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Felix Meritis

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61

Freitag, 10. August 2012, 11:57

Wie groß die Schmidt-Kowalski-Zielgruppe ist, ist schwer zu sagen. Er ist offenbar Schullehrer und hat auch Werke mit den Schülern seiner Schule aufgeführt - in so einem Kontext wird das toll funktionieren, der lokale Umkreis wird ihn und seine Musik lieben. Ähnliches gilt für Laienorchester, deren Publikum vor allem Angehörige sind. Wenn man dort mit Gegenwartsmusik "der Art Donaueschingen" kommt, sind Aggressionen zu erwarten, filmmusikartig verzerrte Spätromantik führt zu Begeisterungsstürmen.
Prinzipiell finde ich es auf jeden Fall begrüßenswert, dass Leute einfach praktisch musizieren und für ihre Umgebung Stücke schreiben, die diese auch hören und bei der sie auch partizipieren will. Ich denke nur so kann in weiterer Folge auch "besseres" entstehen. Das Hauptproblem unserer Zeit ist ja die Entkopplung der allgemein "bürgerlichen" Musizierpraxis und der modernen Musik. Am Anfang des 20.ten Jahrhunderts war das ja noch nicht so, siehe Kabalewski oder Kodaly.


Im snobistischen Kreis der Konzertsäle und in den Elfenbeintürmen der CD-Sammler wird Schmidt-Kowalski wenig Chancen haben, das sieht man ja auch in den Klassikforen: Ablehnung oder mäßiges Wohlwollen, mehr ist kaum drin. Er müsste "moderner" sein ohne zu verstören - mehr Elemente der Filmmusik der letzten Jahrzehnte aufnehmen, also mehr John Williams und weniger Schumann. Eine nahe beim Original bleibende Romantik hat mE keine Chance.
Ich werde mir den Herren einmal anhören, allerdings, um ehrlich zu sein, mir nicht zu viel erwarten. Ganz gut scheint den "modern aber nicht verstören"-Spagat der gute Schostakowitsch zu schaffen. Seine Musik ist so unglaublich populär - auch bei Leuten, die sonst keine Klassik hören - dass ich mich nur wundern kann. John Williams schätze ich eigentlich sehr, aber der ist wohl auch schon zu konservativ (er komponiert mit Bleistift und Papier). Epigonal war er natürlich immer schon, allerdings eher auf die Hochromantik oder "leichte" Spätromantik schielend, Holst z.B. Vielleicht wäre Morricone ein besseres Beispiel. Der kann ähnlich viele Leute begeistern wie bspw. Piazolla.

Felix Meritis

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Beiträge: 2 208

Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

62

Freitag, 10. August 2012, 12:01

Es gibt aber anscheinend Hörer, die es für eine Zumutung halten, wenn sie im Konzert ein Stück hören "müssen", dass ihnen nicht zusagt und das kann für jemand, für den die Spätromantik an der Grenze ist, schon ein Stück von Berg oder Bartok sein, erst recht ein schrägeres modernes Stück, von denen ja schon ab und zu welche in die Programme eingeflochten werden. Andererseits gefällt ja auch nicht jedem alles aus dem klassisch-romantischen Bereich. Ich würde wohl auch ein Paganini-Konzert oder die "Rokokovariationen" durchstehen, um dann ein Stück, dass mich mehr interessiert, anhören zu können. Aber es wäre doch absurd, sich darüber zu beschweren...
Rokokovariationen und Paganinikonzert in einem Konzert vereint würde ich allerdings schwer durchstehen.


Ich habe nichts dagegen, dass Adams oder Neoromantik populär sind. (Ich selbst habe mich damit kaum befasst, manches finde ich ganz nett, manches eher überflüssig, das meiste kenne ich bislang noch nicht.) Nur erklärt das m.E. zumindest teilweise, dass niemand die ab den 1960ern vielleicht an den Rand gedrängten Spätestromantiker oder Hindemithianer allzu sehr vermisst.
Prinzipiell habe ich auch nichts dagegen. Kancheli allerdings empfinde ich als das reinste prätentiöse nichts. Das Problem mit Hindemith und Co ist, dass sie akzeptiert werden aber für langweilig empfunden werden.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

63

Freitag, 10. August 2012, 12:11

Im snobistischen Kreis der Konzertsäle und in den Elfenbeintürmen der CD-Sammler wird Schmidt-Kowalski wenig Chancen haben, das sieht man ja auch in den Klassikforen: Ablehnung oder mäßiges Wohlwollen, mehr ist kaum drin. Er müsste "moderner" sein ohne zu verstören - mehr Elemente der Filmmusik der letzten Jahrzehnte aufnehmen, also mehr John Williams und weniger Schumann. Eine nahe beim Original bleibende Romantik hat mE keine Chance.
Ich werde mir den Herren einmal anhören, allerdings, um ehrlich zu sein, mir nicht zu viel erwarten. Ganz gut scheint den "modern aber nicht verstören"-Spagat der gute Schostakowitsch zu schaffen. Seine Musik ist so unglaublich populär - auch bei Leuten, die sonst keine Klassik hören - dass ich mich nur wundern kann. John Williams schätze ich eigentlich sehr, aber der ist wohl auch schon zu konservativ (er komponiert mit Bleistift und Papier). Epigonal war er natürlich immer schon, allerdings eher auf die Hochromantik oder "leichte" Spätromantik schielend, Holst z.B. Vielleicht wäre Morricone ein besseres Beispiel. Der kann ähnlich viele Leute begeistern wie bspw. Piazolla.

Ich werde mir den Herren nicht anhören, dafür interessiert mich zuviel Musik viel brennender ...

Bei den Filmmusikkomponisten der Rosza-Williams-Generation ist zu beachten, dass die stets einen Stil klassischer Musik pflegten und unabhängig davon einen (deutlich unterschiedenen) Filmmusik-Stil. Deren Filmmusik ist also gar keine klassische Musik sondern Gebrauchsmusik.

Dass es von dort eine Rückbeeinflussung der klassischen Musik geben könnte, ist etwas, was ich für möglich halte - bislang kenne ich nichts wirklich aus der Richtung. Ich taste mich momentan an die leichter zugänglichen Postmodernen heran (Gorecki, Adams, Kantscheli, Taverner, Vasks) und möchte mich nicht mit Negativerfahrungen überfüttern ... Adams gefällt mir mit seiner "Harmonielehre" inzwischen sehr gut, bei Taverner und Vasks bin ich eher unschlüssig, was ich damit mache, Gorecki finde ich furchtbar langweilig und Kantscheli muss ich noch auspacken.
:D

In dem postromantischen Charts-Zusammenhang sollte man mal Michael Nyman erwähnen, den ich mir wohl so bald nicht antun werde - obwohl er vielleicht am ehesten die Synthese bringt, von der ich fantasiere. Ich trainiere mal mit Glass ...

Felix Meritis

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  • »Felix Meritis« ist männlich
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Beiträge: 2 208

Registrierungsdatum: 8. Juli 2012

64

Freitag, 10. August 2012, 12:17

Dass es von dort eine Rückbeeinflussung der klassischen Musik geben könnte, ist etwas, was ich für möglich halte - bislang kenne ich nichts wirklich aus der Richtung. Ich taste mich momentan an die leichter zugänglichen Postmodernen heran (Gorecki, Adams, Kantscheli, Taverner, Vasks) und möchte mich nicht mit Negativerfahrungen überfüttern ... Adams gefällt mir mit seiner "Harmonielehre" inzwischen sehr gut, bei Taverner und Vasks bin ich eher unschlüssig, was ich damit mache, Gorecki finde ich furchtbar langweilig und Kantscheli muss ich noch auspacken.
:D
Ich muss zugeben in diesem Repertoire wesentlich weniger eingehört zu sein als du. Von Vasks habe ich allerdings einige Sachen in meiner Sammlung, nachdem ich in Lockenhaus immer wieder von seinen Motetten begeistert war. Leider aber scheint mir Vasks als Instrumentalkomponist ein Schostakowitschepigone zu sein. Müsste mir das ganze noch einmal anhören, aber ich fand seine Vokalstücke einfach um Potenzen origneller und packender.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

65

Freitag, 10. August 2012, 12:31

Nyman kann man wohl getrost überspringen... (ich hatte mal eine CD, weiß nicht mehr woher, die habe ich ganz schnell wieder verkauft) ultraflach und überflüssig.

Sowohl Filmmusik als auch "ernste" Kompositionen von Filmmusikern haben sicher ganz gute Chancen beim breiten Publikum.
Aber das Rosza-Violinkonzert hat (obwohl m.E. gewiss nicht schwächer) bisher beim Publikum weder Korngolds noch Bruchs oder Tschaikowskys ausgestochen.
Und sicher gibt es einen Typ Hörer, dem solche Musik zu flach ist, dem aber vielleicht schon Schostakowitsch "zu schräg" klingt. Ist ja kein Problem, soll er halt weiter Brahms und Bruckner hören. Es besteht ja kaum Gefahr, dass die zugunsten von "Star Wars" Suite oder Korngold vom Programm verschwinden. Insofern ist die Situation wohl weniger für die Freunde des "Gefälligen" schwierig als für die des "Tiefen", denen aber Bartok und Schönberg usw. zu schräg sind. Die können sich höchstens noch auf ein paar Ausgrabungen von Spät- oder Zuspätromantikern stürzen (zB Furtwänglers Sinfonien ("Bruckner on Steroids" nannte die mal jemand...).

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

66

Freitag, 10. August 2012, 12:38

Nyman kann man wohl getrost überspringen... (ich hatte mal eine CD, weiß nicht mehr woher, die habe ich ganz schnell wieder verkauft) ultraflach und überflüssig.
So macht tamino Spaß ...
:D

Zitat

Und sicher gibt es einen Typ Hörer, dem solche Musik zu flach ist, dem aber vielleicht schon Schostakowitsch "zu schräg" klingt. Ist ja kein Problem, soll er halt weiter Brahms und Bruckner hören. Es besteht ja kaum Gefahr, dass die zugunsten von "Star Wars" Suite oder Korngold vom Programm verschwinden. Insofern ist die Situation wohl weniger für die Freunde des "Gefälligen" schwierig als für die des "Tiefen", denen aber Bartok und Schönberg usw. zu schräg sind.
Stimmt - daran dachte ich nicht - die "tiefen" Postmodernen sind dann doch wieder nicht ganz unschräg obwohl aus Donaueschinger Blickwinkel viel zu traditionell ...


Dass es von dort eine Rückbeeinflussung der klassischen Musik geben könnte, ist etwas, was ich für möglich halte - bislang kenne ich nichts wirklich aus der Richtung. Ich taste mich momentan an die leichter zugänglichen Postmodernen heran (Gorecki, Adams, Kantscheli, Taverner, Vasks) und möchte mich nicht mit Negativerfahrungen überfüttern ... Adams gefällt mir mit seiner "Harmonielehre" inzwischen sehr gut, bei Taverner und Vasks bin ich eher unschlüssig, was ich damit mache, Gorecki finde ich furchtbar langweilig und Kantscheli muss ich noch auspacken. :D
Ich muss zugeben in diesem Repertoire wesentlich weniger eingehört zu sein als du. Von Vasks habe ich allerdings einige Sachen in meiner Sammlung, nachdem ich in Lockenhaus immer wieder von seinen Motetten begeistert war. Leider aber scheint mir Vasks als Instrumentalkomponist ein Schostakowitschepigone zu sein. Müsste mir das ganze noch einmal anhören, aber ich fand seine Vokalstücke einfach um Potenzen origneller und packender.
Ich weiß nicht, ob ich da besser eingehört bin ... meine Lockenhaus-Zeiten liegen ca. 15 Jahre zurück und damals mochte ich die Lockenhaus-Postmodernen nicht (außer Schnittke). Meine Vasks-CD ist eine etwas merkwürdige "Single" eines Cello-Sternchens.

SchallundWahn

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  • »SchallundWahn« ist weiblich

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Registrierungsdatum: 5. Juni 2012

67

Freitag, 10. August 2012, 14:38

Vor allem bei Kancheli kann man wirklich nur noch den Kopf schütteln.

Oh, oh, so schlimm? Ich finde ihn eigentlich ganz gut, zumindest das, was ich kenne (zB "King Lear")

Ich finde, letztlich muss sich, so gesehen, wohl niemand beschweren, die Musiklandschaft heute sei einseitig oder nicht abwechslungsreich, eigentlich ist doch für jeden etwas dabei...und wie Johannes meinte, muss auch einfach mal damit leben lernen, dass man im Konzert auch mal was hört, das einem nicht so zusagt, wenn man dafür danach eines seiner Lieblingsstücke hört oder so, ein wenig Offenheit täte da gut.
Was die Gefälligkeit von Filmmusik angeht, mir fällt auf, dass gerade in Independent-Filmen bzw. solchen, die weniger kommerziell angelegt sind, auch die Musik oft (aber nicht immer) auch etwas "anders" ist zB bei "There will be blood" (aber selbst da wurde Brahms "eingebaut") und gerade im Horrorfilm ist die Palette an Filmmusik am "experimentellsten" (wobei ich hier nicht von Splatter oder Tortureporn-Filmen spreche), nicht umsonst findet sich in solchen Filmen auch häufig modernere klassische Musik untergebracht (Schnittke, Penderecki).
"Die Glücklichen sind neugierig."
(Friedrich Nietzsche)

WolfgangZ

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  • »WolfgangZ« ist männlich

Beiträge: 2 240

Registrierungsdatum: 16. April 2007

68

Samstag, 11. August 2012, 01:54

Postmoderne ... gefällige (?) Personalstilvielfalt

Das, was man so gerne "Postmoderne" nennt, hat mittlerweile eine Vielfalt erreicht, die der Begriff eigentlich auch nahelegt, die aber ganz gewiss über bloße Neoromantik hinausgeht. Goreckis Dritte finde auch ich langweilig (und könnte ganz gut begründen, warum), Nyman darf man getrost vergessen, sein Klavierkonzert zum Film "The piano" ist Kaugummi-Kitsch sondergleichen. Bei Vasks oder Kantscheli bin ich noch offen, da ich kaum etwas kenne. Arvo Pärt hat sich wohl abgenützt (für mich).

Die amerikanischen Minimalisten stellen ein Kapitel für sich dar. Obwohl auch hier mittlerweile ein recht passables Spektrum an Formen und Farben erreicht wurde, dürfte das Moment subjektiver, quasi geschmäcklerischer Voreingenommenheit seine Begründung gegebenenfalls in den zwangsläufig recht eng geführten Personalstilen liegen. Zu Nyman: siehe oben. Adams höre ich recht gerne, Glass kann ich nicht wirklich leiden, ein jüngeres Klavierkonzert klang dann aber beim Radiohören ganz pfiffig. Umgekehrt spricht mich Steve Reich an. Als ich allerdings aus Gründen der Repertoire-Ergänzung die folgende neuere CD erwarb, war ich einigermaßen enttäuscht. Das ist genauso gefällig wie seine Musik der Siebziger - leider ist es aber bis ins Mark ein schwächerer Abklatsch. Ein bisschen was Neues hätte ich mir dann doch erhofft.



Einojuhani Rautavaara hat nach seiner "vorpostmodernen" Zeit neben den etwas länglich-larmoyanten Sinfonien Nummer 7 und 8 auch nach 1980 recht eigenwillige und bei aller Gefälligkeit keineswegs uninteressante Solokonzerte verfasst, die beweisen, wie breit sein Personalstil zu fassen ist, ohne in die Beliebigkeit zu fallen.



Der in vielen seiner Werke geniale Alfred Schnittke berührt mich in den folgenden beiden Konzerten, die gefälliger klingen als manch anderes von ihm, in höchstem Maße. Diese Musik vermag ohne jede vordergründige Effekthascherei und in nahezu durchwegs getragener Diktion meine musikalischen Bedürfnisse abseits vordergründig ansprechender Melodik (wobei man im weitesten Sinne sogar diese finden kann) - ein frappierender Farbenreichtum, interessante Harmonik, bisweilen differenzierte Rhythmik, Spannung, Originalität, Überraschung, Assoziationen und Erinnerungserlebnisse, Atmosphäre - zu befriedigen. Die Konzerte sind nicht gerade kurz, aber es kommt keine Sekunde Langeweile auf. Doch vielleicht sollten die beiden Meisterwerke gezielter in einem speziellen Thread diskutiert werden - vielleicht gibt es ihn schon.

Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, dass bei einem Minimum an Unvoreingenommenheit diese Musik gleichermaßen konventionelle und betont fortschrittliche Hörer erreichen kann.



:hello: Wolfgang
Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

69

Samstag, 11. August 2012, 12:48

Nyman kann man wohl getrost überspringen... (ich hatte mal eine CD, weiß nicht mehr woher, die habe ich ganz schnell wieder verkauft) ultraflach und überflüssig.
So macht tamino Spaß ...
:D
Ich will dich nicht von eigenen Erfahrungen abhalten... es war allerdings eine CD mit dem von Wolfgang genannten Klavierkonzert (und Musik für TGV) nach der "Piano"-Filmmusik (allerdings nicht identisch mit dieser). Vielleicht gibt es auch anspruchsvollere Werke.


Zitat

Zitat

Und sicher gibt es einen Typ Hörer, dem solche Musik zu flach ist, dem aber vielleicht schon Schostakowitsch "zu schräg" klingt. Ist ja kein Problem, soll er halt weiter Brahms und Bruckner hören. Es besteht ja kaum Gefahr, dass die zugunsten von "Star Wars" Suite oder Korngold vom Programm verschwinden. Insofern ist die Situation wohl weniger für die Freunde des "Gefälligen" schwierig als für die des "Tiefen", denen aber Bartok und Schönberg usw. zu schräg sind.
Stimmt - daran dachte ich nicht - die "tiefen" Postmodernen sind dann doch wieder nicht ganz unschräg obwohl aus Donaueschinger Blickwinkel viel zu traditionell ...
Zum Beleg zB die Reaktion von m-müller (zwar kein Spätromanik-Fan, aber...) auf eine baltische Chormusik-CD. Oder der Ex-Tamino Oboist Bernd, ein großer Wagner, Pfitzner, Strauss-Freund, wenn ich recht erinnere, aber keiner der klassischen Moderne. Ich erinnere mich auch an Reaktionen bei der seinerzeitigen Diskussion um die teils enttäuschenden "Alle hören"-threads, in denen zB Brittens Tenor-Serenade oder Bartoks "Musik für..." als unzumutbar modernistisch (vermutlich "atonal" ;)) bezeichnet wurden.
Ich selbst finde zB was ich bislang von Schnittke gehört habe, ziemlich schräg, in etwa so "schräg" wie schräge Musik der 1920er-40er, auch wenn mir natürlich klar ist, dass das weniger avantgardistisch ist als Xenakis.

Ist ja auch o.k., dass jeder seine eigenen Vorlieben pflegt. Aber es gibt jedenfalls zum einen eine große Anzahl Hörer, die nichts jenseits des Standardrepertoires vermisst, die jedenfalls keine "Kleinmeister" hört, weil 50 Mozart-Sinfonien oder 17 Beethovenquartette nicht "ausreichten". Zum anderen gibt es unter denen, die aus welchen Gründen auch immer, mit avantgardistischer Musik ab ca. 1900 oder ab ca. 1945 nichts anfangen können, gewiss keine einheitliche Ansicht darüber, was sie stattdessen lieber hätten. Einige vielleicht mehr Spätestromantik (die es ja auch gab, oft durchaus erfolgreich oder eben in den letzten Jahren von entsprechenden Labels ausgegraben), andere mehr "gemäßigte" Moderne wie Britten u.a. (was offensichtlich ebenfalls mit Erfolg praktiziert wurde) oder "sozialistischen Realimus", der seit den 1990ern auch von Konservativen ohne Reue genossen werden kann... ;) Wieder andere haben schon an der Musik der Spätromantik oder gar des gesamten 19. Jhds. kein großes Interesse und pflegen die Meister und Wiederentdeckungen von Mittelalter bis Frühklassik usw.

Da anders als unter Nazis und Stalinisten Musik in den Staaten, die in der Nachkriegszeit besonders die Avantgarde förderten, nicht aktiv unterdrückt wurde, gibt es außerdem ja gar nicht wenig nicht-avantgardistische Musik der zweiten Hälfte des 20. Jhds. Wie schon gesagt, mussten weder Egk noch Orff noch Frommel emigrieren oder betteln gehen. Dass Orff, Komponist eines Mega-Hits des 20. Jhds. nur mit diesem bekannt und beliebt ist, liegt sicher nicht an den fiesen Avantgardisten der 1960er.

La Roche

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Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

70

Samstag, 11. August 2012, 14:48

Zum anderen gibt es unter denen, die aus welchen Gründen auch immer, mit avantgardistischer Musik ab ca. 1900 oder ab ca. 1945 nichts anfangen können,

zu denen auch ich gehöre. Es gibt aber auch Musik nach 1900, bei welcher ich "verzückt" bin, z.B. die Gurrelieder, alles von R. Strauß (sogar die eigentlich extrem schrägen Salome und Elektra), manches von Hindemith, auch Strawinsky (gerade sein "Sacre" mag ich, obwohl es besonders schräg ist, besonders aber den Feuervogel).

Warum ich andererseits Stockhausen oder den späteren Schönberg uva, deren Namen ich mir gar nicht merken will, nicht mag, da habe ich keine rationale Erklärung. Mir klingen einfach die Ohren nicht, das Gehirn sagt "abschalten".

La Roche
Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.