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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN
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151

Freitag, 25. April 2008, 17:03

Hallo JR,

Zitat

Original von Johannes Roehl
In erster Linie ging es mir darum, darauf hinzuweisen, daß a) heute niemand schwach in Mathe ist, weil er zuviel Musik und Latein gelernt hat (sondern mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit, derjenige, der Musikunterricht und Latein genossen hat, auch besser in Mathe ist) und b) man, wenn trotz 3-4 Wochenstunden durchgehendem Matheunterricht Ingenieur-Erstsemester Sachen aus der 9. Klasse nicht können, es andere Ansatzpunkte gibt, als noch mehr Mathe (und noch weniger Musik) zu fordern.


Beides denke ich auch. Was ich wohl deutlicher auseinander halte ist der Unterschied zwischen Bildung als Qualifizierung für anderes und Bildung für das eigene Interesse.
Ich will mein Interesse an Kultur nicht rechtfertigen müssen - z. B. dadurch, dass ich mit dem Hören von klassischer Musik ja auch etwas für meine Qualifikation bzw. meine Arbeitgeber tue. Da bekommt doch das Interessensgebiet von Tamino den faden Beigeschmack von pflichtmäßigem Gehirnjogging.
Ich erzähle gern Bekannten und Freunden von meinen positiven Erfahrungen mit klassischer Musik. Aber ich betrachte das als nett gemeinte Empfehlung.

Wenn es um den Lehrplan geht, geht es um die Basis für berufsqualifizierendes Wissen. Die sehe ich nicht als reine Empfehlung an.

Zitat

Zitat

Original von Kontrapunkt
In der politischen Debatte besteht große Einigkeit darin, dass die Vorbereitung auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts den Zweck der Bildungspolitik darstellt.


umso schlimmer für die Debatte (so sie diesen Namen überhaupt verdient)


Ich fürchte halt, dass diejenige Debatte, die auch zu beschlossenen Gesetzen führt, so läuft.

Zitat

Zitat


Fast ebenso groß ist die Einigkeit darüber, dass das 19. Jahrhundert mit seiner Antike-Begeisterung sehr gute Naturwissenschaftler hervorgebracht haben mag, man sehr gute Naturwissenschaftler aber eben auch billiger und effizienter produzieren kann.


Woher willst Du das denn so genau wissen? Gibt es Vergleiche über die relativen Kosten der Bildungssysteme im Deutschland der "Humboldt-Ära", im viktorianischen England oder im D der Nachkriegszeit?

(Das hochgepriesene Universitätssystem in den USA heute ist z.B. um ein Vielfaches teurer als das in Deutschland, von nix kommt nix)


Das Universitätssystem in den USA mag teurer sein. Aber die spannende Frage ist doch, wer es bezahlt. Soweit ich weiß, werden die nicht-staatlichen, namhaften Unis dort zu nicht geringem Teil aus Studiengebühren und Spenden Ehemaliger finanziert. An den staatlichen Hochschulen sind die Studiengebühren jedenfalls um einiges niedriger.
Ich bezog "billig und effizient" auf den Staatshaushalt. Und ich glaube schon, dass besserer Latein-Unterricht aufwändiger und damit teurer wäre bzw. zu Lasten anderer Kenntnisse ginge. In Latein lernt man ja nicht diese Sprache zu sprechen, sondern aus ihr zu übersetzen. Und dass das flüssig gehen möge ist auch kein Untterrichtsziel. Dafür muss man das wahrscheinlich erst studieren.

Zitat

Je allgemeiner und flexibler aber jemand (aus)gebildet ist, desto weniger ist er von Schweinezyklen des Arbeitsmarkts abhängig.


Dass man selber auf dem Arbeitsmarkt gut zurecht kommt, liegt nicht automatisch im Interesse des Arbeitsmarkts. Aber gut, die Diskussion darüber wäre am falschen Ort.

Viele Grüße

:hello:
Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. (L. Tieck)

Jacques Rideamus

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152

Freitag, 25. April 2008, 18:42

Zitat

Original von Walter Heggendorn
Ich folgere mal frisch und unbekümmert von der Leber weg:
Der Charakter eines Verwalters/einer Beamtin ist möglicherweise dem Wesen der kreativen Ungeordnetheit weniger kompatibel.
Deshalb kann ich mir vorstellen, dass musisch begabte Menschen wohl eher selten zum Beamtenstatus greifen. (mit löblichen Ausnahmen natürlich).


Lieber Walter,

eine sehr hellsichtige Beobachtung, die ich sofort nachvollzehen kann, obwohl ich noch gar nicht darauf gekommen war, da einen ursächlichen Zusammenhang zu sehen. Natürlich werden die von Dir angesprochenen Beamten wohl für sich reklamieren, dass das beleibe nicht daran läge, dass sie weniger empfänglich für die Kultur seien, sondern weil sie zeitlich so überlastet sind. Vielleicht liegt der schwache Besuch aber auch mit daran, dass notorisch sehr viele Plätze bis zuletzt für Würdenträger mit Freikarten reserviert sein müssen, die dann doch nicht kommen?

Bislang ist das mehr gefühlt und überhaupt nicht empirisch gestützt, aber vielleicht lässt sich ein Korn darin finden, wenn ein weniger blindes Huhn als ich hier nach mehr sucht.

:hello: J.R. II
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

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153

Freitag, 25. April 2008, 19:48

Lieber Jacques Rideamus

Es ist ja völlig klar, dass solche gefühlten Mutmassungen in keinster Weise generalisieren dürfen und wollen. Ich will beileibe ja auch gar nicht behaupten, dass die entsprechenden Berufsgruppen nicht gerne Kultur konsumieren würden, ich habe allenfalls meine Zweifel, ob man/frau vom Schreibtisch aus überhaupt in der Lage ist, eine visionäre Kulturpolitik zu gestalten, im Sinne eines notwendigen Paradigmawechsels.

Aufhänger für meinen Beitrag ist aber tatsächlich ein oft gehörtes Klagelied von Berner Kulturschaffenden: „Wir sind halt eine Beamtenstadt, da kann man nicht ein grösseres Engagement erwarten von der Bevölkerung“. (Vielleicht ist es ja nur ein gängiges Vorurteil. Jedenfalls ist anzufügen, dass die aktuelle rot-grüne Stadtregierung kulturell sehr engagiert ist und das kulturelle Angebot für so eine kleine Stadt riesig ist. Aber Stadt und Bund sind bekanntlich zwei verschiedene Schuhe)

Mit liebem Gruss aus Bern, der langjährige Beamte :D und Ver-

-walter
Der grösste Ton ist ohne Klang (Laotse)

Ulrica

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154

Samstag, 26. April 2008, 00:10

Lieber Walter, lieber Jacques,

bevor ihr euch weiter in die falsche Richtung "Beamte = nicht den Künsten zugetan" , sorry, vergaloppiert: Ganz entschieden Einspruch!! :boese2:

Angesehen von mir selbst, die Verwaltungsbeamtenstand und Operngesang versucht, unter einen Hut zu bringen:

Diese Argumentation trifft so pauschaliert weder a) auf Beamte zu, die dienstlich mit Kultus- und kulturellen Bereichen zu tun haben noch b) was dieser Berufsstand privat liebt.

zu a)

Auch wenn euch der Mensch, der über die Durchführung oder Förderung eines Projektes staatlicher Träger oder Zielgestalter zu entscheiden hat bzw. dies bearbeitet, im Einzelfall stur und ohne persönliches Verständnis für die hohe Bedeutung der Kunst erscheint: Der/Diejenige stößt unabhängig von individuellem Kunstsinn irgendwann an die Grenze der politischen Vorgaben oder Gesetze. Wenn ich denn die Leitung eines Kulturamtes inne hätte, könnte ich beispielsweise tausendmal der Meinung sein, dass ein jährliches Projekt mit klassischer Gegenwartsmusik dem kommunalen Sprengel größere Bedeutung verleihen würde. Wenn der Kreistag aber seinen Schwerpunkt auf Konservativeres legt, muss dieser Beamte ablehnen.

Ehrlich gesgt: Bei allen Ansprüchen an persönicher Empathie für ein Anliegen, die vielleicht an die zuständigen Beamten gerichtet sein mögen: Was los wäre, wenn jede/r einzelnen Beamte/in die eigenen Paradigmen zur maxime machen würde, kann ich mir nicht eben erspriesslich vorstellen :untertauch:

Natürlich ist nicht jede Einzelentscheidung immer von der Politik abzusegnen, allerdings, gerade in diesem Bereich, der der POLITIK oft mehr Freiräume läßt, sind die ausführenden Beamten an deren Vorgaben gebunden. Außerdem stecken Verwaltungsgrundsätze wie die Gleichbehandlung gleicher Sachverhalte - was sehr kompliziert sein kann - u. a. dahinter, die, im Gegensatz zu manch ach so kreativer Entscheidung von Regisseuren o. a. zumindest auf Verlangen, eigentlich aber von selbst, transparent gemacht werden müssen. Und - das übersehen viele beim Schimpfen und Vorurteile - Schieben allzugerne: Es gibt eine nicht unerhebliche Palette an Rechtsbehelfen, auch die gerichtliche Eilentscheidung (zumindest in Deutschland)

Vielleicht ist es manchmal schwierig, Politik (Legislative) und Beamte (Exekutive) auseinanderzuhalten, aber unsere Demokratieformen verlangen dies.

zu b)

Die Behauptung, das verbeamtete Individuum finde nur schwer Zugang zu Kunst und Kultur, eine Quintessenz, die ich hier herausgelesen habe, ist absolut - mit Verlaub - Unsinn. Eher das Gegenteil ist der Fall. Ich habe keine Statisik dazu und weiß auch nicht, ob es eine gibt, aber hier gibt mir schon das Umfeld die Antwort.

Ich brauche nur meine KollegInnen anschauen, und wir sind auf dem Land, dann ist fast jede/r in irgendeiner Weise im lokalen, kulturellen Angebot "verstrickt": In dem Chören (darunter zwei richtige Oratorienchöre auf hohem Niveau) , Orchestern und Kapellen/Bands, Theatergruppen, machen Austellungen und und und...
Ausserdem kenne ich z. B. im Amt noch weitere vier Personen, die Gesangsunterricht haben oder hatten, CDs aufnehmen etc.

D. h., die spielen aktiv Instrumente, arbeiten mit Partituren usw. Da soll kein Zugang zur Musik im allgemeinen und zur klassischen im besonderen sein??? ?(

Die Gründe, sich ausserdienstlich in dieser Weise zu engagieren, liegen faktisch und psychologisch auf der Hand: geregelte Arbeitszeiten (nicht kürzere, wir haben die 42 - Stunden - Woche), die regelmäßige Freizeiteinteilung ermöglichen, kreativer Ausgleich zum Beruf, Engagement zur Belebung dessen, was man verwaltet, aber, was die klassische Musik betrifft bzw. die Neigung zu "seriösen" Künsten: auch eine gewisse, berufsbedingte Gesetztheit bei den meisten.

Und, zum Abschluss ein ;): Bei kreativer Ungeordnetheit denke ich seltsamerweise immer zuerst an meinen Schreibtisch...... :D


LG
:hello:

Ulrica
Der Feind ist vernichtet, wenn er zum Freund geworden ist

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155

Samstag, 26. April 2008, 10:40

Danke, liebe Ulrica, für die notwendige Ergänzung und Korrektur meines Beitrages.
Ich bin selbstverständlich einverstanden mit jedem Wort von Dir.

Ich habe wohl tatsächlich Unsinn geschrieben und ärgere mich schrecklich über mich.
Ich werde für mich die Konsequenzen ziehen müssen und mich in Zukunft aus jeglicher Diskussion heraushalten, um nicht andauernd in Fettnäpfchen zu treten.

Um zu Diskutieren braucht es klare Positionen, und solche einzunehmen ist mir nicht gegeben, oder ich tue es dann in solch ungeschickter Weise wie in meinem verunglückten Beitrag (mit dem ich selbstvertändlich – das mögest Du mir zugute halten – niemanden verunglimpft habe).

Ich bitte Euch alle, auf mein Posting nicht mehr zu reagieren (Ulrica hat alles gesagt):
Ich befinde mich momentan in einem kritischen gesundheitlichen Zustand, der keine zusätzliche Aufregung mehr erträgt. Man erlaube mir diese persönliche Bemerkung und komme meiner Bitte nach. Danke.

Mit liebem Gruss
Walter
Der grösste Ton ist ohne Klang (Laotse)

Jacques Rideamus

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156

Samstag, 26. April 2008, 12:23

Lieber Walter,

gerne berücksichtige ich Deine Bitte, weil ich ihre Ursache bedaure.

Da ich mich aber Deinen Überlegungen angeschlossen und mich wie Du ausdrücklich auf ein Bauchgefühl bezogen habe, antworte ich mal pro domo.

Liebe Ulrica,

natürlich hast Du mit Deinem allgemeinen Zu-Recht-Rücken den empfindlichen Teil meiner Behauptung getroffen. Es hilft nichts, wenn man ausdrücklich auf die vielen Ausnahmen verweist: schon rein strategisch gesehen, sollte man jeden Zungenschlag ener Verallgemeinerungen zu jedem Menschenschlag und jeder Berufsgruppe vermeiden, und wenn man sie noch so heftig empfindet - es sei denn, man will provozieren, was mir hier wie sonst meist fern lag.

Immerhin ist es Dir so gelungen, eine vage empfundene Beobachtung zu konkretisieren. Ohne jetzt die eine pauschale Verallgemeinerung durch eine andere zu ersetzen (Frau Merkel geht ja auch gerne in die Oper), scheint es mir jetzt in der Tat zutreffender, den Esel der Politiker zu schlagen und nicht den Sack ihrer ausführenden Organe. Jetzt werden womöglich auch diese aufheulen, obwohl sie wahrscheinlich in unserem Kreis stark unterrepräsentiert sind, aber irgendwoher müssen ja die ganzen Irrläufer unseres subventionierten und geförderten Kulturschaffens kommen. Wenn nämlich keiner dafür verantwortlich ist, sind wir es ja erneut wieder alle.

Natürlich gilt auch da: wir haben die Politiker, die wir wählen - soweit wir da überhaupt eine Wahl haben, denn bei der Aufstellung der Kandidaten in internen Klüngelrunden haben wir die ja nur sehr ausnahmsweise, obwohl es da viel mehr darauf ankommt. Die von dem Lullisten in einem anderen Thread so anschaulich geschilderte persönliche (und kulturelle) Katastrophe in Kassel spricht aber auch eine deutliche Sprache. Manchmal kann ich die immerwährenden Verweise auf die "Sachzwänge", so real sie auch gegeben sind, nicht mehr hören, denn was mir fehlt, sind die ebenfalls existierenden, wenn auch eher vereinzelten Beispiele von Zivilcourage und Durchsetzungsvermögen, die natürlich gewisse Risiken verlangen. Solange die deshalb aber Einzelfälle bleiben, werden sie natürlich leicht untergebügelt.

Als Unternehmer und gar als Produzent einer so unberechenbaren Ware wie Filme es sind, war die Notwendigkeit des Risikos für mich sozusagen systemimmanent, so dass ich dafür, dass ich immer wieder für meine - zugegeben sehr fehlerhafte - Überzeugung große Risiken einging, keine Lorbeeren beanspruchen kann. So war mir zum Beispiel durchaus klar, dass ein Projekt wie zum Beispiel Michael Moores BOWLING FOR COLUMBINE zu seiner Produktionszeit vor dem 11. September mehr als riskant war. Ich hatte das ja auch oft genug zu hören bekommen. Meines Erachtens war der Film aber notwendig, und zum Glück hatte ich damals die Mittel, den Film auch gegen die Bedenken der Förderbürokratie von Bund Ländern und Fernsehen zu realisieren. Wäre ich aber auf die Risikofreude der öffentlichen Hand und ihrer Quasi-Verlängerung in den Fernsehanstalten angewiesen gewesen, den Film hätte es nie gegeben.

Will sagen: ich spreche niemandem, und schon gar keiner größeren Allgemeinheit, das individuelle Engagement oder gar seinen/ihren Kunstsinn ab. Mir scheint aber nach wie vor, dass es eine institutionelle Deformierung gibt, die eben nicht oder nur ausnahmsweise an der Sache, sondern an dem (vermeintlichen) Auftraggeber orientiert ist, der sich in Gremien und Vorgesetzten äußert, die in aller Regel nur das kleinste gemeinsame Vielfache hervor bringen - trotz, und das sei durchaus anerkannt, des gar nicht so seltenen individuellen Aufbäumens einzelner Individuen. Ich bezweifle, dass ich in einem solchen Riesenapparat die Kraft, geschweige denn die Mittel gefunden hätte, Gleiches zu wagen. Das war aber auch ein wesentlicher Grund dafür dass ich es in jüngeren Jahren vermieden habe, mich einem solchen anzuschließen, sei es als Lehrer oder Fernsehredakteur. Darauf bin ich sogar ein wenig stolz, auch wenn mein Kontostand das zu häufig anders sieht. Aber das ist eine andere Geschichte, die nicht in dieses Forum gehört.

Auch das sollte man einmal an- und aussprechen dürfen ohne sich gleich dem Vorwurf einer pauschalen Verunglimpfung auszusetzen, den ich meinte, sorglich vermieden zu haben. Natürlich ist per Definition jeder eine Ausnahme. Aber auch das macht uns zu einer gleichen Allgemeinheit, die man deshalb ruhig mal ins Auge fassen darf. Dabei justiere ich gerne meine Fehleinschätzungen. Um das tun zu können, muss ich sie aber erst einmal zur Diskussion stellen. Das und nichts anderes war der Sinn meines Beitrages.

:hello: Jacques Rüdeamus
Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung

Louis

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Beiträge: 552

Registrierungsdatum: 26. September 2007

157

Samstag, 26. April 2008, 16:26

Ich bin ja noch nicht sehr lange aus der Schule und bis zum Abitur kannte ich DIE ZAUBERFLÖTE und TOSCA, beides in der 12. Klasse Musik-Grundkurs in der Stuttgarter Oper besucht. Zu der Zeit hatte ich keinerlei Interesse an Oper, unsere Musiklehrerin wollte uns vor allem ihre Lieblingsoper TOSCA nahebringen, endlos quellende Musikstunden marschierte sie mit uns durch "e lucevan le stelle"...naja kurz gesagt war Oper für alle von uns ein absolut "no go"-Thema...

Ich fand das "Opern-Programm" meines Gymnasiums aber nicht so schlecht, Zauberflöte ist Kulturgut Nummer 1 für Nicht-Operngänger und Tosca als Vertreterin für Italo-Schmachtfetzen war doch auch gut ausgesucht. Es würde sich alternativ eine TRAVIATA oder ein RIGOLETTO anbieten, (Ristorante Pizza-Song "le donne e mobile" kennt schließlich jeder aus der Werbung), auch eine AIDA kann man pubertierenden Gymnasiasten noch recht schmackhaft machen.

Ich komm halt vom Land, da isch die Oper weiter weg als der Mond. Nicht zu reden von einem "Tristan" oder einem "Parsifal"...kennt man nicht und mag man nicht kennen, weder an der Schule noch sonst wo :baeh01:

epiphaneia

Anfänger

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Registrierungsdatum: 20. April 2008

158

Montag, 28. April 2008, 12:22

Man unterteilt Oekonomen gemeinhin in zwei Gruppen: Auf der einen Seite die "unzulaessig stark Vereinfachenden", auf der anderen Seite die "unnoetig Detailverliebten", ich versuche einmal den Spagat zwischen beidem zu schaffen - also unnoetig stark zu vereinfachen und dabei parallel auf unnoetig viele Details einzugehen.

Auf der einen Seite gibt es das kanonische Bildungsideal, dessen vollstaendige, praktische Umsetzbarkeit sicher auch vielen seiner Befuerworter schwierig scheint - was aber natuerlich nicht heisst, dass man nicht an einem Ideal festhalten und zumindest danach streben sollte, es so weit wie moeglich zu erreichen. Das haben Ideale nun einmal so an sich.

Kehrt man, zu stark am "ist" orientiert, vom Bildungsideal immer weiter ab, wird unser "Wissensstandort" mit noch weiter zunehmender Geschwindigkeit vor die Wand fahren. Denn reines Fachwissen anhaeufen, das koennen Andere auch, die Staerke des deutschen Bildungssystems war immer sein universalistischer Ansatz. Also ist eine moeglichst ganzheitliche Abrundung des "reinen" Schulwissens auch wirtschaftliche Notwendigkeit, weshalb Kanoniker und Arbeitsmarktorientierte dringend an einem Strang ziehen sollten.

Wir sind ohnehin bildungspolitisch schon nicht auf dem gluecklichsten Weg:
- Senkung des Leistungsanforderungsniveaus zur Erhoehung der Abiturientenquote, Verflachung des deutschen Diplomstudiensystems, um dessen fachliche Breite und Tiefe wir frueher in aller Welt beneidet wurden, zugunsten europaweiter "Standards", die uns zwangsweise auf Durchschnitt druecken...;
- Allgemeine kultuspolitische Selbstzufriedenheit darueber, dass Hauptschueler nach der 10. Klasse (mit Schulabschluss!) "im Wesentlichen lesen und schreiben koennen und sich mit den Stiften nicht gegenseitig verletzen";
- Heitere Fragestellungen wie: "Warum duerfen Jugendliche nicht schreiben, wie man es heutzutage als junger Mensch nun mal so tut?". Ein Beispiel: "Dann simma aufe Kirmess gegangn un ham voll Spass gehabt LOL" (deutscher Schueler, 5. Klasse, Aufsatz).

Dass zumindest "irgendein" Grundschatz an Allgemeinbildung, an kulturellen Grundlagen, damit auch an musikalischem Wissen vorhanden sein sollte, ist unbestritten.

Andererseits ist das Argument: "lesen, schreiben, rechnen - das reduziert die Menschen auf schnoede Aufgabenerfuellungsroboter", pardon, dekadent.

Wer akademisch aus- und allgemein hoch gebildet ist, dem faellt es leicht, so zu schreiben. Wer andererseits aber aus erster Hand weiss, dass mehr als die Haelfte der Schulabgaenger noch nicht einmal in der Lage ist, die kommunikativen Mindestanforderungen, die fuer ein sicheres Bewegen in der Gesellschaft sinnvoll und erforderlich sind, zu erfuellen, begegnet dem Argument (das gewisse Aehnlichkeit birgt mit: "Wer kein Brot hat, kann ja auch einfach Kuchen essen") mit Skepsis.

Natuerlich gilt es, das eine zu tun, das andere aber nicht zu lassen. Aber zum einen haben wir nur begrenzte Zeit und Moeglichkeiten, Kindern in der Schule etwas beizubringen, zum anderen gilt: Wo keine Erde ist, ist der Duenger vergebens. Wer sich noch nicht einmal ordentlich artikulieren kann, sollte dies lernen, bevor er sich mit Charpentier beschaeftigt.

Wer schon mit Hauptschuelern zu tun hatte, die keine Lehrstelle bekommen, weiss: Diese Kinder fallen nicht durch Einstellungstests, weil sie nicht wissen, dass eine Motette kein Ungeziefer ist, sondern weil sie nicht 3*27 rechnen koennen.

Ein "Hauptschulkanon" muss der Not gehorchend eben beruecksichtigen, dass die zur Verfuegung stehende Zeit zur Vermittlung von Grundkompetenzen genutzt werden muss, die bei Gymnasiasten vorausgesetzt werden koennen (sollten). Elitedenken? Nein, Notwendigkeitendenken bezueglich des sinnvollen Einsatzes knapper Ressourcen und vor allem auch humanbiologisch begrenzter Aufnahmekapazitaet pro Zeiteinheit.

Ein weiterer wichtiger, aber gern mit Blick auf die Inkulpation der Lehrerschaft vernachlaessigter, Faktor ist das soziale Umfeld der Kinder, insbesondere der Eltern.

Klassischer Musik haftet -Achtung, jetzt begebe ich mich wieder in den Bereich der unzulaessigen Vereinfachung- insbesondere, aber nicht nur in, pardon, "einfacheren Kreisen" etwas negativ Elitaeres an. Selbst in weiten Teilen des "Bildungsbuergertums" ist dies schon so. Hier kann ich aus persoenlicher Erfahrung berichten, durchaus dafuer als "kurios" bestaunt zu werden, dass ich doch wirklich freiwillig in die Oper gehe ("Wie halten Sie das Gequietsche denn aus?").

Und hieran anschliessend muss der Schluss folgen duerfen, dass eben nicht jeder das Potential (intellektuell, geschmacklich, zeitlich,...) hat, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, die ueber 1-2-3-4-dance-with-me-shalala hinausgeht.

Aber ich schweife ab.

Wir bemerken das Problem des sozialen Umfeldes gerade akut bei unserer Kleinen. Sie ist in der 2. Klasse und fuer sie ist es selbstverstaendlich, klassische Musik zu hoeren und das auch in die Breite zu tragen (wir konnten sie nur mit Muehe davon abhalten, bei Ihrer Karnevalsparty den Rinaldo -"wieso denn nicht? ist doch schoen..."- laufen zu lassen). Die anderen Kinder in ihrer Klasse hingegen machen sich tendenziell eher darueber lustig - und das kommt ja in der Regel ganz klar aus dem Elternhaus.

Selbst die Lehrerin, die davon ja eigentlich begeistert sein muesste, bremst unsere Kleine da deutlich aus und verbietet (!) ihr, in der montaeglichen Morgenrunde ueber Ballett- oder Opernbesuche zu erzaehlen, das interessiere ja wohl keinen und ueberhaupt, sie sei ja wohl "nichts Besseres"... waehrend andere Kinder in epischer Breite ueber ihre Lieblings-Nintendospiele erzaehlen duerfen (!). Und das ist beileibe keine schlechte Schule in schlechtem Stadtviertel - ganz im Gegenteil.

Diese negativen Grundhaltungen gegenueber "Kulturschnoeseln" bekommt man auch mit den ausgefeiltesten akademisierten Plaenen nicht in den Griff, befuerchte ich.

So viel vom Kulturpessimisten... :)
epi
In the beginning the universe was created. This has made a lot of people very
angry and is generally considered to have been a bad move. (Douglas Adams)

Jacques Rideamus

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159

Montag, 28. April 2008, 13:18

Lieber epiphaneia,

zu der Begründung Deines Kulturpessimismus samt Detailfreude und grandioser Vereinfachung fällt mir ausnahmsweise nur noch dieser Kommentar ein: :jubel: :jubel: :jubel:

Ganz gelegentlich tut ein Realitätscheck auch denen gut, die, wie ich, noch in einer Zeit und Umwelt aufgewachsen sind, als klassische Musik als erfreuliche Notwendikeit und weniger als lizenzfreie Notenfolge für Werbeträger oder lahmes Gedudel empfunden wurde.

Traurig, aber wahr: wie Du es beschreibst, haben es auch meine Kinder empfunden.

:hello: Jacques Rideamus
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pbrixius

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160

Montag, 28. April 2008, 14:14

Nun, dem Pessimisten muss dann ja wohl der Optimist antworten :angel:

Zitat

Original von epiphaneia
Denn reines Fachwissen anhaeufen, das koennen Andere auch, die Staerke des deutschen Bildungssystems war immer sein universalistischer Ansatz. Also ist eine moeglichst ganzheitliche Abrundung des "reinen" Schulwissens auch wirtschaftliche Notwendigkeit, weshalb Kanoniker und Arbeitsmarktorientierte dringend an einem Strang ziehen sollten.


Wobei man bemerken darf, dass ein Kanon nicht unbedingt die Voraussetzung einer universellen Bildung ist. Jedes Bildungsziel muss sich hinterfragen lassen können, am Ende muss aber Machbares stehen - und Wünschenswertes, beides zusammen macht für mich Bildung aus: Wirklichkeit und Utopie.

Zitat

- Heitere Fragestellungen wie: "Warum duerfen Jugendliche nicht schreiben, wie man es heutzutage als junger Mensch nun mal so tut?". Ein Beispiel: "Dann simma aufe Kirmess gegangn un ham voll Spass gehabt LOL" (deutscher Schueler, 5. Klasse, Aufsatz).


Diese Diskussion führe ich seit den Hessischen Rahmenrichtlinien, das ist lange genug her. Auch hier ist ein mechanistischer Ansatz falsch: Es braucht das Ansetzen an der individuellen Position (Schüler müssen an einem Punkt abgeholt werden), es braucht aber die Annäherung an eine überregionale Norm (Schüler müssen zu einem bestimmten Ziel geführt werden). Ein Problem unter vielen: die Klassen sind weit zu groß, dadurch die didaktischen Möglichkeiten von Einzel- und Gruppenförderung weitgehend ausgeschlossen.

Zitat

Andererseits ist das Argument: "lesen, schreiben, rechnen - das reduziert die Menschen auf schnoede Aufgabenerfuellungsroboter", pardon, dekadent.


Dieses Argument wirst Du samt Dekadenz in der Diskussion vergebens suchen. Was Du findest: Nur Lesen, Schreiben, Rechnen als Anforderungsprofil einer vermuteten Berufspraxis ist zu wenig.

Zitat

Wer sich noch nicht einmal ordentlich artikulieren kann, sollte dies lernen, bevor er sich mit Charpentier beschaeftigt.


Liest sich ambitioniert, trifft es aber nicht. Von Charpentier war keine Rede, sondern von Musik. Und die fängt mit der Gebrauchsmusik an. Die kann sogar therapeutischen Charakter haben. Von da bis zu Charpentier ist es ein weiter weg. Aber man kann - und das weiß ich wieder aus eigener pädagogischer Praxis - mit Musik demotivierte Schüler erreichen, die schon nicht mehr an sich und ihre Leistungsfähigkeit glauben.

Es ist nur schon viel Kind aus dem Bade geschüttet worden mit einer Reformititis, die an technokratischen Zielen orientiert, die kindgerechten Zielsetzungen schon in der Primarstufe vermissen lässt.

Zitat

Wer schon mit Hauptschuelern zu tun hatte, die keine Lehrstelle bekommen, weiss: Diese Kinder fallen nicht durch Einstellungstests, weil sie nicht wissen, dass eine Motette kein Ungeziefer ist, sondern weil sie nicht 3*27 rechnen koennen.


Eines noch drauf: Sie kommen gar nicht in einen Einstellungstest, weil sie durch ihr Verhalten beim Vorstellungsgespräch schon durchs Sieb fallen. Die soziale Kompetenz ist nämlich der kognitiven noch um einige Grade unterlegen. Aber wenn man eben Fächer, die soziale Kompetenz (aus)bilden in die Peripherie schießt, ist das die logische Konsequenz.

Zitat

Ein "Hauptschulkanon" muss der Not gehorchend eben beruecksichtigen, dass die zur Verfuegung stehende Zeit zur Vermittlung von Grundkompetenzen genutzt werden muss, die bei Gymnasiasten vorausgesetzt werden koennen (sollten).


Die Konzentrationsfähigkeit wird z.B. nicht durch ein Mehr an Mathematik gefördert. Du kannst die Anzahl der Mathematikstunden verdoppeln und erreichst noch immer das gleiche Ergebnis. Warum wohl?

Zitat

Und hieran anschliessend muss der Schluss folgen duerfen, dass eben nicht jeder das Potential (intellektuell, geschmacklich, zeitlich,...) hat, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, die ueber 1-2-3-4-dance-with-me-shalala hinausgeht.


Jedes Potenzial muss erst einmal geweckt und dann entwickelt werden.

Um Dein Beispiel zu ergänzen: Meine Kinder hatten in der Primarstufe unterschiedliche Lehrer mit zu voraussagenden unterschiedlichen Ergebnissen. Während mein Ältester einen Lehrer hatte, der offensichtlich keinen Draht zur Musik, dafür aber zu Computer hatte, fand Musikunterricht de facto nicht statt - entsprechend auch die Einstellung der Klassengemeinschaft zu musikalischen Betätigungen. Glücklich wurde mein Sohn erst. als er aufs Gymnasium wechselte, wo gleich Mitglieder für eine Klassenband gesucht wurden.

Mein Jüngster hatte eine Lehrerin, die auf die musischen Fähigkeiten ihrer Schüler stolz war, schon bei einer Klassenfeier am Ende des Schuljahres traten die Instrumentalisten auf und wurde positiv in den Unterricht mit eingebunden. Als sich die Klasse von der Grundschule verabschiedete, tat sie es mit einem bunten Abend mit einem selbstgeschriebenen Theaterstück und eine Reihe von vorgetragenen Musikstücken. Schlechter waren die Schüler dieser Klasse nicht - weder im Schreiben (trotz inzwischen eingetretener Änderung der RSR) noch im Rechnen. Die größeren Verhaltensschwierigkeiten gab es in der Klasse meines Ältesten. Zufall?

Es hängt schon viel vom Elternhaus ab und dann vom Lehrer. Aber das hatten wir ja schon ...

Liebe Grüße Peter
Sie hätten's wenigstens nur sehen sollen. Das ganze mich in das Tanzen versunken.
(Goethe)

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161

Montag, 28. April 2008, 17:54

Hallo zusammen,

dann ist also das Heranführen an klassische Musik, um es zugespitzt zu formulieren, durchaus notwendig, um dem in aller Welt geschätzten deutschen Humankapital den letzten Schliff zu verpassen?

Das glaube ich nicht. Ein Diplom-Ingenieur wird in einem Bewerbungsgespräch wohl kaum durch seine Liebe zu Beethoven den Zuschlag erhalten.

Warum muss man denn die Absicht, Schülern einen weiteren musikalischen Horizont aufzuzeigen, immer wieder auf die Bedürfnisse des Wirtschaftsstandorts rückbinden? :no:

Wenn die Leute mehr Zeit haben, haben Sie auch mehr Möglichkeiten ihren Horizont nach eigner Lust und Laune zu erweitern. Aber das wäre ein Ansatz für ein Gewerkschaftsforum oder so.

Viele Grüße

:hello:
Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. (L. Tieck)

Jacques Rideamus

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162

Montag, 28. April 2008, 18:29

Zitat

Original von Kontrapunkt
Warum muss man denn die Absicht, Schülern einen weiteren musikalischen Horizont aufzuzeigen, immer wieder auf die Bedürfnisse des Wirtschaftsstandorts rückbinden? :no:


Wer a sagt, sollte auch b sagen.

Warum muss der Wert der gesamten Ausbildung von der Grundschule bis zur Universität ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaftstauglichkeit bewertet werden? Sind die Wirtschaftslobbyisten jetzt glücklicher mit dem Ergebnis? Die werden immer mehr fordern als sie kriegen können oder schon gekriegt haben, denn das ist hr Beuf.

Nach der Schule hat kaum jemand mehr so viel Zeit wie dort, sich auch mit den vermeintlich weniger wichtigen, für die Seelenbildung und soziale Fähigkeit aber essenziellen "Wissens"gebieten zu beschäftigen. Wer daher nicht schon als Kind und Jugendlicher erfahren hat, wo die Musik herrührt, mit der er sich so gerne zudröhnt, der wird dies später wohl erst recht nicht mehr wissen wollen.

Natürlich sind das Schreiben und Lesen sowie das Rechnen unumgängliche Grundsteine für jeden vernünftigen Lebensweg. Aber die werden ja auch mit Recht bis fast zum Exzess betrieben, und trotzdem sieht es (für mich nur dem Hörensagen nach) so aus, als seien die nie das Fach vieler Schüler gewesen. Vielleicht liegt das auch daran, dass alles nur noch auf den vermeintlichen Nutzeffekt zugeschnitten ist, aber nicht vermittelt werden kann, was schon die Latinos wussten?

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir." Und damit war nicht (nur) das Berufsleben gemeint, denn das Leben sind wir selber.

:hello: Jacques Rideamus
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Montag, 28. April 2008, 18:37

Hallo Jacques Rideamus,

Zitat

Original von Jacques Rideamus
Nach der Schule hat kaum jemand mehr so viel Zeit wie dort, sich auch mit den vermeintlich weniger wichtigen, für die Seelenbildung und soziale Fähigkeit aber essenziellen "Wissens"gebieten zu beschäftigen. Wer daher nicht schon als Kind und Jugendlicher erfahren hat, wo die Musik herrührt, mit der er sich so gerne zudröhnt, der wird dies später wohl erst recht nicht mehr wissen wollen.


wichtiger als Gedanken über den Schulunterricht fände ich halt die Auslotung der Möglichkeiten mehr Zeit im Leben nach der Schule zu haben. Denn zu was nützt einem denn die ganze schöne Herzensbildung nachher? Anscheinend doch nur zu dem Wissen, was man genießen könnte, aber nicht kann.

Viele Grüße

:hello:
Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt. (L. Tieck)

Walter Krause

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Montag, 28. April 2008, 19:05

Zitat

Original von Kontrapunkt
Ein Diplom-Ingenieur wird in einem Bewerbungsgespräch wohl kaum durch seine Liebe zu Beethoven den Zuschlag erhalten.


Meine Lieben,

Dazu möchte ich berichten, was mir jemand erzählte, der jahrelang bei der EU-Zentrale in Brüssel tätig war. Daß sich nämlich die Österreicher immer wieder bei wirtschaftlichen Verhandlungen (nicht nur mit Japanern) blamierten, weil sie eben nur ökonomisch beschlagen waren, die Gegenseite aber kulturelle Bildung als selbstverständlich ansah und sie auch erwartete.

Was epiphaneia von der Lehrerin berichtet, ist natürlich traurig; ich halte es aber nicht für ausgeschlossen, daß die Lehrerin unter Umständen sogar Schwierigkeiten mit oberen Stellen riskierte, wenn sie "bildungsbürgerliche" Tendenzen zu sehr fördert. Ich bin selbst ein Lehrerkind und konnte dadurch allerhand Einblicke gewinnen. Man glaubt nicht, wie weit Politik manchmal hinunterregiert, und die Annahme, daß vieles bewußt geschieht, weil wenig gebildete Menschen unkritischer und leichter zu manipulieren sind, hat viel für sich. Wobei das Übel (etwa mit der mangelnden Sprachausbildung in Deutsch) schon in der Grundschule beginnt, wo man bei uns seinerzeit die Latte gewaltig gesenkt hat. Vergleicht einmal ein Lesebuch für Volksschulen von vor 100 Jahren mit einem von heute! Im übrigen stelle ich an der Universität immer wieder fest, wie katastrophal es oft mit der Grundbeherrschung der Sprache und anderen - nicht nur im bildungsbürgerlichen Sinn luxuriösen - Komponenten beschaffen ist. Hier ist eindeutig eine Verschlechterung des Durchschnittsniveaus erkennbar. Verbessert hat sich dagegen etwa während der letzten Generationen die Fremdsprachenausbildung, das ist anzuerkennen. Aber zu glauben, daß wir mit unserer jetzigen Ausbildung gegen die irgendwann nach Europa drängenden Chinesen eine Chance haben, käme mir naiv vor. Bei uns wird viel zu wenig Persönlichkeit gebildet (das betrifft auch soziale Kompetenz u.a., Ulrica, Peter etc. haben dazu ja oben schon sehr viel Wesentliches ausgesagt).

LG

Waldi
Homo sum, ergo inscius.

epiphaneia

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165

Dienstag, 29. April 2008, 00:33

Guten Abend zusammen,
lieber Peter:

Zitat

Nun, dem Pessimisten muss dann ja wohl der Optimist antworten


Prima, so vergehe ich nicht in Truebsal :)

Auch wenn ich, um meinen Ursprungsbeitrag nicht noch deutlich laenger werden zu lassen, an der ein oder anderen Stelle ein wenig schwarz-weiss dargestellt (und, bei einem fuer mich emotional besetzten Thema sei mir dies verziehen, auch gelegentlich an der Grenze zur Polemik vorbeigeschrammt bin) habe, freue ich mich stets ueber inhaltlich spannende Diskussion.

Du sprichst in Deinem Beitrag -so wie ich ihn verstehe- an einigen Stellen, losgeloest vom reinen Lehrinhalt methodische Defizite an, die zweifelsfrei ein ganz grosses Problem in der Schule darstellen, naemlich zB das "Abholen" der Schueler bei ihrem individuellen Wissensstand, die individuelle Foerderung und letztlich das individuell bestmoegliche Hinfuehren zu einem uebergeordneten Lehrziel.

Wer "Stoff durchpeitscht", darf sich nicht ueber demotivierte Schueler wundern - voellig egal, ob es Mathe, Deutsch, Kunst, Physik oder Musik ist. Wer als Lehrer von seinem Fach begeistert ist und es versteht, andere mitzureissen, kann hingegen in jedem Fach gute Erfolge erzielen - nicht zuletzt, indem er den Schuelern vermittelt, was sie koennen statt was sie nicht koennen. Sicher auch nicht bei jedem Schueler, aber doch moeglicherweise bei der Mehrheit.

Leider gilt im Verhaeltnis der Kultuspolitik zu den Lehrern Aehnliches wie im Verhaeltnis der Lehrer zu den Schuelern: Man kann "per Dekret" aus einem ueberzeugten Frontal-Einpeitscher keinen empathischen Superlehrer machen, wenn ein Lehrer kooperative Lernformen schlecht findet, wird er sie nie authentisch anwenden. Obgleich die Politik das Vermittlungsproblem erkannt und an den Rahmenbedingungen massiv positiv gearbeitet hat, besteht ein grosses Transformationsdefizit.

Zitat

... Von Charpentier war keine Rede, sondern von Musik.


... Charpentier, Britten, Honegger, Bartok, Schnittke, de Lasso - bunt gemischt einige Exzerpte aus den Vorschlaegen innerhalb dieses Threads. Mir liegt es fern, hier jetzt ueber die Eignung einzelner Komponisten fuer eine "musikalische Grundausbildung" spekulieren zu wollen, ich finde die bisherigen Vorschlaege auch wuenschenswert und prima gelungen, ich halte sie nur fuer realitaetsfern. Zumindest, wenn wir ueber einen "Pflichtkanon" sprechen, der fuer alle verbindlich und notenwirksam ist.

Ich bin jederzeit sofort dafuer, Kindern Moeglichkeiten an die Hand zu geben und die ueber das alltaegliche Klingeltongeklimpere hinausgehende Vielfalt der Welt der Kunst angeleitet anzubieten.

Zitat

Es ist nur schon viel Kind aus dem Bade geschüttet worden mit einer Reformititis, die an technokratischen Zielen orientiert, die kindgerechten Zielsetzungen schon in der Primarstufe vermissen lässt.


Ich bin fest der Meinung, dass es weniger an den Zielen liegt als an der technokratischen, lieblosen Umsetzung eigentlich positiver Ziele. Allein in den Lehrplaenen fuer die Primarstufe stehen unglaublich viele tolle Dinge, die Kinder im Musikunterricht lernen, erfahren, aber vor allem auch selbst tun muessten... wie wenig davon im durchschnittlichen Unterricht wirklich geleistet wird, ist erschreckend, positive Ausnahmen gibt es natuerlich sicherlich.

Insbesondere ist es ja eine ausgepraegte Staerke der deutschen Politik, das Wasser auszuschuetten, das Kind in der Wanne zu lassen und sich dann zu wundern, dass es irgendwann friert und nicht sauber wird...

Zitat

Eines noch drauf: Sie kommen gar nicht in einen Einstellungstest, weil sie durch ihr Verhalten beim Vorstellungsgespräch schon durchs Sieb fallen. Die soziale Kompetenz ist nämlich der kognitiven noch um einige Grade unterlegen. Aber wenn man eben Fächer, die soziale Kompetenz (aus)bilden in die Peripherie schießt, ist das die logische Konsequenz.


Dem schliesse ich mich mit einem klaren "jein" an :)

Inhaltlich stimme ich voellig zu, nur dass ich denke, dass es in der Arbeitswelt durchaus divergente Prioritaeten gibt. Das von Dir benannte Problem: "Ohne Sozialkompetenz keine Einstellungschance" ist schon keins mehr vom untersten Qualifikationsniveau, auf dem sich einfach erschreckend viele Jugendliche befinden.

Soziale Kompetenzen und "Kultur" (was auch immer man darunter fasst) werden nach meiner Erfahrung mit zunehmendem Qualifikations- und Abstraktionsgrad des Berufs wichtiger.

Andersherum ist es eben so, dass in den, hm, "robusteren" Berufen Unternehmen mit dem blossen Minimum zufrieden waeren - eben: Lesen, Schreiben, Rechnen. Unternehmen sind oft bereit, Kindern Sozialkompetenz beizubringen, aber nicht LSR.

Ich bin fuer ein Unternehmen taetig, das von hochanalytischer Kopfarbeit bin zur robusten Kraftarbeit ein recht breites Taetigkeitsspektrum bietet, demgemaess ist das Mitarbeiterspektrum sehr heterogen und auch unsere Auszubildenden und Neueingestellten sind sehr bunt strukturiert.

Wenn es um die Einstellung von Auszubildenden geht, steht, was die technischen Ausbildungsberufe angeht, das Vorhandensein von Basiskompetenzen wie lesen und schreiben ganz klar im Fokus. Das soziale Gefuege ist natuerlich unabdingbar, das ruettelt sich aber meist ganz "herzlich" von allein im Rahmen eines gruppendynamischen Prozesses ein, wenn Einzelne "auf dicke Hose machen"; aber wer als Mechatroniker ein Problem beim Kopfrechnen hat - hat ein Problem.

Andererseits bewarben sich mit schoener Regelmaessigkeit fuer unsere kaufmaennischen Ausbildungsplaetze nette, liebe, bestimmt sehr umgaengliche Maedels, die aber nach der 10. Klasse Aufgaben der Art: "Susi geht mit 10 Euro in die Stadt, kommt mit 4 Euro zurueck, wie viel hat sie ausgegeben?" nicht loesen konnten. Sorry, das zu kompensieren kann nicht Aufgabe eines Unternehmens sein. Da wird auf die Einstellung ohne Diskussion verzichtet.

Bei der Einstellung von Akademikern wiederum schaut man im Assessment Center mittlerweile kaum noch darauf, ob da wirklich der Kurs "Analysis 1" mit gutem Erfolg bestanden wurde, stattdessen unterhaelt man sich da mal locker ueber einen Artikel im FAZ-Feuilleton und schaut, wie gut derjenige mitreden kann. Dasselbe Wissen waere uns bei dem Mechatroniker-Azubi, wenn auch sehr beeindruckend, so fuer die Einstellung doch total egal gewesen.

Das heisst in meiner Schlussfolgerung eben sequentiell:

- In den verschiedenen Schultypen jeweils ein "Rundumprogramm" (wenn auch verschiedener Tiefe) zu lehren, waere ein absolut wuenschenswertes Ziel.
- Das halte ich fuer unrealistisch und konstatiere, dass man realiter aus dem, was eigentlich auch Hauptschuelern vermittelt werden muesste, eine Auswahl treffen muss. Die Ursachen dessen (obsolete Lehrplaene, lustlose und demotivierende Vermittlung, soziale Rahmenbedingungen der Schueler, allgemeine Kulturmuedigkeit der Gesellschaft, ...) betrachte ich erst mal als exogen und somit nicht kurzfristig im Modell aenderbar.
- Wenn schon nur eine Auswahl der eigentlich sinnvollen Inhalte vermittelt werden kann, ist es widersinnig, Dinge, die notwendig sind, damit Hauptschueler berufsausbildungstauglich werden, auszulassen, um ihnen ein besseres kulturelles, ethisches oder anderweitig humanistisches Fundament zu geben.

Schwierig, keine Frage. Und eine allgemeingueltige "beste Loesung" gibt es eh nicht.

Zitat

Jedes Potenzial muss erst einmal geweckt und dann entwickelt werden.


Auch hier volle Zustimmung im Grundsatz, aber hier fehlt mir in der arg gleichmacherischen Schulpolitik die Erkenntnis, dass wir -voellig wertfrei- eben nicht alle das gleiche Grundpotential in allem haben.

---

@Kontrapunkt:

Zitat

dann ist also das Heranführen an klassische Musik, um es zugespitzt zu formulieren, durchaus notwendig, um dem in aller Welt geschätzten deutschen Humankapital den letzten Schliff zu verpassen?
Das glaube ich nicht. Ein Diplom-Ingenieur wird in einem Bewerbungsgespräch wohl kaum durch seine Liebe zu Beethoven den Zuschlag erhalten.
Warum muss man denn die Absicht, Schülern einen weiteren musikalischen Horizont aufzuzeigen, immer wieder auf die Bedürfnisse des Wirtschaftsstandorts rückbinden?


Moeglicherweise war mein Beitrag in dieser Hinsicht ein wenig missverstaendlich.

Zunaechst dies vorab: Ich schliesse mich Walter in Bezug auf die Anforderung "Bildung" an und lenke den Blick des geneigten Lesers zusaetzlich einige Zeilen zurueck nach oben zum Thema "Assessment Center". Mit anderen Worten: Doch, natuerlich ist "Kultur" Einstellungsfaktor, mit steigender Hierarchieebene ein deutlich wichtigerer als Fach- oder Expertenwissen.

Aber zurueck zum Thema:

Ich persoenlich trauere der klassisch-universellen "Rundumbildung" sehr deutlich nach - und habe mich seinerzeit zur Gymnasialzeit ebensogern mit Informatik wie mit Altgriechisch vergnuegt. Ich bin somit fest davon ueberzeugt, dass eine technokratische "Lehrplanumsetzungsstrategie" zu kurz gehuepft ist.

Natuerlich geht es um die charakterliche und ethische Praegung und kulturelle Bildung junger Menschen. Zumindest soweit das moeglich ist, wo von den Eltern kein entsprechendes Fundament gelegt wird - das kann eine Schule nicht ausgleichen und das kann auch nicht Aufgabe der Schule sein.

Mein Ansatz war ganz im Gegenteil zum moeglicherweise Vermuteten, gedanklich den "kanonischen Ansatz" und den "berufszentrierten Ansatz" einander naeher zu bringen.

Denn selbst wer Schule als rein berufsvorbereitende Institution ansieht, wird in der heutigen Zeit damit konfrontiert, dass "der ganze Mensch" deutlich wichtiger wird als dessen Dreisatz- oder Geschichtskenntnisse.

Mit anderen Worten: Wir sollten alle nicht Beethoven kennen, weil die Wirtschaft es so will - sondern wir sollten uns freuen, dass auch "die Wirtschaft" langsam erkennt, dass die wertvollsten Arbeitnehmer diejenigen sind, die mehr koennen als Zahlen aufaddieren.

Beste Gruesse
epi
In the beginning the universe was created. This has made a lot of people very
angry and is generally considered to have been a bad move. (Douglas Adams)