Begegnung;Nimmersatte Liebe;Verborgenheit;Im Frühling;Auf einer Wanderung;Um Mitternacht;Auf ein altes Bild;Gebet;An den Schlaf;An die Geliebte;Peregrina 1 & 2;
Der Jäger;Abschied;Gutmann und Gutweib;Ganymed
+Händel: Arien aus Acis e Galatea, Messias, Xerxes, Jephta, Semele, Samson, Ariodante, La Resurrezione, L'Allegro, il Pensoro ed il Moderato
Ian Bostridge,
Antonio Pappano, Leif Ove Andsnes, Kate Royal,
Age of Enlightenment Orchestra, Harry Bicket
Label: EMI, DDD, 2004-2008, 5 CDs

LG
Harald

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Accuphan

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25

Montag, 21. Januar 2013, 20:15

"Das Mädchen sprach von Liebe" - diese Vokale...

...haben mich von Anfang an in ihren Bann gezogen! Nur kurz möchte ich dies hier anmerken, zusammen mit dem Bekenntnis, dass mir Ian Bostridge auf den Liedeinspielungen, die ich habe, sehr gut gefällt! Es begann mit einem einzelnen Track aus der "Winterreise" auf einer Monats-CD von GRAMOPHONE vor ein paar Jahren. Nicht nur, dass ich so die Winterreise entdeckt habe (wow!), dieses Stück, es war das erste, "Gute Nacht" machte mir Gänsehaut und zog mich in seinen Bann. Bei Bostridge sind es vor allem auch die Vokale, die ich ganz wunderbar finde - warum auch immer ausgerechnet das auffällt...
Was mir bei Bostridge teilweise nicht ganz so gut gefällt, sind die gerollten "r", wo ein Muttersprachler wahrscheinlich weniger deutlich, aber nicht weniger verständlich artikulieren würde.

Beste Grüße
Accuphan
"mit Bravour"

Fiesco

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Registrierungsdatum: 30. August 2017

26

Freitag, 22. September 2017, 14:40

Auf diese 3 CD Box mit DVD Winterreise, möchte ich hiermit hinweisen, da hier noch nicht geschehen!



Die schöne Müllerin mit Mitsuko Uchida
Schwanengesang mit Antonino Pappano
Winterreise mit Leif Ove Andsnes

Zuerst hatte ich die Hyperion CD mit der Müllerin, mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht, erworben die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ein Jahr später sah und hörte ich ihn Live mit der Müllerin und war total begeistert. Voller Überschwang in der Interpretation gepaart mit Sensibilität und einem Ausdruck der mich schier auf die Sitzkante rutschen lies!
Man muss sich unbedingt auf seine Interpretation einlassen, ansonsten verliert man den roten Faden den er dem Zuhörer zur Hand gibt.

Unbedingt für jeden Liebhaber der Winterreise sei dieses Buch von Ion Bostridge ans Herz gelegt!



Jedes Lied hat sein eigenes Kapitel und diese sind wohl durchdacht!

LG Fiesco
Il divino Claudio
"Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

moderato

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27

Freitag, 22. September 2017, 16:57

Live-Aufnahmen mit Schubert Liedern aufgenommen in der Wigmore Hall in London haben Ian Bostridge und sein langjähriger Liedbegleiter Julius Drake 2013, 2015 und 2016 herausgebracht.



In seiner Muttersprache Englisch singt Ian Bostridge Lieder verschiedener Komponisten zu Texten von William Shakespeare. Die Begleiter sind Antonio Pappano (Klavier), Elizabeth Kenny (Laute), Michael Collins (Klarinette), Lawrence Power (Viola), Adam Walker (Flöte). Wer eine Affinität zur englischer Kultur und Sprache hat und Liedgesang liebt, entdeckt kleine Schätze.



Dass die Gitarre mit ihrem intimen Klang ein ausgezeichnetes Begleitinstrument für Lieder ist, davon zeugt diese Aufnahme, auf der Ian Bostridge mit der Gitarristin Xuefei Yang zu hören ist. Das Repertoire reicht von Werken von John Dowland bis zu solchen von zeitgenössischen Komponisten.


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Alleen / Alleen und Blumen // Blumen / Blumen und Frauen // Alleen / Alleen und Frauen // Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer

Aus Solidarität mit Eugen Gomringer habe ich die Übersetzung eines seiner Poeme gesetzt, weil dieses Gedicht, das sich an einer Hausfassade in spanischer Sprache befindet, überpinselt werden muss. Grund: Sexismus-Vorwurf
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Agon

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28

Freitag, 22. September 2017, 17:21

Ich habe vor einer knappen Woche die "Winterreise" mit Ian Bostridge und Julius Drake auf dem sog. "VGF Betriebshof Gutleut" in Frankfurt/M. gehört. Das ist ein Strassenbahnbetriebshof der örtlichen Verkehrsgesellschaft direkt hinter den Gleisen des Hauptbahnhofs gelegen. Dort gab es zwar eine Überdachung, aber an den Seiten ist alles offen. Dort wurden Stuhlreihen aufgestellt und vorne ein Podest mit Flügel und Beleuchtung. Um 17 Uhr kamen Bostridge und Drake aus einem alten Strassenbahnwagen, stiegen auf das Podest und boten die "Winterreise" dar. Diese Örtlichkeit war natürlich mit Absicht gewählt, und sie hat wirklich sehr gut zum Werk gepasst. Man hatte eine gewisse Geräuschkulisse aus vorbeifahrenden Zügen, Gleisgeräuschen, auch Regen kam auf. Trotzdem kam die Stimme und die Klavierbegleitung exzellent rüber. Bostridge hat auf mich sehr gereift und ernsthaft gewirkt, fast schon überernst. Seine Aussprache ist sehr gut, artikuliert und deutlich, und er hat die "Winterreise" offensichtlich vollkommen verinnerlicht und beherrscht sie. Es war ein ganz besonderes Erlebnis, und besonders das letzte Lied hat mir dann auch eine Gänsehaut verursacht. Toll, dass Bostridge sich auf dieses Experiment eingelassen hat.
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)

WoKa

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29

Freitag, 22. September 2017, 17:28

Hallo!

Wie gepalten ich bei Bostridge und der Winterreise bin, ergibt sich aus dieser Beschreibung, die ich über einen Auftritt anlässlich des diesjährigen Heidelberger Frühlings verfasst habe:

Zitat

Begleitet wurde er von Julius Drake. Ich erlebte Bostridge erstmals live und muss gestehen, dass mich seine Interpretation nicht erreicht hat. Die zum Teil extrem langsame Interpretation entspricht nicht meiner Vorstellung von der Winterreise. Die Art, jedes einzelne Wort theatralisch zu inszenieren, unterstützt durch sein "körperbewegtes Singen" (Zitat aus Klassikinfo.de) war mir zu viel an Bedeutung. Mit dieser Erfahrung höre ich während ich das schreibe, seine Aufnahme mit Leif Ove Andsnes. Was für ein entspannender Unterschied (oder der Eindruck ist ein anderer, da der optische Eindruck nicht da ist).


Habe die Studioaufnahme heute nochmals gehört und sehr genossen.

Ich schätze auch diese (eher etwas leichtere) Scheibe von ihm:



Gruß WoKa
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

Rheingold1876

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30

Freitag, 22. September 2017, 18:19

Wie sagte mal der Hermann Prey? Er verspüre von Zeit zu Zeit das tiefe Bedürfnis, die "Winterreise" zu singen. Da ich nicht singen kann, verspüre ich das Bedürfnis, die "Winterreise" von Zeit zu Zeit zu hören. Im Regal und auf Festsplatte ist kein Mangel an Einspielungen. Besonders gern greife ich zu Ian Bostridge (2004, begleitet von Leif Ove Andsnes - Fiesco hat die Box wie ich sie auch habe in Beitrag 26 abgebildet). Und ich weiß nicht einmal genau, warum ich mir diesen Tenor vornehme. Er fällt nicht durch Schöngesang auf. Er ist zerknirscht, sucht in der Musik vornehmlich das dramatisch-gestalterisches Element. Bostridge singt die "Winterreise" nach meinem Eindruck als Betroffener und nicht reflexiv. So, als ob er die Geschichte im Moment der Vortrags selbst durchlebt und durchleidet. Das halte ich für eine legitime Möglichkeit. Insofern hat Helmut Hofmann mit der seinerzeit auch von mir krtisch beäugten Feststellung in seinem Beitrag mit der Nummer 8 ("Bostridge ist für mich der - höchst moderne - Repräsentant des Regietheaters auf der Bühne des Liedgesangs.") den Nagel auf den Kopf getroffen. Heute bin ich inhaltlich viel mehr bei Helmut in dieser Sache als vor mehr als vier Jahren. Mir ging seine Bewertung einfach nicht aus dem Kopf. Er verwendete sie kritisch, ich gewinne ihr die positive Seite ab. Auf so einen Gedanken muss man erstmal kommen.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."